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Informationen zur Sendung vom 1. Oktober 2012

Psychotherapie beim „Heilpraktiker für Psychotherapie“?


„Bin ich „verrückt“, wenn ich eine Psychotherapie mache oder kann ich da tief durchatmen...?“


Dank meines Gastes Dr. paed. Werner Weishaupt, Heilpraktiker für Psychotherapie und Präsident des Verbandes Freier Psycho-therapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologischer Berater e.V., sowie Leiter des Zentrums für Angewandte Kinesiologie in Salzgitter-Bad, weiß ich nun: „Nein“.

Diese Sorge wollte und konnte er mir nehmen. Es sei eine weit verbreitete Befürchtung, dass Psychologen und Psychotherapeuten ein Hauptinteresse daran hätten, die Menschen einzuteilen in „normal“ und „verrückt“. Das jedoch läge diesen Berufsgruppen völlig fern. Dem Heilpraktiker für Psychotherapie ginge es darum, Menschen zu unterstützen, die mit bestimmten Lebensschwierigkeiten alleine nicht mehr klarkommen, und da professionelle Hilfe bräuchten und wünschten.

Mit welchen Problemen kommen die Menschen am häufigsten in die psychotherapeutische Praxis?

Weishaupt:
In Bezugnahme auf Statistiken, sind das Menschen mit
-         Angststörungen
-         Depressionen
-         Burn-out –Zuständen (= chronische Erschöpfungszuständen)

-         „psychosomatischen Symptomen“, bei denen Beschwerden vorliegen, die den Betroffenen quälen ohne, dass organische Befunde vorliegen

In der Regel ist bei psychosomatischen Beschwerden schulmedizinisch alles abgeklärt, aber die lästigen Symptome sind trotzdem da und machen dem Einzelnen zu schaffen. Da lohnt es sich, einmal die psychischen Hintergründe auszuleuchten.

Mit welchen psychosomatischen Erkrankungen kommen die Menschen in die Praxis?

Weishaupt:
Das kann alle Organsysteme betreffen:
-         Haut
-         Atmung, Lunge, Bronchien, Asthma
-         Herzrhythmusstörungen
-         unklare Magen-Darm-Probleme
-         Verdauungsschwierigkeiten
-         Kopfschmerzen/ Migräne

Im Grunde genommen gibt es kein Organ, das nicht betroffen sein kann.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Heilpraktiker für Psychotherapie und einem klassischen Psychologen?


Weishaupt:
Die Unterschiede liegen in verschiedenen Ausbildungen. Der klassische Psychologe hat Psychologie an einer wissenschaftlichen Hochschule studiert. Er kann in dem Bereich der Psychotherapie tätig werden. Aber viele Psychologen sind auch in anderen beruflichen Bereichen: in der Werbung, im kaufmännischen Bereich usw. tätig, machen dort Test- und Persönlichkeitsforschung...

Für die Psychotherapie gibt es insgesamt drei relevante Berufsgruppen:
-         die ärztlichen Psychotherapeuten
-         die psychologischen Psychotherapeuten (mit Psychologiestudium und anschließender therapeutischer Weiterbildung)
-         den Heilpraktiker für Psychotherapie (mit staatlicher Prüfung durch das Gesundheitsamt für den Bereich der psychologischen und psychotherapeutischen Heilkunde)

Gibt es für den Heilpraktiker für Psychotherapie irgendwelche gesetzliche Grenzen?


Weishaupt:
Die sind ziemlich genau definiert. Menschen mit Krankheitsbildern, die den Psychiater brauchen - noch eine Berufsgruppe in diesem ganzen Feld – die also medikamentös behandelt werden müssen, die gehirnorganische Ursachen haben, das sind keine Patienten für den Heilpraktiker für Psychotherapie. Dieser beschränkt sich auf die leichteren, alltäglichen Störungen, die trotzdem das Leben zur Qual machen können.

Welcher Patient muss vom Heilpraktiker für Psychotherapie konkret zum Arzt geschickt werden?

Weishaupt:
Das ist genau festgelegt, welche Menschen ärztliche, fachärztliche und gegebenenfalls auch medikamentöse Hilfestellung brauchen, Diagnose und Therapie, zum Teil auch in stationäre Behandlung aufgenommen werden müssen.

Das sind Menschen mit:
-         ganz schweren Depressionen
-         Schizophrenien
-         Psychosen, bei denen zwischen Denken, Fühlen und Handeln etwas so im Menschen „ver-rückt“ worden ist, dass er seinen Alltag nicht mehr alleine meistern kann

Der Heilpraktiker für Psychotherapie konzentriert sich auf die sogenann-ten „neurotischen Störungen“, die jeder von uns mehr oder weniger zu eigen hat: kleine „Verrücktheiten“, die sich aber manchmal so auswachsen können, dass auch die Lebensqualität dadurch sehr beeinträchtigt wird.

Wie finde ich einen guten Heilpraktiker für Psychotherapie?

Weishaupt:
Viele Heilpraktiker für Psychotherapie stehen im Telefonbuch, annoncieren in den Zeitungen. Das Internet ist aber sicher die umfangreichste Quelle. Hier gibt es verschiedene Suchmaschinen.
Wenn man den Begriff „Heilpraktiker für Psychotherapie“ und z.B. die Region „Hannover“ eingibt, dann wird man eine ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen finden, mit ihren persönlichen Praxisschwerpunkten, mit ihren speziellen Ausbildungen und Therapiemethoden usw. und kann dann unmittelbar per E-mail oder  Telefon Kontakt aufnehmen und einen Termin machen.
Der Vorteil unserer Kolleginnen und Kollegen ist, dass es so gut wie keine Wartezeiten gibt, oder minimale, je nach Auslastung, im Unterschied zur Liga der approbierten Therapeuten, die in der Regel überlastet sind, wo Wartezeiten bis zu einem halben Jahr keine Seltenheit sind.

Kann ich, wenn ich auf der Warteliste für einen Psychologen stehe, aber jetzt Hilfe brauche, trotzdem den Heilpraktiker für Psychotherapie in Anspruch nehmen und zahlt das die Kasse?


Weishaupt:
In Anspruch nehmen, kann man unsere Kolleginnen und Kollegen auf jeden Fall. Sei es auch nur zum Überbrücken einer solchen langen Wartestrecke. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen diese Behandlungen/ diese Sitzungen, in aller Regel nicht. Ausnahmen sind möglich. Da kann man mit der einzelnen Kasse verhandeln. Solche Ausnahmen werden auch immer wieder mal bewilligt. Aber grundsätzlich werden nur die approbierten Therapien bei den psychologischen Psychotherapeuten, regelmäßig von den Krankenkassen erstattet.

Kann ich die Kosten nicht eventuell auch steuerlich absetzen?


Weishaupt:
So wie alle Aufwendungen, die wir für die Gesundheit/ Gesunderhaltung haben, können auch die psychotherapeutischen Sitzungen, die Honorarkosten bei der Steuer geltend gemacht werden unter: Sonderausgaben. Da gibt es bestimmte Freibeträge. Aber wenn man darüber kommt, dann lohnt sich das auf jeden Fall, alle diese Belege zu sammeln und bei der Steuer einzureichen.

Wie kann ich mir den Ablauf einer Psychotherapie vorstellen?

Weishaupt:
In aller Regel kommt der Klient oder Patient, dann zum verabredeten Termin in die Praxis und erzählt erst mal sein Anliegen, das, was ihn eben hergeführt hat und die Kollegin/ der Kollege wird zunächst zuhören, wird gezielte Fragen stellen, um sich ein vorläufiges Bild zu machen, eine gewisse diagnostische Einschätzung vornehmen, um dann die passenden Therapiebausteine, für diesen Patienten/ diese Patientin, genau heraus zu finden..

Im Weiteren wird dann verabredet, zum Beispiel, im welchem Rahmen diese Therapie statt findet, ob als Einzeltherapie, Paartherapie, Familientherapie.

Denn viele Dinge, die uns zu schaffen machen, hängen ja mit den Menschen zusammen, mit denen wir im Clinch liegen, mit denen wir Konflikte haben, die uns dann auf den Magen schlagen usw. usw. .
So dass es relativ häufig ist, man nimmt Mutter und Kind zusammen oder Vater und Kind oder die Eltern, auch, wenn das Kind Symptome zeigt. Diese Dinge werden in der ersten Sitzung besprochen und von da an geht dann die eigentliche Therapie los, nach den ersten Klärungen.

Wichtig ist dann, mit welcher Methode gearbeitet wird und da haben wir Heilpraktiker für Psychotherapie, gegenüber dem Kassenpsychologen einen großen Vorteil, weil wir methodisch sehr frei arbeiten können und dürfen.

Welche Therapieangebote finde ich beim Heilpraktiker für Psychotherapie, die ich beim Psychologen nicht finde?

Weishaupt:
Da gibt es eine ganze Fülle:

Das sind die Methoden der Körperpsychotherapie, also bei mir speziell zum Beispiel die „Angewandte Kinesiologie“. So dass wir über den Muskeltest Fragen stellen, an das Unbewusste, an den Körper und hier sehr schnell die entscheidenden Dinge herausfinden können, die dem Einzelnen zu Schaffen machen, die er bislang noch nicht allein verarbeiten konnte.

Das können Rollenspiele sein. Das kann Familienaufstellung sein. Das kann Mal-, Kunst-, Gestalttherapie sein. Die wissenschaftliche Forschung hat mittlerweile viele Methoden für gut befunden. Durch politische Gründe dürfen die Kassentherapeuten vieles davon nicht anwenden. Aber wir sind davon, wie gesagt, völlig frei.

Buchtipp:
„Die große Welt der Freien Psychotherapie“ ,
Mit Beiträgen der besten Heilpraktiker/innen für Psychotherapie und Psychologischen Berater/innen Deutschlands, Abbas Schirmohammadi/ Dr. Werner Weishaupt, Shaker media Verlag

Gast:
Dr. paed. Werner Weishaupt
Dozent und Heilpraktiker für Psychotherapie
Praxis im Zentrum
Petershagener Str. 50
38259 Salzgitter
Telefon: 05341 -392715
Telefax: 05341 - 811428
E-mail:
kinesiologiesz@aol.com
URL:
www.kinesiologie-sz.de



Informationen zur Sendung vom 5. November 2012

Depressionen

„Wie ist das eigentlich, wenn eine Depression hat? Was sind die Auslöser? Und noch viel wichtiger: Was kann ich dagegen tun?“ Licht in dieses dunkle Thema, hat mein hochkompetenter Gesprächs-partner Thomas Schnura aus Hannover gebracht. Thomas Schnura hat Psychologie und Geisteswissenschaften studiert, ist außerdem Heilpraktiker, Psychotherapeut und erfolgreicher Roman- und Fachbuchautor. Her(t)zlichen Dank für dieses tolle Gespräch!

Jeder von uns hat bestimmt schon einmal den Begriff Depressionen gehört. Was ist eigentlich eine Depression?

Schnura:
Das ist gar nicht so leicht zu sagen, wie es auf den ersten Blick klingt. Das ist zum Einen eine allgemeinsprachliche Verwendung, die nicht klinisch oder nicht medizinisch zutreffend ist, will sagen, z.B. ich bin depressiv, dabei meinen wir eigentlich nur: Ich bin traurig oder depressiv verstimmt. Die eigentliche Depression, die in der Medizin sogenannte „Major Depression“, die große Depression, ist eine ganz üble Krankheit, eine der übelsten, die der Mensch kriegen kann.

Wir sind zum Einen natürlich: niedergeschlagen, haben Freude und Interesse am Leben verloren. Aber dann gibt es auch noch eine relativ sichere und zuverlässige Reihe von körperlichen Symptomen:
Der Depressive hat zum Beispiel typischerweise Schlafstörungen, er hat Appetitverlust, er wird sich nicht mehr konzentrieren können, seine Merkfähigkeit ist eingeschränkt. Das heißt: Es ist ein wirklich schweres, körperliches Krankheitsbild, bei dem inzwischen auch schon einigermaßen sicher ist, dass es auf einem Serotoninverlust* oder einem Serotoninmangel im Gehirn beruht.

Das ist die große Depression, die ist noch relativ selten. Menschen mit einer echten Depression gehören tatsächlich in klinische Behandlung und die kommen in ihrem privaten Leben auch gar nicht zurecht.

Was gibt es noch für Depressionsformen?

Schnura:
Es gibt das, was wir so allgemein als „Depression“ bezeichnen. Das ist meistens eine reaktive Depression, das heißt es passiert etwas, was uns so bedrückt, dass wir nicht mehr aus der schlechten Stimmung heraus kommen. Die andere Seite ist natürlich, dass wir unterscheiden müssen, ob der Mensch nicht eine ganz normale und natürliche Trauerreaktion hat. Das muss gegeneinander abgegrenzt werden, weil wenn wir einen Verlust erleiden. Ein geliebter Mensch zum Beispiel ist gestorben, dann sind wir nicht depressiv, sondern traurig. Dann ist die Bezeichnung nicht angebracht, obwohl man es weiterhin so sagen wird. Aber dann ist es keine Depression, sondern eben eine normale Trauerreaktion.

Es gibt aber auch noch ein paar andere Depressionen, die nun irgendwie eine andere Geschichte haben, wie zum Beispiel die Erschöpfungs-depression, die zur Zeit gerade gemeinhin Burn-out genannt wird. Dann haben wir saisonale Depressionen. Jetzt im Herbst-/Winterhalbjahr ist so der Beginn der saisonalen Depression, spätestens ab Februar/ März, sagen die Ersten: „Oh, ich halt es nicht mehr aus. Könnte nicht mal wieder die Sonne scheinen?!“. Und dann werden wir trübseelig, übellaunig und wer dann die ersten paar Sonnenstrahlen ausnutzt stellt häufig fest, dass diese saisonale Depression, fast schon durch die Sonne behoben werden kann.

Dann haben wir larvierte Depressionen. Das sind Depressionen, die zeigen sich im Wesentlichen, in körperlichen Symptomen. Diese körperlichen Symptome können ganz unterschiedlicher Art sein, aber sie sind unerwartet und überraschend.

Und eine ganz besonders schlimme Art der Depression, ist die sogenannte „Post-partem Depression“: Eine Depression, die sich nach Geburten einstellt und nicht zu verwechseln ist, mit den üblichen „Heultagen“, sondern Mütter von frisch geborenen Kindern verfallen einfach in eine Depression.

Was sind denn die möglichen Auslöser für einer Depression?

Schnura:
Das ist sehr vielfältig. Am überraschesten sind Depressionen, die sozusagen aus heiterem Himmel kommen. Mir ist der Fall einer Patientin bekannt, die ein ganz übliches, durchschnittliches, normales Leben gelebt hat, mit der normalen Ehe, normaler Familie, die normalen Belastungen, nichts, was über das Maß des Normalen hinaus geht, und eines morgens wurde sie wach und kam nicht mehr aus dem Quark heraus. Also, sie hat es nicht einmal mehr geschafft, ihren Kindern Brot und Äpfel für die Schule zu machen. Da kann man nicht sagen, dass es einen Auslöser gibt. Vielleicht, dass über Nacht, irgendetwas den Stoffwechsel im Gehirn umgestellt hat - und dann ist die Depression da gewesen. Aber das ist eher die Ausnahme.

Häufig finden wir Menschen, die in langfristig belastenden Situationen sind, sagen wir mal Dauerstress: Man hat das Übliche zu tun, dann ruft noch der Steuerberater an, dann wollten wir auch noch zum Markt fahren und dann hat auch noch der Mann an diesem Tag diesen Termin verpasst und dann ruft noch die beste Freundin an und sagt: „Ich komme nicht mit ins Kino.“ Und dann bricht irgendetwas zusammen, wie man so sagt, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, und wenn vorher schon eine gewisse familiäre Veranlagung da gewesen ist, dann tritt durch manchmal lächerlich kleine Auslöser eine lawinenartig schwere Reaktion ein. Das sind keine bestimmten Auslöser. Man kann also nicht sagen, dass es zum Beispiel typischerweise Verluste sind. Wir sind zwar als Menschen auf Verluste abboniert, wir mögen sich nicht, wir tun so gut wie alles, um sie zu vermeiden, und die sind typischerweise auch die schlimmsten Dinge für uns, wenn wir etwas verlieren, Menschen, die wir lieben, aber es müssen nicht diese schlimmen Ereignisse im Leben sein, die eine Depression auslösen. Es können manchmal ganz alltägliche Dinge sein.

Angenommen mein Vater oder meine Mutter hat eine Depression. Muss ich dann Angst haben, dass ich die auch kriege oder sogar meine Kinder?


Schnura:
Ich sage es nicht gerne, aber wir wissen jedenfalls, dass es eine gewisse familiäre Häufung gibt. Wir können aber nicht sagen, ob das jetzt zum Beispiel genetisch bedingt ist - es ist wie mit Stoffwechselkrankheiten, die ja auch familiär gehäuft auftreten – oder, ob wir es nicht zu tun haben mit sozialem Lernen, der sogenannten „erlernten Hilflosigkeit“. Das heißt, das Kind lernt von seinem einem Elternteil, oft von der Mutter, dass es besser über „ich kann nicht“ oder „ich weiß nicht“ reagiert, „ich hab´ keine Ahnung, was ich machen soll“, „es geht mir ganz schlecht“, „ich bin ein armes Hascherl“ - so in diese Richtung - und wenn das eine mögliche Reaktion ist, dann ist man sozusagen zum „Opferdasein“ verdammt, kann nicht selber aktiv werden und kann sich dann nur noch über aggressive Äußerungen oder über Rückzug abreagieren, bei denen wir uns dann eben in die Depression zurückziehen, und das ist so ein Stichwort: „erlernte Hilflosigkeit“, die als psychosoziales Lernen auch bezeichnet werden kann.


Selbstmordgefahr bei Depressionen: Ist da was dran?

Schnura:
Unbedingt. Es gibt keine andere Krankheit, bei der die Suizid- oder Selbstmordrate so hoch ist. Man sagt also einerseits, von der einen Seite aus betrachtet, 15 Prozent aller Depressiven begehen Selbstmord. Es gibt keine andere Krankheit, bei der die Suizidrate so hoch ist, auch nicht Krebs oder Aids oder Niereninsuffizienz** mit Dialysepflicht*** und zum anderen, umgekehrt von der Suizidrate - wir haben jedes Jahr in der Bundesrepublik zwischen 11.000 und 12.000 Suizide - sagt man: 80 Prozent der Suizide sind mindestens depressiv begleitet, das heißt die Menschen hatten im zeitlichen und lebenssozialen Umfeld eine Depression. Also da ist das Risiko extrem hoch. Und für Angehörige heißt das: Achtet auf Menschen, von denen ihr wisst, dass sie eine Depression haben und vor allen Dingen achtet auf sie, wenn sie aufhören zu sprechen. Wir müssen auf unsere still gewordenen oder auf unsere Stillen aufpassen, weil wenn die Menschen aufhören, über sich und ihr Leben zu sprechen, dann bedeutet das so etwas wie, nach außen hin jedenfalls erkennbar, sie haben sich aufgegeben. Dann können Angehörige auch noch denken: „Ah, Papa oder Mama oder Oma ist über den Berg!“. Es scheint ihm oder ihr besser zu gehen. Man wirkt plötzlich wieder wie gelassen: „Ja, jetzt ist okay./ Klar geht schon.“ Und dabei hat man innerlich den Suizidplan schon längst gefasst, das heißt, wer die Entscheidung gefällt hat: „Jetzt nehme ich mir das Leben, jetzt ist es vorbei, jetzt reicht es“, wer die Entscheidung gefällt hat, der wird plötzlich entspannt, gelassen und weiß: „Das Elend hat bald ein Ende.“ Also, es gibt wie gesagt keine andere Krankheit, bei der das Suizidrisiko so hoch ist.

Da muss ich also als Angehöriger ganz sensibel sein...

Schnura:
...na ja, sensibel: Das ist so eine zweischneidige Sache. Wissen Sie, wenn Sie auf einen Kranken eingehen, dann müssen Sie sich auf seine „kranke Ebene“ einlassen und es ist natürlich auch notwendig, dass die Angehörigen für sich selber sorgen und nicht mit in das Elend hineingezogen werden. Ich stelle mir das sehr schlimm vor, Kind von depressiven Eltern zu sein. Was sollen die Kinder damit anfangen?

Wie sieht denn mit den Angehörigen aus? Brauchen die dann auch eventuell psychologische Unterstützung?

Schnura:
Nicht eventuell, sondern auf jeden Fall. Das ist ein ganz wichtiges Thema. Es gibt eine Reihe von - hier sind wir bei den affektiven Psychosen**** - aber auch zum Beispiel von Persönlichkeitsstörungen, wo die Angehörigenarbeit ein ganz wichtiger Teil ist. Denn das System, die Familie, das soziale Umfeld hat mit dieser Krankheit zu tun und wer einmal einen Depressiven live erlebt hat, der wird feststellen, das diese Depression fast etwas ansteckendes hat. Also, die sind in der Lage, eine ganze Party zum Absturz zu bringen und daher ist die Angehörigenarbeit ein ganz wichtiger Teil des Großfeldes „Therapie bei Depressionen“.

Die Schulmedizin setzt in der Behandlung von Depressionen häufig auf Medikamente, sogenannte Antidepressiva. Macht das Sinn?

Schnura:
Wenn es sich um eine „Major depression“, also die richtig große, affektive Psychose handelt, dann muss man sagen: Ja, es macht Sinn. Im schlimmsten Falle kann eine Depression bis in den sogenannten „katatonen Stupor“ abrutschen, das heißt die Menschen scheinen nach außen hin zu erstarren. Sie tun einfach nichts mehr. Sie sitzen da wie eine Wachspuppe, rühren sich nur noch dann, wenn man sie bewegt und können dabei richtig, richtig böse vor die Hunde gehen. Da sind dann Antidepressiva eine Möglichkeit, um erst einmal aus diesem Einfrieren, aus diesem Verharren, heraus zu kommen. Das dann im Anschluss eine psychotherapeutische Begleitung notwendig ist, da sind wir uns aber auch einig.

Welche alternativen Behandlungsmöglichkeiten gibt es denn dann?

Schnura:
Also bekannt ist, es gibt ganze Programme aus der Verhaltenstherapie, die bei Depressiven greifen. Man arbeitet hier multifaktoriell, also psychotherapeutisch, heißt zum Beispiel mit Verhaltenstherapie, mit Angehörigenarbeit, mit sogenannten systemischen Verfahren. Darüber hinaus kann man zum Beispiel einiges machen aus dem Bereich Bewegung/ Sport. Wenn man Depressive in Bewegung kriegt, was gar nicht so einfach ist, wenn man die dazu kriegt zum Beispiel irgend einen Ausdauersport zu machen, zum Beispiel Nordic Walking und sei es nur das, dann ist man schon mal auf einer guten Spur, weil das führt dazu, dass der Körper insgesamt auch wieder in Bewegung kommt und das bringt den Menschen dann schon in eine bessere Grundstimmung, und dann kann man auch mehr anderes tun. Also die Psychotherapie ist ja auf die Mitarbeit des Patienten angewiesen. Aber wenn er im Grunde erstarrt ist, geht da auch nichts. Das heißt also die Voraussetzung ist, dass der Patient kooperationsfähig ist.

Angenommen ich habe eine Depression oder eine depressive Verstimmung und ich komme zu Ihnen in die Praxis. Wie läuft das dann ab?

Schnura:
Ich werde mich zunächst einmal orientieren, ob Sie wirklich eine große Depression haben oder eine depressive Verstimmung. Wenn sich heraus stellt, dass Sie eine große Depression haben, dann würde ich Ihnen raten, erst einmal für eine gewisse Zeit einen Psychiater aufzusuchen und sich medikamentös behandeln zu lassen, und dann schauen, ob es irgendwelche Begleitumstände in Ihrem Leben gibt, die eine Depression begünstigen. Und da würde ich dann mit Ihnen, mit den verschiedenen Techniken, die uns zur Verfügung stehen, darüber arbeiten, wie Sie sich das Leben erleichtern können. Also wie Sie zum Beispiel dafür sorgen können, dass Sie von dem Ärger in der Familie nicht so belastet werden, wie Sie Ihren Alltag effektiver gestalten können, wie Sie alltäglich Platz, Zeit, Raum für sich schaffen können. All das sind Dinge, die wir dann erarbeiten würden.

Ich weiß, Sie machen auch Akupunktur. Ist Akupunktur auch etwas bei Depressionen?


Schnura:
Es ist zumindest eine unterstützende Möglichkeit. Ich würde ganz sicher nicht sagen, dass Akupunktur bei Depressionen indiziert ist. Aber wenn ich mit einem Patienten psychotherapeutische Behandlung mache, kann ich ihm anbieten und würde das im Übrigen auch tun, eine Akupunktur-Zusatzbehandlung. Das heißt also es gibt drei Punkte, das sogenannte „Depressions-Dreieck“, das befindet sich an der Hand. Das sind drei Akupunkturpunkte, die genadelt werden, die eine gewisse Möglichkeit zusätzlich geben, die zum Beispiel den Schlaf verbessern, die Lebendigkeit, also den Energiefluss optimieren, so ungefähr als Möglichkeit haben wir das in der Akupunktur noch enthalten.

Buchtipps:
Für Betroffene:
„Mein schwarzer Hund: Wie ich meine Depression an die Leine legte“, Johnstone, M. (Kunstmann Verlag)

Für Angehörige:
„Mit dem schwarzen Hund leben: Wie Angehörige und Freunde depressiven Menschen helfen können, ohne sich dabei selbst zu verlieren“, Johnstone A. + M. (Kunstmann Verlag)

Gast:
Thomas Schnura, Heilpraktiker + Psychologe M.A.
Lister Straße 7
30163 Hannover
Tel.: 0171 – 317 86 63


Informationen zur Sendung vom 7. Januar 2013

Burnout

Den Begriff „Burnout“ hat sicherlich jeder schon einmal gehört. Was hat es auf sich mit diesem „Ausgebranntsein“? Eine echte Krankheit? Oder nur eine Modeerscheinung?

Peggy Ahlborn, Gesundheits- und Burnoutberaterin aus Seelze, hat mit mir über dieses brennend interessante Phänomen gesprochen - und vor allem Lösungswege vorgestellt, wie man aus dem Burnout wieder herauskommt: Her(t)zlichen Dank für das tolle Gespräch!

Was ist das eigentlich, dieses Burnout? Eine Krankheit? Ein Trend? Oder etwas ganz anderes?

Ahlborn:
„Brennendes Phänomen“ klingt schon ganz gut. Aber es ist auf keinen Fall nur ein Trend oder eine Modeerscheinung. In einem Buch habe ich kürzlich gelesen: 1976 sprach man schon vom „Erschöpfungssyndrom“. Also gibt es das wohl schon länger.

Heutzutage betrifft es nicht nur Manager, das ist früher gewesen, man hat es den pflegenden Berufen, den lehrenden Berufen zugesprochen. Aber in meiner Praxis ist es so, es klingeln sogar Mütter mit Doppelbelastungen: Beruf, Familie, Kinder, alles wird zuviel. Ich denke, es liegt auch an der schnellen Zeit, in der wir leben.

Ich frage mal so salopp: Was muss ich tun, um ein Burnout zu bekommen?

Ahlborn:
Auf jeden Fall hat jeder Mensch, der Richtung Burnout geht mal für etwas „gebrannt“. Er hat sich für etwas begeistert. Er war in Arbeit, er hatte Hobbys, er hatte Freunde – die er immer noch hat – aber er meint, es ist verloren gegangen - und das ist nicht immer richtig! Das gilt es klarzustellen.

Frau Ahlborn, Sie haben gerade gesagt „ausgebrannt“. Das heißt, das ist ja ein Endzustand. Wie kommt der zustande? Wie muss man das mit diesen „Energieverhältnissen“ sehen?

Ahlborn:
Man kann es sich bildlich mal vorstellen, wie so eine Akku-Batterie - die wir alle kennen  - die so im Telefon ist: Die ist ja eigentlich voll. Und morgens, frühmorgens sollte die voll sein. Und aus diesem Akku geben wir den ganzen Tag unsere Energie: in die Familie, in die Arbeit, in die Freunde, ins Hobby – je nachdem – und abends oder nach der Arbeit, irgendwie müssen wir wieder aufladen. Und im Burnout gelingt es dem Menschen nicht mehr dieses Akku aufzuladen. Und sie merken es auch gar nicht erst, also fahren sie immer mit einem weniger volleren Akku, jeden Morgen.

Gibt es denn Menschen, die besonders gefährdet sind ein Burnout zu entwickeln?

Ahlborn:
Ja, also die Studien belegen schon auf den höheren Ebenen: Manager, in den Banken, in Pflegeberufen, in sozial helfenden Berufen, Ärzteschaft - und vor allem auch viele Lehrer. Aber es zeigt sich in den neueren Studien, auch der Studie von der AOK - der letzten – dass es eben auch ganz normale Berufe betrifft, zum Beispiel den Koch, oder die Verkäuferin, die immer mehr Stunden für immer weniger Geld machen muss: Überstunden. Oder auch die Hausfrau, die auf jeder Veranstaltung der Kinder sein muss, sich zu jedem Kuchen backen verpflichtet fühlt und zuhause dem Mann auch noch eine gute Frau sein will, also auch die Hausfrauen sind betroffen, es ist nicht mehr nur „Manager-Phänomen“.

Wir haben ja schon gehört, so ein Burnout kommt nicht von heute auf morgen, Gibt es bestimmte Stadien oder Phasen, in denen das Burnout abläuft?

Ahlborn:
Ja, also ich denke schon. Es zeigt sich vor allem, dass am Anfang, immer ein Drang nach Leistung besteht. Die Leute sind fleißig, hetzen von einem Termin zum anderen. Sie wollen sich immer beweisen, egal ob im Beruf oder privat. Irgendwann vergessen sie allerdings dabei sich selbst, um sich zu kümmern, um die Bedürfnisse und das ist das sogenannte „Hamsterrad“, in dem sie sich bewegen: Immer rein, immer rein, laufen, laufen, laufen – und keine Erholung wirkt mehr - das ist so das Erste. Das merken die meisten Leute aber nicht. Dann werden sie müde, träge, unzufrieden, lustlos und dann wird es schon gefährlicher, dann ziehen sie sich zurück, verlieren soziale Kontakte, zu ihrer eigenen Person finden sie keine guten Worte mehr. Also, sie sind automatisiert, sie arbeiten nur noch nach Plan, nach Ablauf und die Gefühle bleiben auf der Strecke und dann geht es auch schon in die „depressiven Verstimmungen“, was ich an sich schon gefährlich finde.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Burnout und Depression?


Ahlborn:
Also für mich persönlich, Leute mit einem beginnenden Burnout und die, die in einem Burnout sind, die können zu mir kommen, Leute mit einer Depression würden erstens nicht zu mir kommen, das schaffen die gar nicht mehr und ich würde sie auch in psychiatrische Behandlung schicken.


Läuft Burnout bei jedem gleich ab – oder gibt es verschiedenen Formen von Burnout?

Ahlborn:
Es ist individuell. Jeder Mensch ist ja geboren und geworden nach seinem eigenen Muster und ein Burnout würde bei mir anders aussehen als bei meinem Nachbarn. Also das geht nicht. Jeder Mensch ist ja auch anders in seinen Anforderungen an sich selbst, an seine Umwelt und jeder nimmt es anders wahr. Also, es ist schwierig da eine Einheit zu finden.

Was sind die „eigentlichen“ Ursachen für das Burnout?

Ahlborn:
Also im beruflichen Leben höre ich oft von den Klienten, dass sie überfordert sind, kein Lob bekommen, wenig positive Rückmeldung – was sich doch jeder wünscht im Leben – zu lange Arbeitszeiten, wenig Zeit für Freizeit und Familie - das sind immer die Männer, die das so bedauern. Bei den Frauen ist es eher umgekehrt, die würden gerne mehr arbeiten, sind an zuhause gefesselt durch die Kinder. Das sind so die groben Punkte.

Wir suchen ja die Auslöser für ein Burnout immer im Außen. Gibt es auch innere Ursachen für ein Burnout?

Ahlborn:
Ja, dafür gibt es jede Menge. Das fängt schon beim Zeitmanagement an. Also viele verzetteln sich, verplanen sich, meinen sie hätten gar keine Zeit und so einen richtigen Tagesplan haben sie auch nicht. Dann gibt es unsere sogenannten „inneren Antreiber“: Wonach leben wir? Sind wir Perfektionisten? Müssen wir immer „höher, schneller, weiter“? Oder wollen wir immer beliebt sein? Benehmen wir uns vielleicht so? Was auf Dauer auch anstrengend sein kann.

Kann auch unsere Vergangenheit etwas damit zu tun haben, ob wir ein Burnout entwickeln oder nicht?

Ahlborn:
Vielleicht ja. Die Studien sagen schon, dass es damit zu tun haben kann. Aber in dem Moment ist es eher Aufgabe im Jetzt zu bleiben und zu helfen.

Kommen wir noch mal zurück zu den „inneren Antreibern“. Können Erlebnisse aus der Kindheit oder als Jugendlicher dazu führen, dass ich später ein Burnout entwickele?


Ahlborn:
Ja, das wollte ich damit auch sagen. Die „inneren Antreiber“, die rühren ja nicht vom Jetzt. Die haben wie erlernt über viele Jahre, in der Kindheit, in der Jugend, wenn die Eltern sagen: „Tue es so und nicht so“ und „Beeile Dich“ und „Sei auf der Hut“  und „Sei immer beliebt“ und „Tue das für die Anderen und nicht für Dich“. Das sind Erkenntnisse aus der Kindheit und der Jugend und die müssen dann, wenn es soweit ist, wieder neu aufgearbeitet werden.

Und was ist mit dem Körper? Reagiert der auch auf Burnout?


Ahlborn:
Anfangs eventuell noch nicht. Aber wenn der Leistungsdruck zu hoch ist, dann reagiert er. Als erstes mit Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit. Man macht weniger Sport und man kann schlechter schlafen, wobei es dann schon wieder Richtung „depressive Verstimmung“ geht.

Angenommen, ich habe ein Burnout: Wie komme ich da wieder raus?

Ahlborn:
Sie kommen auf jeden Fall da wieder raus. Soviel kann ich schon mal sagen. Ich habe da einen kleinen Workshop, ein Punkteprogramm für mich erarbeitet, was ich in meiner Praxis nutze. Es muss als Erstes natürlich die „Energiebilanz“ gezogen werden. Wir müssen gucken, wo derjenige steht – ich muss ihn da abholen, wo er gerade ist. Und ich kann ihm mein Programm auch nicht aufdrücken, ich mache eine individuelle Beratung. Danach geht es ans Zeitmanagement - ist ganz wichtig - es müssen Problemlösestrategien her. Alte Denkmuster müssen einmal geordnet und überdacht werden. Genusstraining, Entspannung, Achtsamkeit...alles dies führt wieder dazu, dass man sich auf sich selbst wieder besinnt und sich nicht nur von der schnelllebigen Zeit leiten lässt.

„Genusstraining“ was ist das?

Ahlborn:
Genusstraining...schade, dass wir das jetzt nicht machen können, sonst hätte ich Ihnen jetzt mal etwas in die Hand gelegt, sie hätten die Augen geschlossen, sie hätten nicht gewusst, was es ist und wir hätten das mal zusammen ausgepackt. Ganz langsam.

Wie im „Fühlarium“...

Ahlborn:
So ungefähr...Nein, genießen einfach. Man muss sich auch die Erlaubnis geben wieder zu genießen – und das tun Menschen mit Burnout nicht. Sie müssen erst wieder lernen, dass sie die Erlaubnis haben, genießen zu dürfen. Und, wenn es nur ein warmes Bad ist, eine Tafel Schokolade oder einfach faulenzen.

Sind das auch gleichzeitig Maßnahmen, mit denen ich einem Burnout vorbeugen kann?


Ahlborn:
Auf jeden Fall. Prävention ist bei mir ganz groß geschrieben und Genusstraining, Achtsamkeit, Entspannung gehört da an oberster Stelle dazu.

Ich weiß, Sie bieten auch Entspannungskurse, sogenannte „Chill-Out-Kurse“ an. Was kann ich mir darunter vorstellen?

Ahlborn:
Ja, „Chill-Out“ erst mal, nach der Arbeit, nach 19:00 Uhr auf jeden Fall. Willkommen ist jeder! Und Chill-Out fängst allerdings mit Bewegung an, das glaubt man gar nicht, langsam dehnen und Yoga- Übungen und dann geht es nur noch auf die Matte. Wir reden über den Tag, wir reflektieren: Was war los? Was war toll? Was war schlecht? Und dann werden anerkannte Entspannungsverfahren durchgeführt, z.B. Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung und da die Kurse fortlaufend sind, hat es wirklich einen Trainingseffekt. Jeder kann da was mitnehmen. Und am Ende der Stunde gibt es dann Achtsamkeits-übungen, Atemübungen, Genusstraining.

Buchtipp:
„Burnout-Prävention“, Sich selbst helfen – das 12-Stufen-Programm, Thomas Bergner
2. Auflage, Schattauer-Verlag

Gast:
Peggy Ahlborn, Gesundheits- und Burnoutberaterin
Entspannungspunkt Seelze
De-Haen Str. 11
30926 Seelze
Termine nach Absprache !
Telefon: 05137 – 81 88 52
Mobil: 0174 – 168 36 63

Veranstaltungstipps mit Peggy Ahlborn:
„Ganzheitlicher Entspannungskurs“
Termin: Jeden Donnerstag, 10:00 Uhr
Ort: Kneipp-Verein Garbsen e.V.
Nähere Informationen + Anmeldung unter: 05137 - 7 19 64

„Chill-Out-Kurs für Erwachsene”
Termin: Jeden Dienstag, 19:15 Uhr
Ort: „naturalfit-studio“ Letter
Anmeldung unter: 0511 - 600 53 488

Informationen zur Sendung vom 4. Februar 2013

Kaiserschnitt & Psyche

Immer mehr Frauen entbinden per Kaiserschnitt. Ob medizinisch notwendig - oder auch nicht. Und der hinterlässt seine Spuren. Häufig nicht nur am Bauch, sondern auch an der Seele von Mutter und Kind.
Was tun, wenn die Seele danach Hilfe braucht?

Heinrike Pfohl-Horster, Diplom-Pädagogin, Stillberaterin und GfG-Familienbegleiterin und Karin Helke-Krüger, Diplom-Sozialpädagogin, PEKiP-Gruppenleiterin und Körpertherapeuten, von der KaiserSchnittStelle Hannover, haben es sich zur Aufgabe gemacht Mütter und Kinder bei geplanten und ungeplanten Kaiserschnitt zu unterstützen. Ihre Initiative hilft, traumatisch erlebte Geburten aufzuarbeiten – und vor allen Dingen auch vorzubeugen. Her(t)zlichen Dank für das tolle Gespräch!


Frau Pfohl-Horster: „GfG“-Familienbegleiterin“. Was bedeutet das?

Pfohl-Horster:
Die GfG ist die Gesellschaft für Geburtsvorbereitung und ich habe da eine Ausbildung gemacht, in der es darum geht, Frauen, Kindern und Familien im ersten Lebensjahr einen guten Start zu geben.

Frau Helke-Krüger: Was bedeutet PEKiP?

Helke-Krüger:
PEKiP ist die Abkürzung für Prager-Eltern-Kind-Programm. Dieses Programm wird seit etwa 20 Jahren in Deutschland propagiert und Eltern treffen sich unter Anleitung ungefähr 10 Mal für 1,5 Stunden mit ihren kleinen Babys. Ab der 8. Lebenswoche trifft man sich. Das Besondere ist, dass die Kinder ganz nackt sind und sehr viel Bewegungsfreiheit haben. Der Raum ist sehr erwärmt, so dass die Kinder sich optimal bewegen können und es geht darum, dass die Mütter unter einander Kontakt bekommen, aber auch, dass Spielanregungen speziell für die Kinder entwickelt und den Müttern mit an die Hand gegeben werden und auch dass die Mütter einen Blick bekommen, einen geschulten Blick bekommen, für die Bedürfnislage ihres Kindes. Also es geht nicht darum, das Kind zu „bespielen“, sondern immer genau zu gucken: Was braucht mein Kind jetzt? Möchte es jetzt spielen? Möchte es jetzt essen? Möchte es jetzt schlafen?

Sie kommen ja von der „KaiserSchnittStelle“ Hannover. Wofür steht die „KaiserSchnittStelle“?

Pfohl-Horster:
Die KaiserSchnittStelle hat sich vor ungefähr 4 Jahren gegründet und ist eine Initiative für Frauen, die traumatische Geburten oder auch Kaiserschnitte erlebt haben, aber auch für Frauen, die schon wissen, dass sie per Kaiserschnitt entbinden werden. Und wir bieten verschiedenste Hilfestellungen an, für die Frauen, z.B. Einzelgespräche, wir haben auch einen Gesprächskreis für Frauen, die ihren Kaiserschnitt nicht gut verarbeitet haben und einfach sich noch mal austauschen möchten mit anderen Müttern.

Helke-Krüger:
Ein anderer Aspekt unserer Arbeit ist, dass wir auch in der Region  politisch aktiv werden und Verbündete suchen, um die Kaiserschnittrate zu senken.

Wie viele Kaiserschnitte werden hier bei uns in Niedersachsen jährlich gemacht?

Pfohl-Horster:
Man geht davon aus, dass die Kaiserschnittrate in Niedersachsen etwas über 30 % liegt, damit ist sie schon führend in den Bundesländern in Deutschland.


Was meinen Sie, woher das kommt?

Helke-Krüger:
Es gibt ganz verschiedene Gründe. Es gibt gerade eine aktuelle Studie, die der Bertelsmann-Verlag herausgegeben hat, von der Universität Osnabrück, Frau Petra Kolip hat sie veröffentlicht. Und darin wird gesagt, dass die regionalen Unterschiede damit einhergehen, vor allen Dingen, wie die Ärzte in den Kliniken aufgestellt sind, wie groß die Kliniken sind, wie groß ist die Abteilung, wie stehen sie finanziell da....Es scheint wirklich in erster Linie ein Problem der finanziellen Aspekte zu sein und der Fragen von Haftpflicht und möglichen Klagen und je nachdem, wie die Ärzte damit umgehen, in den Häusern selber, ist die Rate entweder hoch oder ist die Rate geringer. Das ist eine mögliche Erklärung.

Dann kann ich davon ausgehen, dass nicht alle Kaiserschnitte unbedingt medizinisch notwendig sind?!

Helke-Krüger:
Davon gehen wir mit Sicherheit aus und davon können auch Sie ausgehen und das weiß eigentlich auch jeder, der sich inhaltlich mit diesem Thema beschäftigt.

Hat das auch mit dem sogenannten „Wunschkaiserschnitt“ zu tun?

Helke-Krüger:
Die Studie belegt, dass ungefähr 2 % der Frauen einen Wunschkaiser-schnitt durchführen lassen wollen und auch durchführen. Es gibt in Hannover eine Sprechstunde vor dem geplanten Kaiserschnitt, im Henriettenstift. Dort führt eine Hebamme ein ausführliches Gespräch, einmalig oder auch mehrmalig mit den Eltern durch, um über die Chancen, aber auch vor allen Dingen über die Risiken eines Kaiserschnittes aufzuklären, und dadurch kann auch diese Rate noch mal auf 86 % gesenkt werden.

Welche Risiken birgt denn so ein Kaiserschnitt in sich?

Pfohl-Horster:
Das kann ganz verschiedene Risiken haben oder bedeuten. Wir beschäftigen uns natürlich primär bei der KaiserSchnittStelle mit den psychischen Risiken für Mutter und Kind. Also, sprich: Schwierigkeiten im „Bonding“**, Schwierigkeiten in der frühen Wochenbettzeit und Schwierigkeiten, vor allen Dingen bei der Mutter, die häufig das Gefühl hat, sie hat versagt, sie vielleicht keine richtige Frau und sie war nicht in der Lage ihr Kind auf normalen Wege auf die Welt zu bringen.


Wie erlebt eine Frau einen Kaiserschnitt?

Helke-Krüger:
Ja, da müssen wir natürlich unterscheiden zwischen einem Notkaiser-schnitt, der sozusagen unter der Geburt ganz plötzlich notwendig wurde, weil vielleicht die Herztöne abgefallen sind und er zur Rettung vom Leben vom Kind oder der Frau ganz notwendig war – dieser Kaiserschnitt wird natürlich ganz anders verarbeitet, im Hinblick darauf, dass ja Leben gerettet worden ist. Bei der Frau und auch beim Kind ist natürlich ein schockartiges Erleben da, was sich in der Psyche, aber auch im Körper, festsetzt. Das kann man nachweisen und es gibt verschiedene Verfahren, zum Beispiel in der Körpertherapie, diese Schocks auch wieder aufzulösen. Bei einem Kaiserschnitt, der geplant war, zum Beispiel, weil das Krankenhaus gemeint hat, die Beckenend-lage*** kann nur per Kaiserschnitt entbinden, verhält es sich anders, was wir erleben ist, die Frauen sagen uns hinterher: Hätte ich gewusst....Ich hab´ gehört, es würde auch anders gehen. Mir fehlt dies Erleben, das Kind aus eigener Kraft auf die Welt gebracht zu haben. Das Kind wurde geholt. Ich habe versagt. Diese Versagensängste - oder diese Versa-gensgefühle - es sind ja keine Ängste mehr, sondern das Gefühl des Versagens, ist wirklich an erster Stelle. Die Frau hat ihre Kraft eigentlich verloren. Und im Hinblick auf das Kind ist es natürlich so, je nachdem, wenn es ein Notkaiserschnitt war, hat das Kind ja höchstwahrscheinlich auch schon gelitten. Vielleicht hat es weniger Sauerstoff gekriegt und ist psychisch gesehen natürlich sehr froh, jetzt gesund auf der Welt zu sein. Gleichwohl fehlt auch dies eigene „heraus-arbeiten“ aus dem Geburtskanal, auch diese eigene Kraft und die pränatalen**** Psycholo-gen sagen einhellig, dass es wirklich im Leben Spuren hinterlässt, dies Gefühl: „Ich schaffe alles nicht aus eigener Kraft./ Ich bin immer auf fremde Hilfe angewiesen.“

Wir haben vorhin dieses Fachwort „Bonding“ angesprochen, was bedeutet das?


Helke-Krüger:
„Bonding“ bedeutet: „Die Fähigkeit, sich nach der Geburt, an das Kind zu binden. Das wird besonders gefördert durch das Ausschütten von einem Hormon, vom sogenannten „Oxytocin“, das ist das „Liebeshormon“. Dies Hormon wird aber, wenn zum Beispiel die Wehen nicht abgewartet worden sind, sondern wenn die Geburt schon vorher eingeleitet worden ist und der Kaiserschnitt gemacht worden ist, wird es nicht ausgeschüt-tet. Oxytocin wird ausgeschüttet in einer harmonischen, stillen, licht-armen, warmen, sicheren Umgebung - das haben Forschungen aus Schweden einhellig ergeben - und dieses Liebeshormon führt eben dazu, dass die Mutter sich an das Kind binden kann und wiederum aber auch, das Kind sich an die Mutter binden kann. Besonders wichtig ist hierbei die erste Stunde nach der Geburt, die Bindung wird noch gefördert durch den Hautkontakt, durch den Körperkontakt, durch den Geruch und durch den Blick. Dieser Blick, wenn die Mutter das Kind sozusagen hält und in die Augen schaut, das macht die Bindung aus – und durch Geburtsprozesse und Interventionen***** unter der Geburt, kann dieser Prozess einfach erschwert werden.

Welche Hilfen bieten Sie Kaiserschittmüttern und ihren Kindern in Ihrem Kaiserschnittzentrum an?


Pfohl-Horster:
Zunächst ist es uns ganz wichtig, dass wir eine zentrale Anlaufstelle bieten. Wir möchten alle Frauen und Männer, Familien, Kinder herzlich einladen, wenn sie das Gefühl haben, ihnen geht es nicht gut nach ihrem Kaiserschnitt, irgendwas hakt da noch, sie sind wieder schwanger und denken: „Oh Gott, was tue ich jetzt?“ , sich an uns zu wenden. Dafür haben wir eine zentrale Telefonnummer, eine zentrale E-mail-Adresse und hinter dieser E-mail-Adresse und dieser Telefonnummer steht ein Kompetenzteam: Frauen mit verschiedenen Schwerpunkten und wir bieten im Prinzip von Gesprächen, von geburtsvorbereitenden Gesprä-chen für die 2. Geburt, bis hin zu körpertherapeutischen Angeboten, Narbenentstörung, Gesprächskreisen, alles Mögliche an, so dass sich eigentlich immer etwas Gutes finden wird, für die Frauen.

Ich habe auf Ihrer Homepage gelesen: „psychodynamische Energie- und Körperarbeit“. Was ist das?


Helke-Krüger:
Dieser Begriff umfasst eigentlich nur die Ausbildungsrichtung, die ich in meiner körpertherapeutischen Ausbildung genossen habe, was ich selber anwende, wenn ich mit den Frauen nach traumatischen Geburts-erlebnissen oder nach Kaiserschnitt spreche. Das ist in der Regel natür-lich immer erst mal das Gespräch, ein sehr mütterliches Gespräch, ein Gespräch, wo ich wirklich auf Seiten der Frau bin, wo wir gemeinsam erörtern: Wo ist das Problem? Wie hat die Frau die Geburt erlebt? Gibt es Erinnerungslücken? Kann man vielleicht den Geburtsbericht anfor-dern und gemeinsam durchsprechen? Das ist das Eine. Zum anderen gibt es aber auch, therapeutische Interventionen, die so aussehen können: Körperkontakt, wirklich mütterliches Dasein für die Frau. In der Körpertherapie gehen wir davon aus, dass jede Erfahrung auch in jeder Körperzelle gespeichert ist und von daher kann man zum Beispiel durch biodynamische Massagen, Achtsamkeitsübungen, Achtung auf den Atem, den Frauen wirklich Werkzeuge an die Hand geben, wie sie auch zuhause wieder ein bisschen in Entspannung kommen können und wie dieser Stress, der im Körper ja gespeichert ist, langsam abgebaut werden kann und sie wieder sich in ihrem Körper anfangen wohl zu fühlen.

Buchtipp:
Kaiserschnitt. Wie Narben an Bauch und Seele heilen können,
Theresia Maria de Jong, Gabriele Kemmler (Kösel Verlag)

Gäste:
Heinrike Pfohl-Horster
Diplom-Pädagogin, Stillberaterin, GfG-Familienbegleiterin
Karin Helke-Krüger
Diplom-Sozialpädagogin, PEKiP-Gruppenleiterin und Körpertherapeuten
KaiserSchnittStelle Hannover
Rühmkorffstr. 1
30163 Hannover
Mobil: (0 15 78) 488 78 74
E-Mail:
mail@kaiserschnittstelle.de


Informationen zur Sendung vom 4. März 2013

Rückenschmerz & Psyche

Rückenschmerzen! Wer kennt sie nicht? Entweder „aus dem Nichts heraus“. Oder als ständiger Begleiter über Jahre oder Jahrzehnte hinweg. Ein rein körperliches Problem? Oder steckt womöglich noch mehr hinter dem Schmerz?

Antworten hierzu gab es von dem Rückenschmerzexperten Kian Schirmohammadi, Heilpraktiker, Psychologischer Berater und Fachbuchautor aus Schleiden in der Eifel. Außerdem eine Fülle von Informationen über Vorbeugemaßnahmen und erfolgsversprechende Behandlungsmethoden. Ganz her(t)zlichen Dank!

Herr Schirmohammadi: Ist Rückenschmerz eine Volkskrankheit?

Schirmohammadi:
Frau Kohn, Rückenschmerzen gelten mittlerweile als Volkskrankheit Nummer 1. Das heißt, man geht davon aus, dass jeder 3. Deutsche regelmäßig Rückenschmerzen hat. Also, man kann sogar von einer richtigen Epidemie* ausgehen und man muss sich vorstellen, dass der volkswirtschaftliche Schaden für Deutschland enorm ist, aufgrund von Rückenbeschwerden. Man geht so von 24 Milliarden Euro im Jahr davon aus. Das heißt, wir sehen, dass Rückenschmerz gerade eine Volkskrankheit Nummer 1 geworden ist.

Welche medizinischen Ursachen kann denn der Rückenschmerz haben?


Schirmohammadi:
Der Rückenschmerz kann verschiedene Ursachen haben. Es ist interessant zu sehen, dass in nur 5 bis 10 Prozent der Fälle, ein wirklicher Bandscheiben- oder Wirbelsäulenschaden vorliegt und in so um die 85 Prozent vor allem ein Fehlverhalten in der Muskulatur ist, man nennt das eine muskuläre Dysbalance: also ein Ungleichgewicht in der Muskulatur vorliegt. Das sind die Hauptbeschwerden bei Rückenbeschwerden.

Kann der Rückenschmerz auch psychische Ursachen haben?

Schirmohammadi:
Der Rückenschmerz ist generell immer multifaktoriell** zu sehen, wobei die Psyche immer mehr von Bedeutung zu sein scheint. Es gibt einen neuen Stressreport in Deutschland, der kam vor kurzem raus, da wurde belegt, dass aufgrund von steigenden Anforderungen, Belastungen, psychischem Druck, auch die Zahl der stressbedingten Erkrankungen, vor allem auch Rückenschmerz, sprunghaft angestiegen ist. Das heißt, immer mehr ist es die Frage: Wie viel die Psyche Mitauslöser am Rückenschmerz ist?! Zumal ich vorher gesagt habe 85 Prozent der Rückenschmerzen sind unspezifisch*** - also das sind muskuläre Verspannungen - müssten wir uns fragen: Von wo kommen die denn überhaupt? Natürlich: körperliches Fehlverhalten oder falsche Ernährung, falsche Lasten, die man trägt - das spielt eine Rolle - aber immer mehr, mit Sicherheit mehr als 50 Prozent, auch die Psyche.

Rücken und Psyche: Besteht da ein Zusammenhang?

Schirmohammadi:
Es besteht ein direkter Zusammenhang, weil im Laufe der Zeit hat man festgestellt, dass ein Blatt zwei Seiten hat. Das heißt, man muss nicht immer nur den Körper anschauen, also die muskuläre Verspannung, die fast immer Mitauslöser der Rückenschmerzen ist, sondern man sollte auch immer die zweite Seite vom Blatt anschauen, das heißt: die Psyche. Man kann beides von einander nicht trennen. Und im Laufe der Zeit, da sehen wir, was in Deutschland alles im Moment los ist: mit Kurzarbeit, die Stressbelastung wird immer mehr, Burn-outs**** nehmen zu. Im Jahr 2011 waren hundertdreizigtausend Personen, wegen eines Burn-out krank geschrieben. Das ist eine Zahl, die ist enorm. Die ist seit 1994 um 120 Prozent gestiegen - bis heute. Also können wir davon ausgehen, wir müssen sogar davon ausgehen, dass ein Rückenschmerz auch in direktem Zusammenhang mit sehr viel Stress, mit Druck und Belastung zusammenhängt.

Ich weiß, man unterscheidet zwischen sogenannten psychosomatischen und somatopsychischen Beschwerden. Was ist der Unterschied?

Schirmohammadi:
Der Unterschied ist folgender: bei Rückenschmerzen muss man immer erst schauen: Was ist die Hauptursache? Das heißt, wenn jetzt ein Mensch/ ein Patient über Rückenschmerzen klagt und er hat sehr viele falsche Bewegungen gemacht oder ist in Zugluft geraten, ist das erst ein körperliches Problem und wenn er Schmerzen hat wird auch die Psyche dann darunter leiden [ = somatopsychisch ]. Andererseits gibt es auch den Fall, dass erst ein Patient/ ein Mensch Stress am Arbeitsplatz oder familiären Stress hat und aufgrund dessen, aufgrund der Belastung, die er nicht mehr kompensieren kann, einen Rückenschmerz entwickeln kann [ = psychosomatisch ]. Es kann also von der Muskulatur auch ausgehen. Es kann auch Auswirkungen auf die Psyche haben. Es geht einem schlecht. Man hat eine Bewegungseinschränkung. Lebensqualität geht runter. Man muss aber auch unterscheiden den Fall: Was war vorher da, die Henne oder das Ei? Das heißt also: Vielleicht war die Psyche erst Auslöser, dann geht es auf den Rücken. Oder umgekehrt. Man muss immer sehr genau differenzieren, am Besten in einer guten Anamnese*****.

Kann man dem Rückenschmerz vorbeugen? Was kann ich selbst tun?

Schirmohammadi:
Man kann sehr viel vorbeugen, um gegen den Rückenschmerz anzugehen. Das Wichtigste ist erst mal: Entspannungstechniken. Das heißt vor allem durch Stress, durch Belastungen wird die Muskulatur sich zusammenziehen. Es ist eine permanente Stresshormonausschüttung, die Muskulatur zieht sich dann zusammen. Das heißt wir haben dann Probleme, die auch auf das vegetative Nervensystem****** gehen. Ich würde empfehlen... zuerst würde ich Entspannungstechniken machen: also zum Beispiel - was sehr bekannt ist – Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung nach Jakobsen, das wäre das Eine. Zweitens: Man kann die Muskulatur stärken, indem man trainieren geht. Das heißt, ins Fitnessstudio kann man gehen. Man kann Rückenschule machen. Das wäre das Erste, was man machen kann. Auch Gewicht abnehmen - oftmals ist ein Übergewicht ein Auslöser von Rückenschmerzen. Bewegungsmangel ist auch ein Auslöser. Man sollte rausgehen, sich bewegen, Sport machen. All das wäre schon mal ein großer Schritt in die Zukunft, um Rückenschmerzen zu verringern.

Welche psychologische Unterstützung kann ich bei Rückenschmerzen bekommen?

Schirmohammadi:
Nummer 1 erst mal: Die Gesprächstherapie wäre sehr interessant, in jeder Form. Der Patient/ der Mensch hat dann die Möglichkeit sich auszusprechen. Das heißt, das Herz auszuschütten. Es ist immer gut, wenn man über eine Stressbelastung auch redet. Oftmals kann man es in der Familie nicht machen, weil sonst die Probleme vom Arbeitsplatz auch noch nach Hause gebracht werden. Das ist ein großes Konfliktthema. Manchmal wäre eine professionelle Unterstützung wesentlich besser. Wo man reden kann: Was belastet mich? Mit welchen Sachen komme ich nicht zurecht? Wie kann ich es lernen mit dem Stress/ mit dem Druck besser umzugehen? Da gibt es Techniken. Aber auch die Hypnose würde auch in Frage kommen, wo der Patient sich entspannt, wo neue Programme gesetzt werden, dass der Patient besser mit Stress umgehen kann.

Herr Schirmohammadi, Sie sind ja nun mal auch Heilpraktiker: Reicht die psychologische Unterstützung allein aus oder braucht man auch unterstützende Maßnahmen aus der Naturheilkunde?

Schirmohammadi:
Man braucht zuerst unterstützende Maßnahmen aus der Naturheilkunde. Also, ein Patient mit Rückenschmerzen wird nicht direkt profitieren, wenn man eine psychologische Therapie macht, sondern da muss aus meiner Sicht erst mal manuell vorgegangen werden. Also mit Injektionen oder mit anderen Sachen, dass die verspannte Muskulatur – wenn das die Ursache sein sollte – erst einmal zur Ruhe kommt. Das Ziel ist es dabei aber, eben zu verhindern, dass der Rückenschmerz schon wieder irgendwann kommt, weil die Psyche überlastet ist. Dann parallel zu der manuellen Therapie oder im Anschluss, wäre eine psychologische Unterstützung/ eine Hilfe optimal aus meiner Sicht.

Angenommen ich habe Rückenschmerzen und komme in Ihre Praxis. Was erwartet mich dann?

Schirmohammadi:
Zuerst einmal würde ich Wert legen auf eine umfassende Anamnese. Das heißt, ich nehme mir um die eine Stunde Zeit – mich wirklich um Sie kümmern  - auseinandersetzen. Erst mal muss ausgeschlossen werden, dass ein richtiger Bandscheiben- oder Wirbelsäulenschaden vorhanden ist. Das muss abgeklärt werden, es dürfen keine Lähmungserscheinungen sein. Wenn ich mir sicher bin, dass es muskulär bedingt ist, würde ich Sie aufklären, natürlich was passieren kann. Bei jeder Technik. Ich würde Sie dann manuell behandeln mit Injektionen, mit gezielten pflanzlichen Stoffen in die verspannte Muskulatur. Entweder in den Muskel rein oder man kann auch überall in die Haut so Injektionen setzen: Man nennt es „Quaddelungen“. Das löst einen Reiz auf die Muskulatur aus, dass die sich entspannt. Ich würde Sie mit bestimmten Nadeltechniken behandeln: Man nennt es „Baundtscheidtieren“ - das sind ein paar Nädelchen. Da werden Reize über der Muskulatur ausgelöst, würde die Muskulatur entspannt werden. Wir hätten eine Lymphdrainage*******. Das Ziel ist – auch mit Akupunktur – eine Umschaltung im vegetativen Nervensystem hinzukriegen. Ich würde mit einer Farbtiefenwärme bei Ihnen arbeiten, das ist ein Infrarotlicht mit bestimmten Farbaufsätzen. Und mit Tapings******** könnte man arbeiten. Ich würde dann gezielt für Sie eine Behandlung mit diesen Sachen zurechtschneiden.

Stichwort „Farbtiefenwärme“: Da arbeitet man ja mit verschiedenen Farben, die auch eine psychologische Wirkung haben. Das ist dann auch tatsächlich was bei Rückenschmerz?


Schirmohammadi:
Das ist auch was bei Rückenschmerzen. Sogar „Bayer“, die ja bekannt sind für die Medikamente in Chemieform, hat jetzt einen Hüftgürtel entwickelt mit blauen Leuchtdioden. Das ist also nur blaues Licht mit einem spezifischen Spektrum, das - sagen wir es einfach – die Schmerzrezeptoren********* blocken kann. Und die „Licht-/ Farbtiefenwärmetherapie“ - die Therapie wird immer aktueller, weil auch Farben für die Psyche sehr wichtig sind. Also, ein Beispiel: In einem rot gestrichenen Schlafzimmer können die wenigsten Leute entspannen, weil es eine energiegebende Farbe ist. Und es ist immer schön zu fragen, welche Farbe denn der Patient möchte, die ihm da gut tut. Und die Akzeptanz ist hervorragend und durch diese Infrarotwärme, die noch um die 7 cm in das Weichteilgewebe geht, ist eine muskuläre Entspannung. Und es kommt bei den Patienten sehr, sehr gut an!

Buchtipp:
Naturheilkunde & Psychotherapie heute, Abbas Schirmohammadi und Kian Schirmohammadi, 
Shaker Media Verlag

Gast:
Kian Schirmohammadi
Heilpraktiker, Psychologischer Berater
Am Markt 12
53937 Schleiden
Telefon: 02445 / 85 17 870
E-Mail: info@naturheilpraxis-schirmohammadi.de
http://www.naturheilpraxis-schirmohammadi.de/

Informationen zur Sendung vom 1. April 2013

„Hochsensitivität“

Anders Hören? Anders Fühlen? Anders Riechen? Anders Schmecken? Die Welt mit anderen Augen sehen? 15 – 20 % der Menschen sind „hochsensitiv“. Das heißt, sie besitzen eine erhöhte Wahrnehmungsfähigkeit. Riechen, Fühlen, Schmecken, Sehen...alles ist intensiver.
Was Hochsensitivität im Alltag bedeutet und ob jeder ein „hochsensitiver Mensch“ werden kann, darüber habe ich mit  einer „High Sensitiv Person“ gesprochen: Silke Schauder-Ruhbach, Heilpraktikerin, Ernährungsberaterin und Buchautorin aus Salem am Bodensee.
Ich bedanke mich recht her(t)zlich für das Gespräch und für den Einblick in eine ganz andere Sichtweise unserer Welt!

Frau Schauder-Ruhbach: Was bedeutet „High Sensitiv Person“?

Schauder-Ruhbach:
„High Sensitiv Person“ bedeutet die Welt anders wahr zu nehmen als, ich sag´ jetzt mal, „normal sensible“ Menschen.

Und wie äußert sich Hochsensitivität?

Schauder-Ruhbach:
Es ist wie eine neurologische Besonderheit im Gehirn. Man nimmt mehr Dinge intensiver wahr, was leicht zu einer Überreizung führen kann und dazu, dass man sich im Alltag öfter mal schneller zurückziehen muss als normal sensible Menschen.

Was wird denn alles intensiver wahrgenommen?

Schauder-Ruhbach:
Es sind Gerüche. Es sind Farben. Es sind Stimmen, zum Beispiel wenn man einen Raum betritt und alles redet durcheinander, kann man sich sehr schlecht konzentrieren. Man wird da eher still, weil man quasi alles mitbekommt. Jede einzelne Stimme.

Und was bedeutet das für die anderen Sinne?

Schauder-Ruhbach:
Die anderen Sinne sind genauso angesprochen. Die Augen nehmen natürlich alle Regungen wahr. Die Nase nimmt alle Gerüche wahr.  Es ist quasi eine Überreizung der Situation in dem Augenblick.

Ich könnte mir vorstellen, viele kennen ja auch das Krankheitsbild „ADS“, diese Aufmerksamkeitsstörung mit und ohne Hyperaktivität. Da können ja Kinder und Erwachsene die Sinneseindrücke nicht richtig filtern. Was ist denn der Unterschied zu einer „hochsensitiven Person“.


Schauder-Ruhbach:
Ich glaube, da gibt es keinen Unterschied. Ich glaube, also wenn man mir heute eine Diagnose stellen würde, würde man sagen, ich hätte ADHS. Ich komme da aber ganz gut mit klar. Und die anderen hochsensiblen Personen, die auch ebenfalls quasi diese gleiche Störung haben, haben da auch keine Probleme mit. Es ist nicht die Person, die ein Problem mit dieser Geschichte hat, sondern es ist die Umwelt, die ein Problem damit hat.

Frau Schauder-Ruhbach, kann Hochsensitivität im Alltag Schwierigkeiten verursachen?

Schauder-Ruhbach:
Für die entsprechende Person würde ich eher sagen nicht, für die Umwelt schon. Also, die Umwelt hat schon ein Problem damit, mit Menschen umzugehen, die anders denken, anders riechen und anders fühlen, weil man trifft sehr schnell auf Verständnislosigkeit, was aber nicht nur die Umwelt betrifft, sondern auch ich habe oft kein Verständnis dafür, wie meine Umwelt auf mich reagiert.

Was raten Sie anderen hochsensitiven Menschen, wie sie ihren Alltag meistern können?

Schauder-Ruhbach:
Das ist ein lebenslanger Lernprozess. Das bedeutet auf jeden Fall, sich immer mal wieder in Frage zu stellen und zu versuchen: Warum passiert mir das jetzt? Wie fühle ich mich jetzt? und „Fühle ich mich gut dabei?“. Zu spüren: Macht es mir ein gutes Gefühl? Dann ist es in Ordnung. Macht es mir ein schlechtes Gefühl? Dann muss ich gucken, dass ich es irgendwie verändere, weil, diese schlechten Gefühle machen auf Dauer krank.

Ich habe ja sehr intensiv zu diesem Thema recherchiert und bin immer wieder auf Stichworte wie: „innere Abgrenzung“ und „Zentrierung“ gestoßen. Spielt das auch eine Rolle? Raten Sie das auch?

Schauder-Ruhbach:
Ja, das ist das „Finden des eigenen Ich“. Es geht gar nicht um Abgrenzung nach außen hin, sondern es geht darum, für sich selber einzustehen. Für so, wie man ist, sich selber anzunehmen. Aber so geht es ja allen Menschen eigentlich.

Was sagt die Wissenschaft zum Thema „Hochsensitivität“?

Schauder-Ruhbach:
Also, da habe ich bislang nur einen Artikel gefunden und den hat der Herr Dr. Jack, von dem Zentrum für Hochsensibilität geschrieben. Er bezieht sich da auf ein Buch aus Amerika, der Autor ist David Richie und der spricht da zum ersten Mal von einer Person, die „außergewöhnlich sensibel“ ist. Ansonsten habe ich in der Wissenschaft noch rein gar nichts gefunden. Ich glaube, da werden wir noch so ein bisschen außen vor gelassen, weil man spricht einfach noch nicht darüber.

Gibt es da Veränderungen im Gehirn, dass Menschen mit Hochsensitivität anders „ticken“ – oder ist da alles genauso?

Schauder-Ruhbach:
Ich glaube, es ist alles genauso. Es könnte vielleicht sein, das es eine Weiterentwicklung ist. Eine Weiterentwicklung, aber nicht jetzt um etwas höheres zu werden, sondern es ist eine Weiterentwicklung wieder quasi zurück zum Ursprung.

Frau Schauder-Ruhbach, Sie haben ein Buch geschrieben zum Thema, mit dem Titel „Aufbruch zu Dir“. Darin bekennen Sie sich erstmals zu Ihrer Hochsensitivität. Wie ist es zu dem Buch gekommen?

Schauder-Ruhbach:
Wie ist es zu dem Buch gekommen? Die Geschichte war eigentlich, ich hatte gar nicht vor ein Buch zu schreiben, sondern ich hatte vor eine Broschüre zu schreiben, weil ich entdeckt hatte, dass man dass Gehirn aufgrund besonderer Ernährung dazu bringen kann, einfach sich weiter zu entwickeln. Und als ich dann anfing, diese Broschüre zu schreiben, ist mir aufgefallen, dass der Weg aber noch ein ganz anderer ist, um das Gehirn quasi in seinen Möglichkeiten zu entfalten. Und dann kam Eins ums Andere, und eine Geschichte, und ein Kapitel nach dem anderen und im Endeffekt ist dann ein ganz rundes Buch daraus geworden.

Frau Schauder-Ruhbauch, ich durfte Ihr Buch ja schon vor dem Erscheinen lesen und Hochsensitivität ist demnach ein „Potenzial“. Kann jeder hochsensitiv werden?


Schauder-Ruhbach:
Ob jetzt direkt hochsensitiv, das weiß ich nicht, aber auf jeden Fall kann jeder Mensch seine Sensibilität und Sensitivität erhöhen: Ja.

Was muss ich tun, um meine Sensitivität zu erhöhen?

Schauder-Ruhbach:
Erst einmal mein Buch lesen J. Nein, aber ...Man muss sich selber kennenlernen. Man muss sich auf den Weg zum eigenen Selbst machen, zum eigenen „Ich“. Dieser Weg ist spannend und dieser Weg führt quasi automatisch dazu, dass man sensibler vor allen Dingen mit sich und dann auch mit der Umwelt umgehen kann.

Was ich besonders interessant fand in Ihrem Buch, ist der Aspekt der Ernährung. Was hat Ernährung mit unserem Gehirn zu tun?

Schauder-Ruhbach:
Ernährung ist, glaube ich, das Wichtigste für unser Gehirn. Man weiß man darf keinen Zucker essen, man darf kein Fett essen und man sollte auch wenig Eiweiß essen, aber ich stelle genau das einmal komplett in Frage, weil unser Körper braucht genau Fett, Eiweiß und Zucker, in vernünftigen Maßen, ansonsten kann sich so ein Gehirn gar nicht wirklich entwickeln. Und wenn ich mir die Fertigprodukte, die auf dem Markt sind angucke, die sind mit Zusatzstoffen belastet, die unser Gehirn nicht verstoffwechseln kann und auch hier kann es dazu führen, dass dann durch eine Dauererregung des Gehirns quasi Gehirnzellen sogar absterben können und man sich halt nicht weiterentwickeln kann.

Das heißt, über eine gute Ernährung kann ich meinem Gehirn das „Futter“ geben, das es braucht, um Hochsensitivität zu entwickeln?!

Schauder-Ruhbach:
Ganz genau.

Frau Schauder-Ruhbach, wenn ich nun das Gefühl bekommen habe, Hochsensitivität hat was mit mir zu tun: Beraten Sie mich dann auch in Ihrer Praxis?


Schauder-Ruhbach:
Natürlich. Mir kommt es mittlerweile so vor, als wenn immer mehr Menschen sich auf die Suche nach sich selbst machen und ganz unweigerlich dann zu mir kommen und sich Fragen: Liegt die Krankheit in mir selbst begründet? Ist es was von außen gemachtes? Oder wie kann ich mich verändern, damit ich die Krankheit, die ich habe, quasi wieder entlassen kann aus meinem Körper?  Ich arbeite ganzheitlich mit Körper, Geist und Seele und versuche meist erst den Körper soweit wieder stabil zu bekommen, dass ich in der Fragestellung schon merke: Wie redet dieser Mensch mit mir? Welche Gedanken formuliert er? Und bekomme dann das Gefühl für ihn: Was will mir die Seele eigentlich sagen? – weil die Seele ist das, was in unserer heutigen Zeit zu kurz kommt.

Ich selbst persönlich beschäftige mich ja sehr mit dem Thema Haut und Allergien und auch Intoleranzen und in mir ist die Frage aufgetaucht, ob Allergie vielleicht nicht ein körperliches Symptom ist, um mit Hochsensitivität umzugehen und vielleicht auch sich besser abzugrenzen. Ist da was dran?

Schauder-Ruhbach:
Ja, ich denke schon. Also Allergie hat ja was damit zu tun, dass der Körper etwas abstößt. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass die Haut als Spiegel unserer Seele, quasi einen Teil von sich abstoßen muss, muss sie sich ja irgendwo sichtbar machen. Und wenn sich die Seele über die körperliche Ebene nicht sichtbar machen kann, dann kann der Mensch auch mit diesem Problem gar nicht arbeiten. Dann ist es nämlich nicht zu erkennen.

Buchtipp:
„Aufbruch zu Dir ... in 7 Schritten zum neuen ICH“
Silke Schauder-Rubach (ausZeit Verlag)

Gast:
Silke Schauder-Ruhbach
Heilpraktikerin, Ernährungsberaterin, Heilerin
Lindenstraße 1
88682 Salem-Altbeuren
Telefon: 0 75 53 – 8 27 79 62



Informationen zur Sendung vom 6. Mai 2013

„PEP = Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie“

Kennen Sie dieses Gefühl? Sie müssen etwas Wichtiges präsentieren, haben einen Auftritt - oder müssen einen Vortrag halten? Und dann sacken Ihnen die Knie weg, das Herz klopft bis zum Hals und  „Axel Schweiß“ lässt grüßen? Lampenfieber und Auftrittsangst können Einen schier wahnsinnig machen!

Helfen kann eine einfache Methode, genannt „PEP“. Was PEP ist und wie PEP funktioniert, darüber habe mit meinem Gast Dr. Michael Bohne aus Hannover gesprochen. Michael Bohne ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Auftrittscoach, Buchautor und der Entwickler der dieser faszinierenden Methode. Hert(z)lichen Dank für das spannenden Gespräch!

Herr Dr. Bohne: Wofür steht „PEP“?

Bohne:
„PEP“ steht für Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie.

Ich glaube, das müssen Sie unseren Hörern noch ein bisschen erklären...


Bohne:
Genau. Das hat eine historische Bedeutung. Das ist eine Zusammenführung verschiedener Ansätze. Und mir war es wichtig auf die Prozesshaftigkeit dieser Arbeit hin zu weisen und auf die Verbindung zwischen emotionalem Erleben und Körperlichkeit. Also man „ver-stört“ emotionale Erregungsmuster über die Stimulation der Körperoberfläche, durch Klopfen auf bestimmten Körperpunkten.

Und für wen ist PEP geeignet?

Bohne:
PEP ist im Grunde als Selbsthilfemaßnahme für alle Menschen geeignet, die irgendwie in Stresssituationen kommen und ihren Stress, ihre Erregung, ihre Ängste reduzieren wollen. Sei das Flugangst, sei das Prüfungsangst, sei das überhaupt ein stressiger Alltag, wo man mit Nachdenken nicht mehr richtig weiter kommt. Für diese Menschen ist es geeignet.

Und was kann ich konkret mit PEP erreichen? Das ich komplett angstfrei bin und fröhlich durch das Leben laufe?

Bohne:
Die Angst entsteht auf zwei Ebenen. Einmal auf der Ebene des Gefühlshirns, auf der Ebene des „Limbischen Systems“. Da ist das so ein Automatismus, so ein „Angstautomatismus“. Viele Menschen haben vor etwas Angst, wo sie selbst eigentlich wissen, ich muss keine Angst haben, also in der Großhirnrinde ist das Wissen vorhanden und trotzdem haben sie Angst. Da kann man direkt über diese körperlichen Stimulationen rangehen. Und dann gibt es natürlich Ängste, die früher mal wichtig waren oder, die sinnvoll oder nachvollziehbar waren und die sich noch im Großhirn verhaftet haben. Also, wenn man wirklich tatsächlich noch denkt, es sei etwas gefährlich, da gibt es andere Interventionen, die man nutzen kann. Diese Körperstimulation, das Klopfen von Punkten reicht nicht immer aus, bei weitem nicht. Manchmal ist Erkenntnis auch ganz wichtig.

Wie lässt sich die Wirkung von PEP erklären?

Bohne:
Es gibt verschiedene Wirkhypothesen. Die mir am nächsten liegende ist eine Mischung aus neurobiologischen und psychotherapeutischen Erklärungsmodellen. Also, zum Beispiel ist es so: Das ist ja eine Technik, die wir Nutzen, bei starken emotionalen Erregungszuständen, also Ängsten und anderem Stress. Und wenn jetzt eine Angst aktiviert ist, im Limbischen System, also im Gefühlshirn, dann ist es so, dass wir währenddessen die Angst aktiviert ist, wir bestimmte Körperpunkte klopfen, bestimmte Augenbewegungsmuster machen, ein paar Töne summen, rückwärts zählen, wieder Töne summen, das heißt: wir aktivieren ganz schnell verschiedene Hirnareale, was dazu führt, dass die Verarbeitung im Limbischen System, im Gefühlshirn, die Gefühlsverarbeitung verändert wird. Man sagt, dass eine Gedächtnisspur dann am störanfälligsten ist, in dem Moment, wo ich sie  wieder erinnere und genau das mache ich bei diesem Ansatz.

Herr Dr. Bohne: Ich könnte mir vorstellen, wenn da die Leute Körperpunkte klopfen und die Augen bewegen und Summen und Zählen und Summen, können die damit umgehen oder finden die das nicht ein bisschen merkwürdig?

Bohne:
Ja. Natürlich zieht das schräg und verrückt aus. Welche Methode aus dem Bereich der Psychologie oder Psychotherapie sieht nicht verrückt aus? Da liegt Einer auf der Couch und Einer sitzt dahinter und macht immer nur: „M-mh!“.  Das ist auch schräg. Oder man macht Augenbewegungen von rechts nach links, auch komisch. Ich sag mal: Ich als Normalbürger, weiß doch sowieso nicht, was im Bereich der psychologischen Veränderungsmethoden gibt. Die wirken alle komisch. Aber ich sag mal so: Unsere Probleme sind ja auch komisch. Da ist ein erwachsener Mensch, der traut sich nicht eine Rede zu halten oder da geht jemand nicht zum Zahnarzt oder jemand steigt nicht in ein Flugzeug.... ! Das ist ja eigentlich auch urkomisch... für einen Erwachsenen. Und deswegen könnte man auch sagen komische Symptome werden eben mit komischen Methoden behandelt.

Okay... und die Leute finden das gut...

Bohne:
Ja! Naja, weil man recht schnell sieht, dass es gut funktioniert und der Stress oder die Angst runtergeht und das ist das was zählt!

Gibt es für das Klopfen in der Selbsthilfe oder beim Coaching Grenzen? Zum Beispiel irgendwelche schweren psychischen Erkrankungen oder körperliche Erkrankungen?


Bohne:
Naja, „körperliche Erkrankungen“... Man behandelt ja keine körperlichen Erkrankungen. Man behandelt einen Menschen, der vielleicht auch körperliche Erkrankungen hat und aufgrund der körperlichen Erkrankung: Angst hat, Sorgen hat, Hilflosigkeit empfindet, Hoffnungslosigkeit empfindet. Und auf diese emotionalen Komponenten kann man sehr wohl fokussieren und die auch verändern. Und schwere psychiatrische Erkrankungen würde man gar nicht behandeln damit. Kann aber durchaus sein, dass das Klopfen gegen Stress oder gegen Angst nicht funktioniert und dann muss man eh auf einer anderen Ebene wieder schauen.


Herr Dr. Bohne: Was kann sein, wenn das Klopfen mal nicht klappt?

Bohne:
Also, das Klopfen, hatten wir ja vorhin schon überlegt, wirkt direkt auf die Ebene des Limbischen Systems, des Gefühlshirns, und „ver-stört“ die Verarbeitung dort und das führt dann oft dazu, dass sich in recht schneller Zeit so eine „dysfunktionale Emotion“ oder eine belastende Emotion verändert. Wenn das nicht funktioniert, dann hat man meistens eine Blockade im Vorderhirn, im „präfrontalen Cortex“ heißt das. Also da, wo wir uns die Gedanken machen, da wo unsere Werte organisiert sind, da wo unsere Beziehungsmuster organisiert sind. Und man kann sagen, wenn das normale Klopfen nicht funktioniert – und das erleben Menschen auch oft, dass sie sagen: „Ich hab´ das mal probiert, das ging ja gar nicht...“, dann muss man dringend auf die Ebene der „Big Five Lösungsblockladen“ gucken, so habe ich diese Strategien oder diese Muster genannt. Das heißt: Oft sind Selbstvorwürfe vorhanden. Also, wenn sich ein Mensch einen massiven Selbstvorwurf macht, dann wird es ihm garantiert nicht besser gehen, weil er gerade einen Krieg gegen sich selbst führt. Dann gibt es eine andere Blockade, das sind Fremdvorwürfe. Wenn ich einem anderen Menschen einen Vorwurf mache, der kann inhaltlich total berechtigt sein, aber ich komme dadurch wieder in eine Opferrolle, weil ich den anderen in seiner Täterrolle oder in seiner aktiven Rolle sozusagen stabilisiere und komme selbst in so eine Situation der Ausweglosigkeit. Dann gibt es Erwartungshaltungen an andere, wenn ich also eine Erwartung definiere an einen anderen Menschen, die ich gar nicht erfüllen kann, dann muss der andere ja handeln. Wenn der aber nicht handelt, weil er nicht will oder kann, gehe ich leer aus. Und das ist die Verletzung eines Grundbedürfnisses, nämlich das Grundbedürfnis „gesehen und geachtet“ zu werden und führt, selbst wenn ich inhaltlich eine absolut berechtigte Erwartung an den anderen habe, führt sie doch zu einem Gefühl von Hilflosigkeit und nicht gesehen werden. Und das führt auch dazu, dass sich Stress oder Ängste oder andere Symptome nicht verändern können. Der vierte Punkt ist eine „Altersregression“, das heißt ich „schrumpfe“ innerlich, ich fühle mich kleiner und hilfloser als ich bin. Das ist extrem wichtig, gerade beim Bereich Auftritt, ich habe beobachtet, dass die aller meisten Menschen, die Prüfungsangt oder Auftrittsangst haben, sich in dem Moment nicht so alt fühlen, wie sie sind sondern weit jünger. Manchmal wie ein Kind, wie ein Kleinkind, manchmal wie ein Jugendlicher oder wie ein paar Jahre jünger. Das Gehirn weiß in dem Moment tatsächlich nicht mehr, wie alt ich in echt bin, sondern denkt: „Ich bin klein!“. Von daher ist es dann völlig klar, dass ich gestresst bin. Also wenn ich gerade drei bin oder mich wie fünf oder acht fühle und aber Mitte dreizig bin und eine Rede halten soll, dann ist es doch klar, dass ein drei oder achtjähriges Kind Stress hätte eine Rede zu halten. Und der letzte Punkt, der ist am kompliziertesten, das sind „dysfunktionale Loyalitäten“, also innere Verbindungen/ Verbundenheiten mit anderen mir wichtigen Menschen, aus denen heraus ich es mir vielleicht nicht erlaube, es mir gut gehen zu lassen, erfolgreich zu sein oder mein Symptom aufzulösen.

So...und wenn man dann ein „Full House Syndrome“ hat...was bedeutet das?

Bohne:
Ja genau: Wenn man „alle Fünf“ hat, dann hat man ein „Full House Syndrome“. Dass heißt einfach, dass Klopfen überhaupt nicht mehr oder EMDR* oder andere „bifokale multisensorische Stimulationstechniken“ nennt man die oder „Interventionstechniken“, die funktionieren dann alle nicht mehr, weil wir auf die Ebene des „präfrontalen Cortexes“, des Großhirns gehen müssen, und da geht es um Verständnis, um Beziehungsmuster, da geht es um Beziehungsmodelle und vor allem um das Thema „Selbstbeziehung“. Also die Verbesserung der Selbstbeziehung ist aus meiner Sicht der Königsweg zum, man könnte sagen, zum gelingenden Leben und vor allem auch zur Stressreduktion.

Herr Dr. Bohne: Wer kann in Ihre Praxis kommen? Wen coachen Sie? Wen bilden Sie aus? Was bieten Sie in Ihrer Praxis?

Bohne:
Also dadurch, dass diese... diese Entwicklung PEP, das hat ja Wurzeln, also habe ich ja schon gesagt, das hat zum Einen psychodynamische Wurzeln, systemische, hypnotherapeutische - das sagt jetzt vielleicht nicht viel - und Wurzeln aus dieser Ecke der „bifokalen multisensorischen Techniken“. Das heißt, mein Job in Deutschland war es diese Klopftechniken zu „entmystifizieren“ und so beschreibbar zu machen und verstehbar zu machen, dass sie mit neurobiologischen und pschotherapieforscherischen, ich sag mal, Erklärungen nachvollziehbar sind und deswegen ist der Bereich der Ausbildung enorm gewachsen in den letzten Jahren. Einer der Hauptschwerpunkte im Moment ist, dass ich Ärzte, Psychotherapeuten, Coaches, Heilpraktiker in PEP ausbilde. Das ist ein ganz großer Bereich geworden.

Sozusagen, was für mich.

Bohne:
Genau. Das ist was für Profis. Da kommen keine „End-„, ich sag mal, keine Betroffenen oder „Endverbraucher“ in die Kurse. Das sind nur Leute, die irgendwie auch mit Patienten oder Klienten arbeiten.


Und was ist mit den Radiomoderatoren, Fernsehmoderatoren usw. Musikern?

Bohne:
Genau, da mache ich noch für ARD und ZDF –  mach ich das noch - seit über zehn Jahren jetzt. Das ist ein Inhouse-Training für die Leute, die bei ARD und ZDF arbeiten. Einen Workshop, der heißt: „Tatort Nervensystem“. Da können dann alle, die im Fernsehen oder im Radio für die Öffentlich Rechtlichen arbeiten, können einen Workshop bei uns machen, den mache ich mit meiner Frau zusammen.

Kann es den auch bei Radio Leinehertz geben?


Bohne:
Den Workshop? Da kann man sich auch von Leinehertz anmelden. Also, der ist jetzt mittlerweile offen, tatsächlich, bei der ARD/ZDF-Medien-Akademie, da kommen auch – früher waren das nur Moderatoren und Sprecher und sowas – und jetzt kann man auch von außen sich da einkaufen. Also, das geht auch... über die Akademie.

Das leite ich mal gleich hier im Haus weiter.

Bohne:
Und ansonsten habe ich mich, was die Praxis angeht, voll und ganz auf das Coaching von Musikern mit Auftrittsstress fokussiert, weil das ein Riesenthema ist und weil das nicht viele Leute gibt, die sich damit gut auskennen in Deutschland. Also, dass das meine Spezialisierung geworden ist. Das war sie schon seit fünfzehn Jahren jetzt, aber jetzt mache ich in letzter Zeit fast nur noch das, mit Einzelklienten.

Buchtipp:
„Bitte klopfen – Anleitung zur emotionalen Selbsthilfe“
Michael Bohne (Carl-Auer Verlag)

Gast:
Dr. med. Michael Bohne
Tiedgestr. 5
30175 Hannover

Fortbildungsinstitut für PEP (Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie)
Tel.: 0511 - 811 20 702
FAX: 0511 - 85 64 518 

Auftritts-Coaching und Probespiel-Training
Tel.: 0511 - 28 33 189
FAX: 0511 - 85 64 518


Informationen zur Sendung vom 3. Juni 2013

„Traumatherapie“

Ein paar schlimme Erfahrungen muss wohl jeder von uns in seinem Leben wegstecken. Doch warum werden sie manchmal zum einem Trauma und manchmal nicht? Die Folgen eines Traumas können sich oft ein Leben lang auswirken. Wie Sie aus diesem Alptraum ausbrechen können und welche Behandlungsmöglichkeiten die Experten haben, darüber habe ich mit Melanie Göldner, Heilpraktikerin für Psychotherapie, zertifizierte Trainerin für „Emotionale Kompetenz“ und Leiterin des „Kompetenzzentrum Mitte“ aus Steimpke, gesprochen. Ganz hert(z)lichen Dank!

Frau Göldner bevor wir ins eigentliche Thema einsteigen, zwei kurze Antworten auf zwei kurze Fragen: Zertifizierte Trainerin für was? Und wofür steht das „Kompetenzzentrum Mitte“?

Göldner:
Zertifizierte Trainerin für „Training Emotionaler Kompetenzen“. Das bedeutet, wenn Menschen emotional in Zustände kommen, die sie selber nicht mehr steuern können, dass sie in diesem Training Emotionaler Kompetenzen lernen, mit Gefühlen selber wieder anders umzugehen. Man fühlt sich dann ja häufig nicht mehr selbstbestimmt und in seiner Mitte und hat das Gefühl man braucht Hilfe von anderen, also zum Beispiel in Form einer Psychotherapie, und im Training Emotionaler Kompetenzen lernt man, diese Qualitäten und diese Stärken selber wieder zu Eigen zu machen, mich selber besser zu verstehen und damit auch meine Gefühle selber wieder besser zu steuern.

Und deswegen auch Kompetenzzentrum „Mitte“.

Göldner:
Ja, genau.

Gut! Unser Thema heute ist die Traumatherapie oder vielmehr, die Therapie von Traumafolgestörungen. Wann wird ein schlimmes Erlebnis zu einem Trauma und wann nicht?

Göldner:
Das ist ganz unterschiedlich und lässt sich so eindeutig nicht beantworten, weil ein traumatisches Ereignis, nicht wie man denkt immer ein furchtbarer Unfall sein muss oder der Verlust eines nahestehenden Menschen, sondern eine Traumatisierung auch über einen längeren Zeitraum hinweg zustande kommen kann. Was dann davon zum Trauma wird, das hängt davon ab, wie das von dem einzelnen Menschen verarbeitet wird.

Hängt das auch von dem persönlichen Umfeld ab, in dem man sich befindet?

Göldner:
Zum Teil auch. Es kommt darauf an, wie intrigierend auch mit den Erfahrungen umgegangen wird. Das bedeutet, dass zum Beispiel Dinge auch thematisiert werden, Gefühle zugelassen werden, anstatt dass sie eben verleugnet werden müssen oder auch abgespalten werden müssen.

Welche Ursachen gibt es für ein Trauma?

Göldner:
Da gibt es unterschiedliche Ursachen. Das kann einmal im persönlichen Bereich liegen, im zwischenmenschlichen Bereich, im Umgang miteinander, im Beziehungsverhalten. Das kann durch bestimmte physische Einwirkungen sein, wie zum Beispiel Unfälle, das kann Missbrauch sein, Naturkatastrophen... Missbrauch unterteilt man auch wieder in sexuellen Missbrauch und emotionalen Missbrauch...

Was ist emotionaler Missbrauch? Vernachlässigung?


Göldner:
Das kann Vernachlässigung sein. Das kann aber auch zum Beispiel sein, dass Menschen mit Gefühlen andere Menschen erpressen oder steuern und somit eben dann auch gewisse Abhängigkeiten entstehen, die zu traumatischen Reaktionen führen. Zum Beispiel, wenn ich Angst haben muss, dass wenn ich bestimmte Sachen nicht tue, dass ich den anderen Menschen dann verliere und je nach Abhängigkeitsgrad kann das schon sehr existenziell sein, also auch sich lebensbedrohlich anfühlen.

Frau Göldner, wie wirkt sich ein Trauma auf unsere Psyche aus?

Göldner:
Auch das ist ganz unterschiedlich. Häufig ist es denjenigen auch gar nicht bewusst, dass sie überhaupt ein Trauma haben. Das heißt man erlebt sich im Alltag in bestimmten gefühlsmäßigen Zuständen, wie zum Beispiel, ich habe das Gefühl, ich bin immer auf der Flucht oder manchmal dann holen mich Ängste oder Traurigkeit oder irgendetwas ein, was nichts zu tun zu haben scheint mit meinem täglichen Leben. Und ich weiß gar nicht so genau, was mit mir passiert. Aber ich bekomme keinen Zusammenhang zu dem eigentlichen traumatischen Ereignis.

Gibt es dann auch so was wie Lichtblitze, oder Träume, oder innere Bilder, die dann hochkommen?

Göldner:
Ja, das kann ganz unterschiedlich sein. Das kann über innere Bilder sein, über Gefühle, über Träume oder auch manchmal  im zwischenmenschlichen Kontakt, dass ich plötzlich auf einmal auf eine bestimmte Weise reagiere.

Da ist dann sozusagen ein Trigger, ein Auslöser, und plötzlich läuft in mir ein Schema ab und ich weiß gar nicht, was mit mir passiert.


Göldner:
Ein Trigger, genau. Ja. Das ist so, als wenn so ein Funke schon reicht, ein bestimmtes Merkmal auszulösen.

...das ist die eine Seite. Und dann gibt es Leute, die ihr Trauma womöglich immer wiedererleben?


Göldner:
Ja, dass stimmt. Das ist dann wie so ein Film, in dem man sich dann immer wieder gefangen fühlt und wo man den Eindruck hat – das nennt man Flashbacks – wo man den Eindruck hat, es passiert immer wieder. Es ist so als würde ich wieder in dergleichen Situation stecken, wie es mir schon mal passiert ist. Also beispielsweise, ich habe bei einem Zugunfall ein Trauma erlitten und ich sitze in der Straßenbahn und es kommt ein bestimmtes Gleisquietschen oder so was und das macht dass ich das Gefühl habe, ich sitze wieder in dieser Katastrophensituation von damals.

Kann man dann sein normales Leben eigentlich noch managen?

Göldner:
Das fällt den Betroffenen manchmal schon sehr schwer, weil sie häufig auch zu tun haben mit Selbstverurteilungen. Sie erleben sich ja nur alleine so und das distanziert von den Menschen, die um einen herumsitzen, den es eigentlich gut zu gehen scheint und das macht manchmal auch einsam. Das heißt, das Trauma zu akzeptieren oder überhaupt zu akzeptieren, es passiert hier etwas mit mir, wo man etwas tun kann, bis dahin ist es häufig schon ein weiter Weg.

Gibt es auch Auswirkungen eines Traumas, dass sich das Trauma gar nicht psychisch manifestiert oder durch solche Bilder oder durch Wiedererleben, sondern körperlich?

Göldner:
Ja. Das ist in bestimmten Fällen so, also das nennt man Dissoziation, man „spaltet“ das ab, so dass sich das dann auf der körperlichen Ebene manifestiert. Das ist so, dass man die Gefühle, die dazu gehören quasi verdrängt und dass diese nicht mehr fühlbar sind und äußern sich dann zum Beispiel in Magenschmerzen oder Rückenbeschwerden oder Ähnlichem...


...Übelkeit, Kopfschmerzen und solche Geschichten...

Göldner:
Ja, genau.

Frau Göldner aus meiner eigenen Praxis weiß ich, viele Menschen wissen gar nicht, dass sie an den Auswirkungen eines Traumas leiden. Wann bekommen Sie den Verdacht, dass jemand an den Folgen eines Traumas leidet?

Göldner:
Also, der Verdacht liegt immer dann Nahe, wenn zum Beispiel bestimmte Reaktionen oder Symptome unangemessen für die Situation zu sein scheinen. Also beispielsweise, wenn mir eine Klientin erzählt, dass sie, wenn sie am Knie berührt wird, auch wenn es sogar von ihrer Mutter ist, zusammenzuckt und sich ihr gesamter Unterleib verkrampft. Oder wenn, beispielsweise bestimmte Ekelgefühle entstehen beim Geschlechtsverkehr in einer bestimmten Haltung oder wenn ich den Atem meines Partners am Hals spüre. Das sind Situationen, wo ich mich in der Gegenwart frage: „Was ist da los? Was passiert da mit mir?“  Es passiert nichts. Ich bin sicher und ich fühle mich aber trotzdem bedroht. Oder ich habe währenddessen das Gefühl ich sitze wie unter einer „Glocke“ und bin gar nicht mehr richtig dabei.

Wenn Sie jetzt tatsächlich den Verdacht bekommen haben, dass jemand unter den Folgen eines Traumas leidet, wie gehen Sie denn damit um?

Göldner:
Das ist ein ausgesprochen sensibles Thema. Man geht natürlich nicht hin und sagt: „Hey, hast Du ein Trauma? Was ist da passiert?“, sondern ganz, ganz wichtig ist, dass man erst mal eine vertrauensvolle Beziehung herstellt und, dass man dann, auch wenn man die Idee hat, jemand hat ein Trauma, dass man sehr behutsam und sehr vorsichtig in diese Richtung fragt oder sich vortastet. Viele Menschen wissen das nicht oder denen macht die Idee alleine Angst, dass etwas Schlimmes passiert sein könnte, woran die sich nicht mehr erinnern.

Ist es wichtig, sich an ein Trauma zu erinnern, um „innerlich wieder heile“ zu werden?


Göldner:
Nein. Das können viele auch nicht, weil das, was passiert ist, die Bilder, die sind nicht abgespeichert worden in dem Langzeitgedächtnis, sondern sie sind einfach in einem anderen Teil des Gehirns abgespeichert worden, das automatisch erkennt: Kampf oder Flucht? Und sofort Reaktionen auslöst. Also, je nach Grad, kann auch das der Fall sein und dann macht es auch keinen Sinn nach Bildern zu suchen, zumahl die, auch die Gefahr bergen können, der Retraumatisierung, also das heißt, das Ganze noch mal durchleben zu müssen.

Wichtige Frage: Kann ich mir bei einem Trauma selbst helfen oder sollte ich professionelle Hilfe in Anspruch nehmen?

Göldner:
Es ist immer ganz wichtig, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil ein Fachmann von außen guckt und einem die richtigen Fragen stellt und einem natürlich dann auch, im Rahmen einer Praxis beispielsweise, einen sicheren Schutzraum gibt, wo man sich dann mit dem Thema auseinander setzen kann. Und außerhalb dieser Praxis sozusagen, ganz normal auch seinen Alltag weiter bewältigen kann.

Ich denke, man ist für sich selbst manchmal auch „betriebsblind“.

Göldner:
Natürlich, das kommt ja insbesondere bei Traumata sowieso dazu. Es gibt da ja häufig auch eine Aufspaltung in Persönlichkeitsanteile. Und die dann teilweise auch so gefühlt die „Regie übernehmen“ und man hat sowieso dann manchmal die Schwierigkeit: „Wer ist hier noch Herr oder Frau im eigenen Haus?“ Das ganze Kabinett zu moderieren und zu lenken und wenn man dann sich selber noch als eigener Therapeut mit sich auseinander setzen will, ich glaube, das überfordert.

Frau Göldner, wie sieht Ihre persönliche Arbeit mit traumatisierten Menschen aus?

Göldner:
Also, das Vorgehen verläuft in mehreren Phasen. Erst mal ist es wichtig, überhaupt Vertrauen aufzubauen zu dem Klienten, dass er weiß, dass er in der Praxis einen Schutzraum hat, wo er sich sicher fühlt. Im nächsten Schritt muss man auch noch mal ganz deutlich sagen, dass eine Traumatisierung auch was zu tun gehabt hat mit Kontrollverlust. Sie ist in einer Situation entstanden, die in der Regel lebensbedrohlich war oder demjenigen lebensbedrohlich vorkam und die ihn in dem Moment völlig schutzlos gemacht hat. Also, das heißt ihm wurde die komplette Selbststeuerung/ Selbstbestimmung entnommen. Und das ist häufig auch eine wichtige Hürde, die zu nehmen ist, im Rahmen der Therapie, dass jemand wieder in das Gefühl kommt, wieder über sich selber auch bestimmen zu können und sich selber auch wieder steuern zu können.

Sie sagten vorhin auch, Sie arbeiten mit „Persönlichkeitsanteilen“. Wie kann ich mir das vorstellen?

Göldner:
Ich habe von dem sogenannten „inneren Kabinett“ gesprochen, was teilweise dann die Regie übernimmt und ich dann das Gefühl habe, ich bin nicht mehr „Herr oder Frau im eigenen Haus“. Das nennt man in der Psychotherapie oder Traumatherapie: „Ego-State-Disorder“  und diese Phänomene, die versuche ich mit dem Klienten gemeinsam abzubilden, indem wir beispielsweise Tierfiguren benutzen oder andere Figuren, die der Klient selber charakterisiert für bestimmte Persönlichkeitsanteile.

Und finden die Patienten das nicht merkwürdig so mit Tierfiguren zu arbeiten?

Göldner:
Nein, gar nicht. Also, das ist überhaupt nicht merkwürdig, weil es distanziert von dem, was innerlich passiert und wo man das Gefühl hat, es hat einen innerlich so „in Griff“. Und das ist ja auch das, was das Leiden ausmacht und wenn ich das als Tierfigur auf dem Tisch stehen habe, ist meistens etwas, was ich gut beschreiben kann, was ich gut charakterisieren kann, wozu ich dann in dem Moment auch Distanz habe, was mir dann auch zurückspiegelt sozusagen, wie mir dieser eigene innere Anteil vorkommt.

Das heißt, ich transportiere etwas von innen nach außen.

Göldner:
Ich transportiere etwas von innen nach außen. Also, ich sage mal, wenn ich eine Tischfläche habe, mit sechs, sieben, acht Tieren beispielsweise, dann ist das sozusagen wie eine Videoleinwand auf der ich meinen inneren Film aufspiele, den ich mir dann selbst von außen angucken kann. Und somit kann ich dann auch lernen, zum Regisseur zu werden.
Dabei finde ich noch wichtig, deutlich zu machen, dass viele einen bestimmten Persönlichkeitsanteil als störend empfinden und das Gefühl haben, sie müssten den unbedingt loswerden oder sie müssten den tot machen oder der darf nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Man hat alles, was man gelernt hat, sämtliche Strategien, die man gelernt hat, aus einer Traumatisierung heraus entwickelt, um sich zu schützen und weil man es gut mit sich meinte. Und dass heißt, es liegen eine Menge Stärken darin, eine Menge Ressourcen, die dann auch in dieser Arbeit deutlich werden und auch nutzbar gemacht werden.

Können Traumafolgen verschwinden?

Göldner:
Ja.

Buchtipp für „Profis“:
„Schonende Traumatherapie: Ressourcenorientierte Behandlung von Traumafolgestörungen“
Martin Sack (Schattauer-Verlag)

Gast:
Melanie Göldner
Staatl. gepr. Betriebswirtin, Zertifizierte Trainerin,
Heilpraktikerin für Psychotherapie
Am Koppelberg 38
31634 Steimbke
Tel. + Fax: 0 32 12 • 5 12 67 56
Handy: 01 72 • 5 12 67 56

Göldner Coaching und Verbund Kompetenzzentrum Mitte 
Internet: www.goeldner-coaching.com

Informationen zur Sendung vom 1. Juli 2013

„Blockierte Sexualität“

Sexualität ist Bestandteil unseres Lebens. Doch was macht eigentlich „guten“ oder „schlechten“ Sex aus? Was, wenn sich Langeweile, Lustlosigkeit und Interessenlosigkeit „breit“ gemacht haben? Kann das Feuer neu entfacht werden? Die „sexuelle Revolution“ haben wir schon lange hinter uns gebracht. Mann und Frau sind befreit, alles ist erlaubt, und selbst in der Schokoladenwerbung wird tagtäglich auf Erotik gesetzt. Trotzdem haben Sexualtherapeuten allerhand zu tun. Warum das so ist, hat mir Abbas Schirmohammadi, Heilpraktiker für Psychotherapie, Sexualtherapeut und Autor zahlreicher Bücher und Entspannungs-CDs aus Erding erklärt. Ganz her(t)zlichen Dank!

Herr Schirmohammadi: Wir leben in einem Zeitalter – sozusagen – nach der sexuellen Befreiung. Was bedeutet das?

Schirmohammadi:
Sexuelle Befreiung ist etwas sehr spannendes, denn wir dürfen nicht vergessen, Sexualität ist einer der wichtigsten Bereiche des menschlichen Lebens, und heutzutage geht es viel lockerer zu als noch vor zwanzig, vierzig, sechzig Jahren ! Wir leben in einer sehr offenen Gesellschaft, wo es mittlerweile auch beim Thema Sex bei vielen Menschen überhaupt keine Tabus mehr gibt.

Wann wird Sexualität von uns als „gut“ bezeichnet?

Schirmohammadi:
Gute Sexualität ist immer eine Sache, die jeder Mensch für sich selber bezeichnen kann: Das sind geheime Wünsche, geheime Träume und Fantasien, die jeder von uns hat – und die versucht er natürlich best möglich auszuleben. Wenn ein Mensch leider sehr wenig davon ausleben kann, gehe ich davon aus, dass die Sexualität als sehr langweilig/ dröge bezeichnet wird. Deswegen versucht jeder natürlich das, was in ihm pocht, was er gerne erleben möchte, auch in die Tat umzusetzen.

Können wir gute Sexualität auch an irgendwelchen Markern festmachen, z.B. an sexuellen Funktionsabläufen? Oder ist das überholt?

Schirmohammadi:
Ich glaube nicht, dass der Mensch heutzutage bewertet: „Ach, jetzt bin ich gerade in der Erregungsphase, jetzt habe ich meinen Orgasmus erreicht“ – sondern es läuft einfach ab. Und je lustvoller das Ganze abläuft – da wird heutzutage gar nicht mehr soviel darüber nachgedacht – sondern es will einfach erlebt werden. Je flüssiger das Ganze läuft, desto besser. Also, ich glaube, dass diese Stufen heutzutage gar nicht mehr während des Aktes bewertet werden.

Welche körperlichen Gründe gibt es dafür, wenn es beim Sex nicht klappt?

Schirmohammadi:
Es gibt einige körperliche Gründe, zum Beispiel die Funktionsstörungen beim Mann. Das ist, wenn einfach der Penis nicht steif werden möchte oder bei der Frau der „Vaginismus“. Vaginismus ist der Scheidenkrampf, wenn die Frau einfach unten verkrampft, was sowohl körperliche, als auch psychische Ursachen haben kann. Viele werden zum Beispiel auch durch Alkohol oder durch Medikamenteneinnahme beeinflusst. 56 Prozent aller Raucher leiden an sexuellen Störungen. Also, da macht der Körper dann einfach nicht mehr das, was man so gerne möchte. Bei Alkohol ist es natürlich genau dasselbe. Ober bei Psychopharmaka: Über 50 Prozent aller Psychopharmaka-Patienten haben sexuelle Funktionsstörungen.

Und was gibt es für andere Ursachen?

Schirmohammadi:
Naja, da gibt es zum Beispiel die „Appetenzstörung“: Das ist einfach eine Lustlosigkeit. Eine generelle Lustlosigkeit auf Sex – oder auf den Austausch dieser schönen Leidenschaft, oder auch auf den Partner. Es gibt das „genitale Schmerzsyndrom“, einfach Störungen auch aufgrund körperlicher Erkrankungen. Es gibt sexuelle Erregungsstörungen. Da gibt es eine ganze Palette, aber das sind die Wichtigsten.

Herr Schirmohammadi, welche seelischen Gründe gibt es, wenn es im Bett nicht klappt?

Schirmohammadi:
Ganz wichtig ist heutzutage: Übermüdung, Stress, Burnout. Das sind diese Gründe, die sicherlich jeder von uns kennt – das Leben ist sehr, sehr anstrengend, sehr hektisch geworden, vor allen in Großstädten – auch berufsbedingt, sowohl derjenige, der viel arbeitet, als auch vielleicht die Hausfrau, die sich um zwei Kinder zuhause kümmern muss. Abends um 18 Uhr ist man gerädert, da weiß man schon, was man getan hat. In der Firma wird man vielleicht gemobbt. Da wird man vielleicht vom Chef sehr schlecht behandelt. Das heißt: Jeder hat abends um 18 Uhr sein großes Päckchen vom Tag, das man erst mal abbauen muss, wo man sagt: „Ich gehe vielleicht zum Sport, ich möchte jetzt joggen gehen, ich möchte Musik hören, ich möchte für mich allein sein“, um mit den Ereignissen des Tages besser klar zu kommen. Da fehlt dann oft die Lust auf den Partner.
Also, natürlich gibt es auch eine Menge Partnerschaftskonflikte. Das dürfen wir nicht vergessen! Immer weniger Menschen schaffen es, langfristig in einer Partnerschaft zu leben. Immer mehr Menschen bevorzugen ein Single-Leben. Das heißt: Das „Miteinander“ – das „Miteinander zwischen zwei Menschen“, „miteinander Leben“, eine „Beziehung zu führen“, ist sehr, sehr schwierig geworden. Und da  entstehen natürlich auch häufig Komplexe: Minderwertigkeitskomplexe, bei Partnerschaftskonflikten. Oder auch einfach eine Lustlosigkeit im Laufe der Zeit, wenn man denkt, der Partner entspricht nicht mehr dem Ideal, das man sich gerne wünscht ... Das kann natürlich auch auf dieser Linie begründet sein. Auf der anderen Seite: Stress, Burnout, Lebensängste – was nichts mit dem Partner zu tun haben muss – aber trotzdem die Lust auf Sex rauben kann.

Haben die Medien Einfluss auf unsere Sexualität? Und wenn ja, welchen?

Schirmohammadi:
Und wie! Die haben einen gewaltigen Einfluss. Und das sind alle Medien, von Zeitschriften, über Kinofilme, über Werbung. Was wir alles auch sehen... wir werden berieselt mit vielen Sachen, die uns einfach aufgedrängt werden, wo wir keine Chance haben, wegzuschauen und da ist Erotik und Sexualität natürlich ein ganz, ganz großes Thema. Man sieht es schon im Musiksektor, da sind dann solche Sängerinnen, wie Britney Spears, Christina Aguilera, Rihanna, die einfach ein wahnsinniges, tolles Seximage aufgedrückt bekommen haben und das dann natürlich auch vorleben. Die ganzen jungen Mädchen wollen so werden. Man sieht es an solchen „Sternchen“ wie: Paris Hilton, die natürlich auch ein sehr exzessives Sexleben vorleben, das jeder eigentlich ganz gerne auch nachleben möchte. Und wir werden in Zeitschriften überhäuft mit Aussagen wie: „Der Superorgasmus“ und „Frauen: Sucht euch die besten Liebhaber“ und „Männer: Nehmt nur die jungen, hübschen Frauen.“, was auch immer. Also, man muss sich einfach nur diese Magazine mal anschauen. Es wird einem suggeriert, dass das die Lösung sei und dann guckt natürlich jeder auf sich und auf seine Beziehung und wird ganz schnell unzufrieden.

Es gibt ja die „individuelle Sexualität“ und die „partnerschaftliche Sexualität“. Wie gehen die Männer und Frauen damit um, wenn es kaum oder keine erotischen Gemeinsamkeiten gibt?

Schirmohammadi:
Ja, dann wird es schwierig. Also, wenn es überhaupt keine Gemeinsamkeiten mehr gibt, wird es wirklich schwierig, ob die Beziehung dann noch einen Fortbestand hält. Die „individuelle Sexualität“, das ist etwas, was jeder Mensch für sich hat, die jeder auch für sich alleine noch ausleben kann, durch Masturbation, durch bestimmtes „Gedankenkino“. Die partnerschaftliche Sexualität ist da natürlich schon etwas anspruchsvoller, denn das ist eine Sexualität, die zu Zweit stattfindet, die am Anfang einer Beziehung natürlich immer höchst spannend und höchst erfüllend und wahnsinnig aufregend ist, aber spätestens nach ein, zwei, drei Jahren – in der Regel – dann auch nachlässt. Und dann ist es wichtig zusammen an der Sexualität, genauso wie an der Partnerschaft zu arbeiten, dass sie spannend bleibt, dass sie schön bleibt und das passiert halt, glaube ich, in fast allen Schlafzimmern – in deutschen Schlafzimmern – nicht mehr.

Sorgt unsere, „ach so befreite Sexualität“ dafür, dass sie uns vor Probleme stellt, die es früher nicht gab?

Schirmohammadi:
Naja, ich glaube, diese Probleme gab es immer schon. Nur sie waren nicht so groß wie heute. Die Gesellschaft auch vor hundert, zweihundert Jahren... auch die alten Römer haben sich schon sexuell ausgetobt. Da galten auch noch ganz andere Regeln. Da waren Orgien ganz normal.
Das alles ist in den Jahren natürlich wieder... da hat sich das Bild gewandelt. Dann gab es die sexuelle Befreiung in den sechziger und siebziger Jahren. Heutzutage ist halt der Einfluss gerade durch die Medien, wir haben ja die Medien vorhin schon angesprochen, enorm groß geworden. Neue Modeerscheinungen, wie die „Polyamorie“, die „Mehrfachliebe“, die ist einfach heutzutage auch ganz gefragt, das heißt ich liebe nicht nur einen Partner, sondern ich liebe gleich vier oder fünf – soviel, wie ich möchte – führe praktisch auch offene Beziehungen, mit diesen Partnern und jeder Partner ist damit auch einverstanden. Das heißt: Treue, ja, gibt es dann eher eigentlich so nicht, und trotzdem ist jede Partnerin oder jeder Partner dann auch zufrieden mit diesem Konstrukt. Diese Form der Beziehung ist stark im Kommen. Also, das gab es vor hundert, zweihundert, dreihundert Jahren offiziell so jetzt auch nicht.

Was hilft, damit der Sex wieder gut, leidenschaftlich und lustvoll wird?

Schirmohammadi:
Na, da gibt es Gott-sei-Dank, einige Alternativen. Wichtig ist zumindest die Bereitschaft von beiden Partnern, dass sie sagen: „Wir haben hier ein Problem und wir sind bereit, daran zu arbeiten.“  Wenn nur Einer möchte und der andere nicht, ergibt das Ganze keinen Sinn mehr. Ganz wichtig ist, dass die beiden lernen, über Sex zu sprechen, dass sie auch beim Sex miteinander lachen können, dass die Verkrampfung – die ja oft bei einer Person oder bei beiden stattfindet – einfach nicht mehr da ist. Das wirklich – in erster Linie – „miteinander Sprechen“.

Wenn denn die Leute nicht die Bereitschaft haben, darüber zu sprechen: Wie locken sie die?

Schirmohammadi:
Ja, da gibt es natürlich auch ein paar Tricks. Es gibt eine Möglichkeit, Hausaufgaben aufzugeben, zum Beispiel, es gibt eine Art Tagebuch, in das der eine Partner an einem Tag einen Eintrag macht – einfach seine Gedanken zum Thema Sexualität oder zur Partnerschaft hineinschreibt – und ohne Stellungnahme dazu abzugeben, ohne was dazu zu sagen, am nächsten Tag ließt sich der andere Partner das durch und schreibt auf einer neuen Seite, seine Wünsche, seine Gedanken, alles das, was in ihm vorgeht und am nächsten Tag ist der andere Partner wieder dran. Und die beiden haben auch die Aufgabe, bis zum nächsten Termin, nicht darüber zu reden. Und meistens im Verlauf dessen, dass halt einfach diese Interaktion statt findet, dass er wirklich intime Sachen von sich preisgibt, weil etwas aufzuschreiben funktioniert für viele besser, als es zu sprechen, zu sagen, dem anderen dabei in die Augen zu schauen und meistens ergibt sich daraus, ein schöner Event, wo man doch im Bett wieder zusammen kommt, vielleicht herzlich darüber lacht: „Wusste ich ja gar nicht, dass Du… Hättest Du es mir doch gesagt, komm ...!“ Oder es wird einfach gemacht. Und oftmals ist es so, dass beide Partner dann wirklich grinsend, Hand in Hand zu dem nächsten Paartermin erscheinen und sagen: „Hey, das hat Wunder gewirkt!“

Buchtipps:
1. „Der ultimative „Coaching für Paare“ Ratgeber – Die Kunst, eine Beziehung glücklich und vital zu gestalten, Abbas Schirmohammadi, Shaker Media Verlag

2. Für interessierte Laien und „Profis“:
„Systemische Sexualtherapie“, Ulrich Clement, Klett-Cotta Verlag

Gast:
Abbas Schirmohammadi
Heilpraktiker für Psychotherapie, Sexualtherapeut
Personality Coach, Management-Trainer, Mediator
Parkstr. 51
85435 Erding
Tel.: 08122/ 962754
Mobil: 0175/ 6164044

Informationen zur Sendung vom 5. August 2013

Hypnotherapie


Hypnose! Eines der ältesten und bekanntesten Heilverfahren. Werden wir unter Hypnose zu einem „willenlosen Werkzeug“ oder ist die Hypnotherapie ein wirkungsvolles Werkzeug in der modernen Psychotherapie?

Dass die Hypnotherapie nach Milton Erickson kein „Hokuspokus“, sondern ein anerkanntes Therapieverfahren ist, und wann sie helfen kann und für wen sie geeignet ist, das hat mir Axel Paulsburg, Heilpraktiker für Psychotherapie und Hypnotherapeut aus Cremlingen, bei Braunschweig, erklärt. Hert(z)lichen Dank!

Herr Paulsburg, viele Menschen glauben, dass sie in der Hypnose in einen schlafenden, willenlosen Zustand fallen. Ist das richtig?

Paulsburg:
Nein, ganz und gar nicht. Aus meiner Erfahrung ist es so, dass Hypnose ein sehr interessanter Zustand ist und -, wenn das, was dort mit mir passiert oder -, was ich dort erlebe, mir nicht gefällt, dann mache ich die Augen auf und bin wieder da.

Was ist das Besondere am Hypnosezustand?

Paulsburg:
Genau diese Fokussierung, dieses sich konzentrieren auf eine Sache, zum Beispiel: Auf mich selbst – auf das, was ich gerade empfinde, was ich spüre – und das „Abschiednehmen“  von den vielen Umwelteinflüssen, von den Dingen, die ich sonst wahr nehme. Sich genau auf eine Sache konzentrieren, das ist das Entscheidende.

Und warum macht es Sinn, jemanden zu Therapiezwecken in die Hypnose zu führen?

Paulsburg:
Ich glaube, dass wir dort an einer Stelle sind, die uns schon ganz lange bewusst ist und zwar, dass das Unterbewusstsein, der Teil von uns, der ständig im Hintergrund schaut, was wir tun, was wir machen, der bestimmt, wie wir uns verhalten - der also nicht denkend ist – dieser Teil ist nur erreichbar und gut erreichbar, wenn wir zum Beispiel eine hypnotische Trance als Hilfe nehmen.

Ist jeder Mensch hypnotisierbar?

Paulsburg:
Das ist die schwierigste Frage, die ich auf allen abendlichen und privaten Veranstaltungen, habe. Die Antwort lautet „Jein“. Man muss es mögen, man muss es wollen und wer sich wirklich wehrt, wird auch nicht hypnotisiert werden. Und man muss Vertrauen haben, zu dem, der es tut – dass er Einem nichts tut – dann funktioniert es.

Kann man jemanden eigentlich gegen seinen Willen hypnotisieren?


Paulsburg:
Frau Kohn, ich versichere Ihnen, wenn jemand nicht möchte, wird es nicht funktionieren. Ich habe das noch nicht erlebt.

Wer sich mit dem Thema „Hypnotherapie“ beschäftigt, kommt an „Milton Erickson“ nicht vorbei. Wer ist das?

Paulsburg:
Oh, Milton Erickson?! Erst mal: Mein großes Vorbild. Milton Erickson ist ein amerikanischer Psychiater gewesen, bedauerlicherweise 1980 gestorben und er hat den Ansatz -, Hypnose für die Therapie zu verwenden, revolutioniert. Er hat festgestellt und hat es dann gezeigt, in ganz, ganz vielen Lehrhypnosen, wie man mit Hypnose Menschen helfen kann, Probleme zu bewältigen.

Was ist das Spezielle, was der Milton Erickson denn herausgefunden hat?


Paulsburg:
Milton Erickson hat herausgefunden, dass die „Fragestellung des Tages“ oder die Fragestellung in einer therapeutischen Sitzung, vom Unbewussten beantwortet werden kann, wenn wir es nur motivieren es zu tun, weil dort ist Alles verfügbar, was wir in unserem Leben mal gelernt haben.

Das heißt: Die Hypnotherapie schlägt eine Brücke zum Unbewussten?

Paulsburg:
Exakt, genau das ist das, was wir tun. Das ist auch der Unterschied zur eigentlichen „Hypnose“.

Können Sie mir einige Beispiele nennen, was Hypnose ist – und, was Hypnotherapie ist?

Paulsburg:
Ja, ich glaube, es lässt sich an einem einfachen Beispiel gut verstehen: In der Hypnose würde ich Ihnen das Gefühl geben, dass es Ihnen gut geht, weil ich sage: „Es geht Ihnen gut... Sie können sich wohlfühlen... Sie räkeln sich am Strand...“ – und Sie werden auch genau dort sein, Sie werden diese Erfahrung machen. In der Hypnotherapie, würde ich indirekt arbeiten, das heißt: Ich sage: „Schauen Sie mal die... Blumen dort... auf der Wiese... es geht ihnen gut... .“ Jetzt ist dort ein Doppelsatz: „Schauen Sie die Blumen auf der Wiese – Komma – und das Wort „Es“ . „Es“ wird im Unterbewusstsein immer durch „Mir“ oder „Ich“ ersetzt. Das heißt, hier versteht das Unterbewusstsein: „Irgendwelche Blumen auf einer Wiese.“ Und: Mir geht es gut.“ Und da entscheiden Sie dann selbst, dass es Ihnen gut geht. Ich habe das nicht gesagt...

Was passiert da genau in unserem Kopf: mit unserem Bewusstsein und mit unserem Unterbewusstsein?

Paulsburg:
Ja, wir Hypnotherapeuten wissen, dass beides zeitgleich existiert. Und genau bei dem Satz, den ich gerade gesagt habe, hat natürlich Ihr Bewusstsein, Frau Kohn, gehört: Da gibt es Blumen auf einer Wiese, denen es gut geht, weil die Sonne scheint. Ihr Unterbewusstsein hat das tatsächlich getrennt, in zwei Teile: „Irgendwo Blumen auf einer Wiese“, und hat dann diesen zweiten Satz gehört: „Mir geht es gut“. Das „Es“ wurde ersetzt und dort entsteht das Entscheidende: Es geht Ihnen tatsächlich besser dadurch, weil Sie das für sich entschieden haben und schieben das hoch zum Bewusstsein, was dann das Lächeln – was Sie gerade im Gesicht gehabt haben, bei meinem Satz – tatsächlich erzeugt hat und zwar: Ständig.

Das heißt, ich programmiere selber mein Unterbewusstsein um...


Paulsburg:
Exakt richtig! Und wenn Sie ganz clever auf die Marketing-Aktionen von großen Firmen schauen, die machen das auch so auf ihren Plakaten. Es ist also kein „Hokuspokus“, sondern es ist tatsächlich etwas wissenschaftlich erforschtes, wo wir wissen, dass es passiert und was mittlerweile außerhalb der Therapie, überall im Marketing angewendet wird – und... politische Reden sind ähnlich.

Ist die Hypnotherapie für jeden Menschen geeignet?

Paulsburg:
Ja, für jeden Menschen ist sie bestimmt geeignet, sofern er das Vertrauen hat, in den Therapeuten, dass er weiß, was er dort tut und meiner Erfahrung nach wird das in der ersten Sitzung, im ersten Gespräch, aufgebaut – und dann fällt mir noch auf, gerade, wenn ich darüber nachdenke – natürlich gibt es ganz viele Situationen, wo wir Hypnose und Hypnotherapie gar nicht anwenden sollten oder müssen, weil es ganz andere Therapieverfahren gibt, die viel besser geeignet sind, um zu helfen. Insofern: Ja, für jeden, aber es kommt auf den Einzelfall an.

Herr Paulsburg, bei welchen Problemen kann die Hypnotherapie nun konkret helfen?


Paulsburg:
Ich glaube, dass so die Kernthemen aus meiner beruflichen Erfahrung sind, zum Beispiel: Ängste, Zwänge – erstaunlicherweise auch bei Depressionen  – weil wir da dann genau nicht mit Hypnotherapie, sondern mit Hypnose, zum Beispiel, die Erfahrung setzen können, einmal „depressionsfrei“ zu sein, für einen Moment Antrieb zu haben, in einem Bild/ in einem Traum, den wir erzeugen und das merkt sich dann der Patient und kann hinterher dann mit dieser Erfahrung weiterarbeiten.

Jetzt hört man aber immer wieder Hypnose bei Gewichtsproblemen und Süchten, wie Rauchen...kann ich da zu Ihnen in die Praxis kommen?


Paulsburg:
Ja, Sie können gerne zu mir in die Praxis kommen, darüber würde ich mich wirklich freuen. Dennoch muss ich sagen: Hypnose, wie ich das am Anfang gesagt habe, ist nicht Hypnotherapie. Bei Hypnose wäre es so, „die Zigarette schmeckt schlecht“ und nach drei Wochen schmeckt sie wieder, weil es verfliegt der hypnotische Befehl/ die Aufgabe, dass sie schlecht schmeckt. Bei der Hypnotherapie würden Sie von sich aus entscheiden, dass sie nicht mehr Rauchen möchten, indem ich Ihnen zum Beispiel eine Geschichte erzähle, über jemanden, der eine andere Form von Sucht los geworden ist und Sie sagen: „Ich möchte den gleichen Weg gehen...“ , im Unterbewussten. Bei den Essproblemen... ganz schwieriges Thema: Süchte und auch die Essprobleme, die wir heutzutage in der Therapie vorfinden, haben eigentlich immer andere Probleme im Hintergrund, die damit überdeckt werden. Es gibt einen Grund, warum jemand viel raucht, oder jemand zuwenig isst oder viel isst. Und diesen Problemen auf den Grund zu gehen, dafür wäre die Hypnotherapie vielleicht geeignet, aber andere Therapieverfahren vorzuziehen. Das Lösen von Suchtproblemen oder Essproblemen hat als wichtigste Grundlage herauszufinden: Wozu ist die Sucht/ die Zigarette gut? Wozu ist das Essen oder „Nicht-Essen“ gut? Und die Suche ist eine gegebenenfalls sogar langwierige Suche und hat Ergebnisse, die man vielleicht nicht geahnt hat. Und vielleicht ist es so, dass es dann auch gut ist, weiter zu rauchen, weil man an dem Problem gar nicht arbeiten möchte, sondern nur aufhören wollte zu rauchen. Insofern sage ich allen meinen Patienten: „Überlege Dir, möchtest Du aufhören zu rauchen oder die Ursache herausfinden? Ich helfe Dir, die Ursachen zu finden, Aufhören zu rauchen, kannst Du von alleine.“

Herr Paulsburg, kann die Hypnotherapie auch bei körperlichen Krankheiten eingesetzt werden?

Paulsburg:
Ja, wir kennen im Deutschen den Begriff der „psychosomatischen“ Krankheiten, der Krankheiten, die mit dem Geist und mit dem Körper zu tun haben, mit der Seele und dem Körper. Wir Therapeuten haben einen sehr schönen Begriff: „Die Seele leidet und der Körper spricht.“ Und dann ist natürlich, der Hypnotherapeut mit seinen Möglichkeiten auf das Unterbewusstsein, die Seele in dem Moment-, anders genannt, einzuwirken und dem Patienten zu helfen, Lösungen zu finden, dass der Körper nicht mehr spricht, ideal geeignet.

Herr Paulsburg, ich weiß auch, dass es Menschen mir Traumata gibt, bei denen die Hypnotherapie eingesetzt werden kann...

Paulsburg:
Das macht sehr viel Sinn. Aber es braucht auch sehr viel Vorbereitung. Wenn Sie einen Menschen, der ein traumatisches Erlebnis hinter sich gebracht hat in diese Situation zurückführen, sollte er jederzeit aus der Situation wieder „aussteigen“ können. Und das muss man vorbereiten. Und hinzu kommt und deswegen ist es so schwierig, es darf auch keine Retraumatisierung stattfinden, das heißt: Sie sind wieder in der Situation, erleben das ganze Trauma gegebenenfalls noch einmal, da braucht es einen sehr guten Therapeuten, mit sehr viel Erfahrung auf diesem Themengebiet. Auf der anderen Seite, oft haben wir Patienten vor uns sitzen, wo wir gar nicht wissen, was die Ursache ist. Und wir suchen:        - indem wir jemand in Trance versetzen, in die Hypnose versetzen, indem wir sie in die Zeit vor heute zurückgehen lassen, bis zur Kindheit: Wo könnte etwas gewesen sein, an das sie sich eigentlich nicht erinnern, was Auslöser ist, für die Probleme von heute? Wenn dann ein Trauma auftaucht, dann steigen wir ganz schnell aus der Trance heraus und gehen den Weg, den ich eben beschrieben habe: Vorbereiten, um daran zu arbeiten.


Kann ich mich nach einer Hypnose an alles erinnern?

Paulsburg:
Das kommt darauf an, wie tief die Hypnose war. Wir haben Hypnosen, die so tief herunter gehen, dass wir uns so auf uns selbst, auf irgendetwas konzentrieren, dass wir die Umwelt komplett vergessen und auch hinterher im Bewusstsein, keine Erinnerung haben, was passiert ist. Das ist aber nicht notwendig für Hypnotherapie. Da reicht es vielfach, sich tief zu entspannen und alles mitzubekommen. Manche sagen hinterher: „Herr Paulsburg, ich war doch gar nicht in Hypnose. Ich war doch gar nicht in Trance.“ „Doch, doch“, sag’ ich, „waren Sie schon. Wie gut, dass die Zeit für Sie so schnell vergangen ist.“

Wie läuft eine Hypnose nun konkret in Ihrer Praxis ab?

Paulsburg:
Wenn ein Patient bei mir zur Tür hereinkommt hat er häufig die Idee, Hypnose ist das Einzige, was ihm helfen kann. Und damit ist er eigentlich schon in der ersten Phase einer Trance. Denn Tatsache ist, er hat sich darauf konzentriert, jetzt Hypnose zu bekommen. Und das ist der Trick mit der Hypnose, jemanden dazu zu bringen – und sehr individuell unterschiedlich – wie bekomme ich jemanden dazu, sich auf eine bestimmte Sache zu konzentrieren?. Deswegen kann ich nicht sagen, es gibt die „universelle Sitzung“ und -, wie sie abläuft. Generell es ist so, wir üben das Konzentrieren auf einen Punkt, auf eine Sache, auf einen Ton, auf einen Wecker, der tickt... Und gleichzeitig...folgen Sie meiner Stimme... werden schwerer im Sessel... hören meine Stimme... folgen meiner Stimme... und ich begleite Sie mit meiner Stimme... in... diesen Zustand... der tiefen... schönen Entspannung. Und dann erzähle ich Ihnen Geschichten, Geschichten in denen für Ihr Unterbewusstsein, versteckte Lösungen sein könnten für Ihr Problem. Geschichten, wo Sie jemand folgen, der ein Problem versucht zu lösen und Sie mit einem Suchprozess in Ihrem Kopf, Ihre eigene Lösung finden werden. Also, ganz unterschiedlich. Es gibt nicht „die“ Hypnosesitzung. Für jeden das Richtige, das ist meine Divise.

Ist Hypnotherapie wissenschaftlich anerkannt?

Paulsburg:
Ja, Hypnotherapie ist wissenschaftlich anerkannt. Sie wird zwar in Deutschland, im Rahmen der Krankenkassen nur als Hypnose bezahlt, aber sie ist erforscht und nachweisbar in ihrer Wirkung.

Buchtipp:
„Was quält mich, und wenn ja, warum? – Faszinierende Geschichten aus der Hypnose-Therapie, Irina Schlicht, Goldmann-Arkana

Gast:
Axel Paulsburg
Heilpraktiker für Psychotherapie, Hypnotherapeut
Vor den Grashöfen 36
38 162 Cremlingen (Ortsteil Schandelah)
Tel.: 05306 - 91 20 900


Informationen zur Sendung vom 2. September 2013

Hochbegabung

Die Kultserie „The Big Bang Theory“ karikiert das Leben des hochbegabten „Sheldon“. Sind Menschen mit hoher Begabung und hoher Intelligenz unweigerlich alle „Nerds“, Außenseiter? Oder bleibt das Potential vieler Menschen schlichtweg unerkannt? Zwei Prozent der Bevölkerung sind hochbegabt! Was bedeutet es jedoch für die Persönlichkeit und Seele eines Hochbegabten, wenn diese unentdeckt bleibt – oder nicht gelebt werden darf? Diese Fragen – und noch viel mehr – hat mir Birgit Zahradnik, hochbegabt, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Mitglied der „Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind“ aus Bad Homburg v.d. Höhe, beantwortet. Her(t)zlichen Dank!

Frau Zahradnik, Sie führen eine Praxis für „differenzierte Menschen“. Was bedeutet das?

Zahradnik:
Ja, ich habe nach einem Begriff gesucht, um "Hochbegabung" oder "hohe Begabung" zu umgehen. Es ist häufig in unserer Gesellschaft ein Reizthema und - nach langen Recherchen - habe ich mich dann einfach für "differenziert" entschieden. Also, da kann dann jeder hereininterpretieren, was er möchte. Häufig ruft es ein Schmunzeln hervor, also mir geht es einfach darum auszudrücken, dass es Menschen sind, die anders als der Durchschnitt sind.

Wann gilt man jetzt als "hochbegabt" oder "differenziert"?

Zahradnik:
In Deutschland gibt es einen Test und, wenn Sie dieses anerkannte Testverfahren durchlaufen, und dort mit einem Durchschnittswert von „130“ abschließen, gelten Sie als „hochbegabt“.

Ist denn dieser Intelligenztest abhängig vom „Bildungsgrad“ oder dem „sozialen Umfeld“ der Testperson, oder ist das unabhängig von solchen Kriterien?

Zahradnik:
Es gibt Tests, die die Intelligenz messen, die unabhängig sind. Aber der, auf den ich jetzt Ansprach, das ist der „Hamburg – Wechsler – Intelligenztest“ [HAWIK-IV] - den gibt es sowohl für Erwachsene, als auch für Kinder – und da muss man schon, also, ein gewissen Potential an Bildung einfach haben. Aber, es gibt auch sprachlich ungebundene, gerade, wenn man das mit Kindern macht, die einen Migrationshintergrund haben – da kann man ja gar nicht erwarten, dass sie schon so gut in der deutschen Sprache verankert sind – und da gibt es dann auch spezielle Tests. Die suchen dann – die Psychologen, wenn man das Kind testen lässt – suchen die dann ganz gezielt aus... was gut passen würde.

Sprechen wir über biologische Grundlagen: Ist Hochbegabung genetisch vererbbar?

Zahradnik:
Ja, natürlich. Es gibt zwar kein bestimmtes Gen, auf dem die Hochbegabung jetzt festgelegt ist. Das ist die Summe von mehreren Genen, die zusammen kommen – und die Wissenschaftler streiten sich – aber man sagt, dass Hochbegabung zum Anteil von circa fünfzig Prozent vererbt ist. Der Rest ist dann einfach auch Einfluss der Umwelt.

Potenziert sich, das, was in den Eltern vorhanden ist, beim Kind? Also, wenn ich zwei intelligente Eltern habe, dass dann mein Kind womöglich noch intelligenter wird?

Zahradnik:
Also, die Chance, wenn, zwei hochbegabte Menschen sich verlieben und ein Kind haben wollen, dass da wiederum ein hochbegabtes Kind heraus kommt, ist sehr, sehr groß.

Was „tickt“ denn in einem Gehirn eines Hochbegabten „anders“?

Zahradnik:
Naja, „ticken“ würde ich es nicht nennen. Ich würde mal eher sagen, da „klingelt ununterbrochen ein Wecker“ und – da „geht richtig was ab“ in dem Gehirn – die sind permanent am Denken, am Entdecken, am Kombinieren, am Machen und am Tun. Also, das ist eine ganz „lustvolle“ Geschichte, die da im Gehirn abläuft und die den Leuten, in der Regel, sehr, sehr viel Freude macht.

Ich hatte ja hier schon in meiner Sendung einen Gast, der „hochsensibel“ war und über die „Hochsensitivität“ gesprochen hat. Geht Hochbegabung automatisch mit einer hohen Sensibilität einher?

Zahradnik:
Automatisch nicht. Aber es ist häufig eine Kombination. Also, im Kindesalter ist es sehr häufig noch zu sehen, dass die Kinder sehr, sehr sensibel sind, sehr feinfühlig sind. Dadurch, dass sie gut beobachten, nehmen sie auch sehr viel wahr, was ein „normal“ intelligentes Kind, das so „in seiner Art und Weise durch die ...ja, durch die Gegend läuft“ – nicht unbedingt mitbekommt, weil das Interesse ist einfach ganz anders. Und die „Antennen“ – sie haben ganz, ganz feine Antennen, das ist schon richtig. Aber, ob man das jetzt als „hochsensibel“ oder „übersensibel“ bezeichnet und, dass es ist immer in Verbindung mit einer Hochbegabung ist, das möchte ich ausschließen.

Wenn Hochbegabung unentdeckt bleibt spricht man vom sogenannten „Underachievement“. Was ist damit gemeint?


Zahradnik:
Ja, das kann man so pauschal gar nicht so sagen. Also, nicht jede unentdeckte Hochbegabung führt in ein „Underachievement“. Häufig suchen sich die Hochbegabten dann andere Nischen, in denen sie das dann irgendwie ausleben. Wenn es ganz übel läuft entwickeln sie sich quasi zu „Underachievern“, also zu „Minderleistern“. Das heißt, sie haben im Alter von fünf, sechs – es kommt in der Regel ein halbes bis ein Jahr nach der Einschulung – schlichtweg die Motivation verloren, sehen keinen Sinn mehr in ihrem Tun, was ihnen angeboten wird und sie schalten einfach ab, sie machen nichts mehr, also es sagt ja auch schon das Wort, „Minderleistung“, sie machen nichts mehr. Und damit beginnt ein ganz, ganz ungesunder Kreislauf, den es wirklich dringendst gilt zu unterbrechen. Die Wissenschaftler streiten sich auch hier wieder, wie hoch der Prozentsatz der Hochbegabten ist, man geht so zwischen fünfzehn und zwanzig Prozent der Hochbegabten aus, die sich in Richtung „Underachievement“ entwickeln.

Unter Umständen kann es zu psychischen Störungen kommen, also Depressionen können sich daraus entwickeln. Wir haben auch in der DGHK [Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V.] einige Kinder, die schon im Alter von sieben, acht Jahren über Suizid nachdenken – das ist einfach so – also, die fühlen sich so hilflos in der Schule ausgeliefert und sind so traurig und empfinden ihr Leben als so sinn– und auch wertlos, dass sie sich fragen, ob sie überhaupt noch am Leben bleiben sollen. Und das ist eine ganz individuelle Geschichte, wie jeder Mensch damit dann umgeht. Das kann man nicht Pauschalisieren. Also, der Eine fängt vielleicht an, der macht Sport, „wie verrückt“. Der nächste „hängt sich“ halt an den Computer... und, dass sich unter Umständen auch Süchte entwickeln können, ist eine Möglichkeit. Also, von daher, gerade das Computer- das Internetzeitalter bietet ja heute vielen Menschen, die sich anderweitig beschäftigen wollen, eine Möglichkeit sich das zu suchen, was sie haben möchten. Und das Problem ist nur, dass wir in Deutschland die Schulpflicht haben, dass wir unsere Kinder in die Schule schicken müssen, selbst wenn sie dort nicht adäquat gefördert werden, das ist das eigentliche Problem. Die Kinder wissen in der Regel sehr gut, was sie brauchen und was sie gerne hätten und was gut für sie ist. Aber der Zwang, sich in einen teilweise schlecht gemachten Unterricht zu setzen, das ist halt häufig ungut und führt zu schlechten Entwicklungen.

Ich habe in meinem Bekanntenkreis eine Lehrerin, mit der habe ich schon vielfach diskutiert, und sie hat die Behauptung aufgestellt, dass in Deutschland nur das „Mittelmaß“ gut durch die Schule kommt. Dass, wer darüber liegt häufig durch die Maschen fällt und wer darunter liegt. Sehen Sie das auch so?


Zahradnik:
Ja, das kann ich gut bestätigen. Ja, da hat sie völlig Recht. Es ist auch im Grunde nicht unbedingt eine Frage der Intelligenz.... Ich meine, auf dem Gymnasium brauchen Sie schon ein gewisses Potential, aber das ist häufig auch eine Sache der Disziplin und des „Sich-Durchmogelns“. Aber es ist nicht unbedingt eine Leistungsgeschichte, hier in Deutschland gut durch die Schule zu kommen. Also, allein dass die Länder schon nicht schaffen, sich auf ein Niveau zu einigen – sehen Sie ja auch – also, es ist einfach traurig, was hier passiert.

Ich gehe mal davon aus, dass „Hochintelligenz“ im Grunde genommen kein Problem ist. Es ist also die Gesellschaft, die den hochintelligenten Menschen, die ihre Begabung nicht Leben können, ein Problem schafft?

Sie werden ja Menschen in Ihrer Praxis haben, bei denen Probleme auftauchen... ...die kommen ja nicht einfach so.

Zahradnik:
Ja, nur... Ja, man hat ja keinen Bedarf zu mir zu kommen, wenn es gut läuft. Also, ganz im Gegenteil. Zu mir finden in der Regel nur Menschen, bei denen es irgendwo „hakelt“. Ja, die sich fragen: Was ist mit Ihnen? Was ist so „falsch“ an Ihnen, dass sie im Leben nicht zurecht kommen? Und da hilft häufig nur ein Perspektivwechsel, also sie sind schon irgendwo die „Außen-Stehenden“. Wir sind ja nur zwei Prozent von achtzig Millionen. Und das ganze System, in dem wir Leben, ist ja auf den „Durchschnitt“ ausgerichtet und verständlich machen kann man das immer ganz gut, wenn Sie... Also, „100“ ist ja der „Durchschnitts-IQ“. Und dem gehören ungefähr vierundsechzig Prozent unserer Gesellschaft an. Dann geht es in den „debilen“ Bereich, also: Richtung siebzig, sechzig, fünfzig und auf der anderen Seite geht es dann hoch bis in die Hochbegabung bis „130“ im IQ. Und jetzt müssen Sie sich vorstellen, wenn Sie jetzt von den „100“ einfach mal „30“ oder „40“ abziehen, sind Sie im „debilen Bereich“. Wie verhält sich ein „normal intelligenter Mensch“, zu einem „debilen Menschen“? Und genauso ist es in die andere Richtung: Wie ist der Unterschied von einem „normal intelligenten Menschen“ – also mit... sprich mit einem IQ von „100“ – zu einem Hochbegabten – mit „130“ oder „135“ oder „140“. ? Die haben in der Regel keine Gemeinsamkeit. Was wieder sehr gut funktioniert: „die Hochbegabten zu den Debilen“. Da kommen wir dann wieder auf dieses Thema, was wir letztes Mal angesprochen haben, mit der „Feinfühligkeit“. Da können sich die Hochbegabten sehr gut darauf einstellen. Aber, einfach mal nur um diesen Unterschied ein bisschen deutlicher zu machen: „hochbegabt zu debil ... geht gut, „hochbegabt zu normal“... kann gut gehen...muss nicht..., „normal zu debil“... ist auch schwierig. Und, von daher, wenn man sich das mal vor Augen führt, wird es vielleicht ein bisschen deutlicher, wie der Unterschied ist von „normal“ zu „hochbegabt“ und „hochbegabt“ zu „normal intelligent“... oder „durchschnittlich intelligent“.

Welche Möglichkeiten bieten Sie Menschen mit Hochbegabung bei seelischen Schwierigkeiten in Ihrer Praxis?


Zahradnik:
Ich gehe da ganz differenziert heran, weil Hochbegabte auch ganz individuell sind und, was auf den Einen passt, passt auf den Anderen nicht. In der Hochbegabung finden sich sehr häufig ein mangelndes Selbstbewusstsein und sehr, sehr viele Ängste. Da kann man mit unterschiedlichen Techniken heran gehen. Ich arbeite ja auch mit „EMDR-Technik“, das kommt aus der Traumatherapie. Ich arbeite mit Hypnose. Ich arbeite mit Gesprächen. Häufig kombiniere ich vieles miteinander und ich schaue dann einfach, „was passt“ und, was der Klient auch annimmt.

Auf Ihrer Homepage schreiben Sie auch, Sie setzen sich für das „ABITURnonlinear“ ein. Was ist das?


Zahradnik:
„ABITURnonlinear“ ist ein Projekt, das ich zusammen mit einer Kollegin initiieren möchte. Das richtet sich an hochbegabte Schüler und auch Jugendliche, die einfach die „Anpassungsleistung“ an die Schule nicht mehr geschafft haben und ihren eigenen Weg zum Abitur suchen möchten. Das heißt, wir bieten psychologische und pädagogische Unterstützung und es gibt einen Vertrag, den die Kinder oder Jugendlichen mit einer Fernschule schließen und machen dann auf dem Weg, in ihrem eigenen Tempo ihr Abitur.


Buchtipp:
„Jenseits der Norm – hochbegabt und hoch sensibel?“, Andrea-Brackmann, Leben lernen/ Klett-Cotta

Gast:
Birgit Zahradnik
Heilpraktikerin für Psychotherapie
Im Langenfeld 9 a
61350 Bad Homburg v.d.H.
Tel.: 0175 – 16 99 88 1
Fax: 06172 – 99 76 020

Informationen zur Sendung vom 7. Oktober 2013

Schüßler Salze für Psyche und Seele

Schüßler Salze sind in der Naturheilszene im wahrsten Sinne des Wortes „in aller Munde“. Hauptsächlich werden die kleinen weißen Lutschtabletten dafür eingesetzt, Mineralstoffmängel in den Körperzellen auszugleichen. Dass die Salze des Wilhelm Heinrich Schüßler jedoch auch unsere Psyche und unsere Seele harmonisieren können, das ist weniger bekannt. Wie wir mit Schüßler Salzen unsere seelische Balance wieder herzustellen können, darüber habe ich mit Vistara Haiduk, Heilpraktikerin, Dozentin und Autorin aus Oberstenfeld, Landkreis Ludwigsburg aus Baden-Württemberg gesprochen. Her(t)zlichen Dank!

Frau Haiduk, wir sprechen heute über Schüßler Salze und ihre Wirkung auf unsere Psyche und Seele. Ein paar Worte zu Wilhelm Heinrich Schüßler... Wer war das?

Haiduk:
Wilhelm Heinrich Schüßler war ein Arzt aus dem Oldenburger Land, der relativ spät erst in die Medizin gekommen ist, weil ihm das Geld fehlte zum Studieren. Er wurde von seinem Bruder unterstützt sein Studium zu beenden und hat dann mit dem homöophatischen Ansatz in Oldenburg in einer Klinik gearbeitet. Und hat dort seine Forschungen betrieben, über die Homöopathie zunächst, und hat dann festgestellt, dass die Homöopathie doch sehr unübersichtlich und umfangreich ist. Und hat dann angefangen zu forschen in der Asche verstorbener Menschen, um herauszufinden, was eigentlich übrig bleibt von uns. Er hat festgestellt, dass die Überbleibsel des Körpers sozusagen, genau diese zwölf Mineralstoffe sind, aus denen sich die Asche zusammensetzt und dann hat er weiterüberlegt und hat nachgedacht: „Okay, dann könnte es vielleicht sein, dass wenn bestimmte Mängel bestehen, dass man die zu Lebzeiten wieder zuführen kann, dass es den Leuten wieder besser geht?!“  Das war die Geburtsstunde der Biochemie.

Das heißt die Schüßler Salze sind eben diese Mineralstoffe, die dem Körper zugeführt werden.

Haiduk:
Die Schüßler Salze sind zwölf Grundbiomineralien aus denen das Leben besteht.

Wie werden Schüßler Salze normalerweise in der täglichen Praxis eingesetzt?

Haiduk:
Schüßler Salze können für alle Zipperlein und auch größere Erkrankungen eingesetzt werden. Sie können vorbeugend eingesetzt werden. Zum Beispiel jetzt fängt wieder die graue Zeit, die Grippezeit, an und da ist ein Schüßler Salz ganz besonders wichtig, nämlich das Natrium sulfuricum. Das ist die „Grippeschutzimpfung“ der Schüßler Salze. Wenn man von Oktober bis Ostern 10 Stück täglich nimmt, braucht man keine Grippeschutzimpfung und wird nicht krank.

Kann eigentlich jeder Schüßler Salze einnehmen?

Haiduk:
Im Prinzip: Ja. Leider sind die Schüßler Salze aber auf Milchzuckerbasis. Aber auch da hat sich mittlerweile die Arzneimittelindustrie darauf eingestellt. Es gibt auch zuckerfreie Komponenten, zum Beispiel gibt es die Schüßler Salze inzwischen als Globuli und auch auf Alkoholbasis. Wichtig ist aber zu wissen, dass die Schüßler Salze sich mit nichts stören. Sie können Kaffee trinken, Sie können Pfefferminztee trinken und weiter Aromatherapie schnuppern. Das ist kein Problem, dadurch wird die Wirkung der Salze nicht vermindert und das ist ein großer Unterschied zur Homöopathie, zum Beispiel.

Was ist denn der Unterschied zwischen der Homöopathie und den Schüßler Salzen generell?

Haiduk:
Der Unterschied zwischen der Homöopathie und den Schüßler Salzen generell ist, dass der Schritt der „Verschüttelung“ und damit der „Energetisierung“ wegfällt, bei den Schüßler Salzen. Die Homöopathie wird so hergestellt, dass ein Stoff mehrfach „verdünnt“ wird, bis die gewünschte Verdünnung da ist und zwischen den einzelnen Verdünnungsschritten – also zum Beispiel 1 Teil Substanz und 9 Teile Milchzucker – die werden miteinander verschüttelt und dann 100 mal durchgeschüttelt. Das ist ein Prozess der „Energetisierung“  und dieser Prozess, der fehlt bei den Schüßler Salzen und dadurch kommt es zu einer anderen Wirkung im Körper. Wir haben hier einen Prozess, wo „Fehlendes aufgefüllt“ wird und weniger wo ein Prozess „angestoßen“ wird, um die Selbstheilungsprozesse im Körper zu aktivieren, so wie es bei der Homöopathie ist. Am Leichtesten ist der Unterschied zu sehen bei dem Salz Nummer 11, Silicea. Wenn man Silicea homöopathisch einsetzt, werden alle Fremdkörper aus dem Körper ausgestoßen, dass heißt Leute, die Implantate haben oder Knieprothesen oder Hüftprothesen, sollten homöopathisch auf gar keinen Fall Silicea einnehmen, weil das die Prothesen lockert. Bei Schüßler Salzen hingegen, wird der Sitz der Prothese gefestigt, weil das ein Salz ist, was das Bindegewebe stärkt und bei dem Salz fällt der Unterschied am Stärksten auf.

Wir werfen immer so mit den Begriffen „Psyche“ und „Seele“ um uns. Was ist der Unterschied?

Haiduk:
Grundsätzlich kann man sagen, dass die Psyche all das ist, was durch Konditionierungen zu uns gekommen ist, wie zum Beispiel Minderwertgefühle oder Heimweh oder Stimmungsschwankungen, solche Geschichten, und die seelischen Aspekte sind eigentlich die, die  wir schon geburtlich, sozusagen, in unserer Struktur mitgebracht haben. Es ist gut an dem Beispiel von dem Schüßler Salz Nummer 2 zu sehen, das ist das Calcium phosphoricum. Der psychische Aspekt von dem Schüßler Salz Nummer 2 ist „Hartherzigkeit“ und „Verzagtheit“. Also, Leute, die schnell sehr mürrisch sind mit sich, die unzufrieden sind, die Dinge nicht zu Ende bringen. Der seelische Aspekt sind die fehlenden Wurzeln und die fehlende Verhaftung auf dieser Welt oder das andere Extrem, Leute, die nur im Kopf sind, für die es überhaupt keine Spiritualität gibt. Da macht die Zwei die „Verbindung zwischen Körper und Geist“, auf der seelischen Ebene. Und die psychischen Komponenten haben dann einen ganz anderen Ausdruck. Die sind wirklich auf dieses Leben bezogen und richten sich in der Regel gegen die Person selber. 

Kann sich eine bestimmte Haltung auf ein Organ oder eine Körperregion auswirken?

Haiduk:
Ja, natürlich. Das sagt doch schon unser Volksmund. „Mir es etwas über die Leber gelaufen“  oder „er wird gelb vor Neid“, dann als Ausdruck dafür, dass die Galle gestaut ist.  Sicherlich haben unsere Organe einen Bezug zu unseren Emotionen und jedem Organ sind in der chinesischen Lehre zum Beispiel, Emotionen zugeordnet, wo man sagen kann, dass wenn diese Emotionen lange genug die „Energie beherrschen“, dass das dann auch die Arbeitsenergie des Organs schwächt.

Wenn die Schüßler Salze eigentlich dafür da sind, Mineralstoffmängel in den Körperzellen auszugleichen. Wie wirken die dann auf Psyche und Seele? Wie „kommen die dahin“?

Haiduk:
Psyche und Seele haben ihren Sitz in jeder einzelnen Zelle und wenn die Zellen wieder „happy“ sind, dann fühlen wir uns auch wieder „happy“. Die Zellen, wenn die ins Mineralungleichgewicht kommen, dann ist ja die Gesamtenergie des Menschen gestört und dadurch kommt er in einen anderen energetischen Zustand, wie zum Beispiel eine Verstimmung, eine Depression... als Schmerzzustände können sich auch zum Beispiel depressive Zustände zeigen. Und wenn man wiederum jetzt über die Schüßler Salze den Mineralausgleich in den Zellen wieder statt finden lässt, dann kann auch die Schwingung der Zellen wieder ansteigen und dadurch hat man eine andere Stimmung. Dann ist man einfach fröhlicher und in einer anderen Vibration sozusagen.

Wir haben gerade über die sogenannte „Organsprache“ gesprochen. Wie kann man die entschlüsseln?

Haiduk:
Den Organen, denen sind allen bestimmten Emotionen zugeordnet. So ist zum Beispiel die Lunge dem Thema „Kummer und Trauer aus jüngerer Zeit“ zugeordnet. Die Leber steht in Verbindung mit einer sehr „langanhaltenden Trauer“, von der man häufig denkt, „die ist gar nicht von diesem Leben“. Die Galle steht in Verbindung mit „Neid und Wut“ und „Frustration“. Und die Bauchspeicheldrüse zum Beispiel, die hat als Thema, wenn es um das Thema Zucker geht: „Sich das Leben versüßen“ oder aber auch „Misstrauen in die eigene Leistungsfähigkeit“ oder „Perfektionismus“ und „Ehrgeiz“. Und so hat jedes Organ seinen Angelpunkt, sozusagen, auf was für eine Emotion es besonders empfindlich reagiert. Wenn ein Mensch jetzt zum Beispiel langanhaltend traurig ist, dann schwächt er mit dieser Trauerenergie einerseits die Leber und andererseits kann die Leber auch dafür ursächlich sein, dass diese Traurigkeit ist. Da muss man denn immer gucken: „Wer ist Huhn und wer ist Ei?“.

Wie kann ich feststellen, welches Schüßler Salz meinen Körper beziehungsweise mich bei meiner „inneren Haltung“ oder meinen „Lebensprogrammen“ unterstützt?

Haiduk:
Am einfachsten ist es die Schüßler Salze aus dem Gesicht abzulesen,. Denn die ersten zwölf Salze haben alle eine ganz eigene Farb- oder Merkmalentsprechung im Gesicht, wo sie wirklich abzulesen sind, wie aus einem offenen Buch. So gibt es zum Beispiel für das Schüßler Salz Nummer 6, was die Leber unterstützt und was einen davon abhält immer nachts zwischen 1:00 und 3:00 Uhr wach zu werden, die „dunklen braunen Ringe um die Augen“. Aber auch: Sommersprossen, Muttermale sind Hinweise darauf, dass die Leber in ihrer Arbeitsenergie unterstützt werden muss – und das wäre das Kalium sulfuricum, die Nummer 6. Und so hat eben jedes dieser zwölf Salze, ein bestimmtes Merkmal im Gesicht, woran man sehen kann, dass genau jetzt dieses Salz gerade aktuell besonders gebraucht wird.

Ich habe auf Ihrer Homepage gesehen, dass Sie ganz viel in der Ausbildung tätig sind. Behandeln Sie in ihrer Praxis noch selbst oder geben Sie ihr umfangreiches Wissen hauptsächlich weiter?

Haiduk:
Im Augenblick verschiebt sich das gerade ein bisschen. Es gab Jahre, wo ich sehr, sehr viel unterwegs war und fast dreiunddreizig
Wochenenden im Jahr irgendwo mein Wissen verbreitet habe. Im Augenblick ist es so, dass ich nur noch zwanzig Wochenenden unterwegs bin und unterrichte an unterschiedlichen Heilpraktikerschulen oder privaten Organisationen und, dass ich dann den Rest der Zeit, den ich dann Zuhause bin, außer Montags, da ist mein freier Tag, dann auch Praxis habe.

Gibt es neben den Schüßler Salzen, beziehungsweise Biomineralien, noch irgendwelche neuen Projekte?

Haiduk:
Ja, seit einiger Zeit befasse ich mich sehr stark – wo die Schüßler Salze allerdings auch ein bisschen mit hereinspielen – mit dem Thema Augen und Augenheilkunde und zwar zum Thema: „Alternative Möglichkeiten zur Augenheilkunde“ und da habe ich gerade ein neues Buch herausgebracht, das heißt: „Mehr Durchblick – besser Sehen durch veränderte Wahrnehmung“ . Und da gehe ich hauptsächlich auf das Thema Augen ein und:  Wie nehmen wir durch unsere Augen unser Leben wahr ? Und: Welche Auswirkungen haben unsere Augenstörungen auf unser Leben? Nicht nur in dem Sinne, dass wir eine „unklare Sicht“ haben und uns dadurch gestört fühlen, sondern: Auf welchen Bereich meines Lebens habe ich eine unklare Sicht? Zum Beispiel auf den Bereich Partnerschaft oder auf den Bereich Geld und so gibt es bestimmte Lebensthemen, wo ich mit den Patienten erarbeite, worauf sich ihre Sehstörung bezieht und wenn sie dann die notwendigen Schritte unternehmen, dann können wir wirklich messbar sehen, dass die Messwerte besser werden. Selbst eine Makuladegeneration ist rückgängig zu machen, wenn die Patienten die Verantwortung für dieses Thema übernehmen, wo sie merken, dass das damit in Verbindung steht.

Buchtipp:
„Schüßler-Salze für Psyche und Seele – Biomineralien für das innere Gleichgewicht“, Vistara Haiduk, MensSana/ Knaur

Gast:
Vistara Haiduk
Heilpraktikerin
Eichhäldenstr. 46
71720 Oberstenfeld
Tel.: 07062 – 6 74 92 72
Fax: 07062 – 6 74 92 70
E-mail: haiduk@gmx.de

Informationen zur Sendung vom 4. November 2013

Kinder der Kriegskinder 

Bombenhagel auf Hannover. 70 Jahre ist es her. Am 9. Oktober 1943 wurde die Stadt über Nacht in Trümmer zerlegt. Danach war in Hannover nichts mehr wie zuvor, Bewohner traumatisiert. Kann das Trauma unserer Eltern und Großeltern, sich bis in unser Leben auswirken? Prägen die Erfahrungen der Kriegsgenerationen unsere Gegenwart?
Das Thema "Kinder der Kriegskinder" ist derzeit brandaktuell. Warum?
Darüber habe ich mit Armin Rathmann, Heilpraktiker für Psychotherapie, Dozent und systemischer Familientherapeut aus Sehnde gesprochen. Hert(z)lichen Dank!

Herr Rathmann, „Kinder der Kriegskinder“. Wer ist damit gemeint?

Rathmann:
Als „Kinder der Kriegskinder“ bezeichnet man im Grunde die Nachfahren der Kinder, die im Krieg als Kinder auf die Welt gekommen sind – und  diese schrecklichen Geschehen und Ereignisse als Kinder auch live miterlebt haben. Also, wir im Grunde – dazu gehöre auch ich – die  Nachfolgegeneration der Kriegskinder, betrifft die Jahrgänge von 1955 bis ungefähr 1972 bis ´75.

Diese Generation ist vom Krieg selbst nicht betroffen und auch ihre Eltern waren damals häufig so klein, dass sie sich nicht an den Krieg erinnern können. Können die Erlebnisse, die Kriegserlebnisse der Eltern, sich trotzdem bis in die Gegenwart auswirken?

Rathmann:
Ja, das weiß man heute. Wie genau das geschieht, weiß man noch nicht. Da ist die Forschung noch dran. Aber man weiß, dass es so was gibt wie einen sogenannten „Generationstransfer“, dass die Erlebnisse und Erfahrungen der Generationen an die nächstfolgende Generation weitergegeben wird. Man muss sich das so vorstellen: Der Mensch lebt im Grunde auf der Basis der Erfahrungen seiner Vorfahren. Denn der Mensch ist das einzige Lebewesen auf dieser Welt, was sich im Bewusstsein weiter entwickeln kann und das kann er nur, weil er von den Erlebnissen der Vorfahren profitiert. Tiere, zum Beispiel, können das nicht, die bleiben immer auf derselben Bewusstseinsebene stehen. Und deswegen geht man davon aus, dass die Erlebnisse und Erfahrungen der Vorgeneration an die nächste Generation weitergegeben wird und die muss jetzt sortieren, was ist nützlich und was ist nicht nützlich, was ist sogar behindernd oder schädigend für mein eigenes Leben.

Warum ist das Thema „Kinder der Kriegskinder“ so brandaktuell?

Rathmann:
Es ist gerade aktuell, weil die Zeit einfach drängt. Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen und wenige Überlebende dieser Zeit. Wir Nachfahren, also wir Kriegsenkel, sozusagen, müssen diese Geschichten kennen. Teilweise wurden sie uns nie erzählt, weil die Eltern von ihren Eltern angehalten worden sind, das Schreckliche zu vergessen, es nicht zu benennen und in ihren Erinnerungen einfach auszulöschen – was aber nicht möglich ist – und diese Geschichten sind enorm wichtig.

Warum müssen wir diese Geschichten kennen?

Rathmann:
Zum Einem, damit sich das, was geschehen ist nicht wiederholt und wir immer daran erinnert werden, was da Schreckliches passiert ist und zum Anderen ist, wenn die Eltern die Erde verlassen – zum Abschied nehmen gehört auch, dass wir Dankbarkeit entwickeln – und Dankbarkeit kann sich nur entwickeln, wenn wir lernen, die Eltern zu verstehen. Also, zu verstehen, dass sie so sind, wie sie sind, oder so geworden sind, wie sie sind, was uns nicht immer gut getan hat. Was uns auch viel Leid gebracht hat in unserer eigenen Kindheit. Aber, wenn wir lernen, was die Eltern durchgemacht haben und durchlitten haben, wird dieses Verständnis größer und dann kann sich irgendwann auch Dankbarkeit entwickeln, so dass wir den Eltern auch dafür danken können, dass sie soviel durchlebt und durchlitten haben und am Leben geblieben sind, damit sie uns auf die Welt bringen konnten.

Welche traumatischen Erfahrungen der Kriegskinder wirken sich bis zu den eigenen Kindern aus?

Rathmann:
Also, traumatische Erfahrungen wirken sich generell auf die nachfolgende Generation aus. Ich werde es mal kurz erklären am Beispiel: An meiner Mutter. Meine Mutter ist damals immer... da gab es doch diesen Probealarm, jeden Samstag um 12:00. Da gingen die Sirenen, dann bei uns im Dorf ... und immer wenn es kurz vor 12:00 war, ging meine Mutter irgendwo in Deckung, die war nicht mehr zu sehen, weil sie sich immer an diese Luftangriffe in Berlin erinnert hat. Sie war immer verschwunden, danach wirkte sie immer wie verstört und es dauerte eine Weile, bis sie wieder zu sich kam. Und dann begab es sich zum Einen – die ersten Kassettenrekorder kamen auf den Markt – und man hörte ja damals als Jugendlicher die Musik, die damals gespielt wurde. Ich nahm auf, das Lieblingslied: „The Sweet Block Buster“. Wie man das weiß, beginnt es mit einem Sirenengeheul. Die Batterien waren neu, des Kassettenrekorders. Ich konnte gut Lautstärke fahren und meine Mutter bekam dieses Sirenengeheul mit. Was passierte? Sie riss die Tür meines Zimmers auf und vermöbelte mich mit dem Kleiderbügel, weil sie genau an dieses Thema erinnert worden ist. Ich habe es damals nicht verstanden, warum sie auf mich eindrosch! Später im Laufe meiner eigenen Erfahrung und meiner Aufarbeitung meiner Geschichte wurde mir klar, dass ich in ihr dieses Trauma wieder erweckt hatte und diese damals aufgestaute Hilflosigkeit hat sich in Form von Aggression jetzt auf mich entladen.

Das Leben mit traumatisierten Eltern... Was macht das mit den Kindern heute? Mit unserer Generation?

Rathmann:
Es gibt ja verschiedene Varianten, wie ein Kind das aufnimmt und, wie es weiterlebt. Also, als Beispiel könnte ich nennen, dass ein Kind entweder selber gewalttätig wird und das weitergibt oder es wird sehr ängstlich und fürchtet sich vor Menschen, die diese hohe Aufladung in sich tragen. Also, es wird sensibel gegenüber Menschen, die innerlich so aufgeladen sind, dass sie zwar selber nicht spüren, dass sie gewaltbereit sind, aber das ausstrahlen.

Wenn ich jetzt aber die Schleife weiterführe, dass heißt, man kann ja dann über unheimlich viele Generationen immer wieder Traumata weitergeben und Traumata weiter leben....

Rathmann:
Ja. Und das ist genau diese Erklärung, für das was wir sagen: „Mehrgenerationstransfer“. So wird es weitergegeben. Von Generation zu Generation, bis eine Generation es schafft, diesen Mechanismus zu durchbrechen.

Mit welchen Schwierigkeiten haben die „Kinder der Kriegskinder“ jetzt zu kämpfen?

Rathmann:
Ja, das Eine haben wir schon angesprochen: Das war „Angst“ und „Gewalt“. Das andere, was noch sehr wichtig ist – und eigentlich das größte Leiden verursacht – ist „Schuld“. Und zwar nennen wir das „Überlebensschuld“. Das ist die Schuld, die wir in uns tragen, weil wir es einfach besser haben, als unsere Eltern. Denn wir sind nicht in diesen Kriegsgeschehen aufgewachsen, wir haben nicht dieses durchlebt und durchlitten, wie unsere Eltern... . Es geht uns einfach „zu gut“. Und dafür fühlen wir uns schuldig.

Woran kann ich jetzt erkennen, ob die Probleme, die ich habe „meinen eigenen“ sind, oder ob sie eigentlich „zu meinen Eltern gehören“?

Rathmann:
Dazu gehört, dass ich mir meine eigene Geschichte einfach anschaue: In Form von Psychotherapie oder in psychotherapeutischen Gruppen oder in Beratungsgesprächen, oder wie auch immer. Man kann Familienforschung betreiben oder die eigenen Eltern befragen, was sie durchlebt und durchlitten haben. Um dann zu spüren: Was trage ich da in mir? Und: Was behindert mich im Leben? Und: Was ist mir nützlich im Leben? Ich muss das unterscheiden lernen.

Bei welchen Symptomen muss ich aufmerksam werden?

Rathmann:
Wenn ich Schuldgefühle meinen Eltern gegenüber entwickele. Also, wenn ich das Gefühl habe, ich muss bei meinen Eltern wieder etwas gut machen. Also, was die durchlebt und durchlitten haben war so ungeheuerlich und das tragen viele in sich, die auch in meine Praxis kommen und Rat suchen. Ich habe immer das Gefühl gehabt, ich muss meinen Eltern was „zurückgeben“, ich muss wieder was „gut machen“ , ich muss was ausgleichen, für das, was sie nicht in ihrem Leben machen konnten, was sie nicht erreichen konnten, was sie verabschieden mussten. Denn viele Kinder, die üben heute Berufe aus, die sie gar nicht machen wollten. Es liegt einfach daran, dass sie den Wunsch der Eltern aufgenommen haben und dann die Berufe ausüben, die eigentlich die Eltern machen wollten, aber aufgrund dieser Kriegsgeschehnisse eben nicht machen konnten. Da ging es nur ums Überleben. Da blieb die Selbstverwirklichung einfach auf der Strecke.

Was gilt es zu tun? Wie kann den „Kindern der Kriegskinder“ und gegebenenfalls auch ihren Eltern geholfen werden?

Rathmann:
Wie ich schon gesagt habe, man muss sich mit der eigenen Geschichte befassen. Man muss den Mut haben, die Eltern auch zu fragen, weil viele Kinder haben gar nicht gefragt. Sie wissen gar nicht, was die Eltern durchlebt und durchlitten haben. Das ging auch nicht. Denn damals waren wir zu klein und konnten die Geschichten der Eltern nicht aushalten. Heute sind wir erwachsen genug und haben innere Stabilität erarbeitet, dass es uns jetzt möglich ist, das Leid in den Geschichten, auszuhalten. Und das ist das, was den Eltern auch hilft. Sie können jetzt noch mal die Geschichten an die nachfolgenden Generationen weitergeben und sind auch sicher, die werden das Leid jetzt aushalten.
Die werden uns verstehen und die werden auch nicht in Groll mehr sein, weil wir ihnen eben nicht das geben konnten, was sie gebraucht hätten. Denn, die haben ja selber nichts bekommen. Was der Mensch bekommen hat, kann er nur weitergeben. Und wenn da nichts war, dann gibt er auch nichts weiter.

Welche therapeutischen Möglichkeiten bieten Sie Menschen, die unter der Kriegsvergangenheit ihrer Eltern leiden, in Ihrer Praxis an?

Rathmann:
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, nur die sind individuell für die jeweiligen Betroffenen anzuwenden. Das Eine ist auf jeden Fall die „Familienforschung“, dass sich die Betroffenen aufmachen, diese Geschichten in Erfahrung zu bringen und das Andere ist, diese hohe energetische Aufladung, die sie in sich tragen über körpertherapeutische Maßnahmen zu einer Entladung zu führen. Eine gute Möglichkeit ist die Meditation, diese „innere Schau“: Wo trage ich Stressfaktoren in mir? Wo bin ich energetisch aufgeladen? Und wo und wie kann ich sie „abfließen“ lassen?

Was ist nötig, damit die Seelen der „Kinder der Kriegskinder“ und die der „Kriegskinder“ heilen können?

Rathmann:
An den Enden meiner Vorträge weise ich immer auch die Wichtigkeit hin, Verständnis für die Eltern zu entwickeln. Für das, was sie durchlebt und durchlitten haben. Und, dass wir diese Geschichten auch würdigen und in Ehren in uns tragen. Denn die sind der Nährboden für unser weiteres Leben. Und, dass man sich anschauen muss: Wo habe ich noch Groll auf meine Eltern? Wo bin ich in einer aufopferungsvollen Pflege meinen Eltern gegenüber? – Hervorgerufen durch immense Schuldgefühle. – Wie kann ich das verändern? So dass, auf beiden Seiten ein Verständnis entsteht. Und, dass man auch die Grenzen wahrnimmt: Was kann ich leisten? Was ist unmöglich zu leisten? Jeder kann dazu beitragen. Die betroffene Generation oder auch die Nachfolgegeneration. Wenn wir uns da in ein verständnisvolles Feld bewegen, dann kann man den Frieden spüren und der ist so wichtig. So wichtig, dass die Eltern dann auch in Frieden von dieser Welt gehen können. Und das ist mein Anliegen: Dass wir diesen Frieden finden! Denn ich selbst habe es erlebt und konnte meine Eltern in Frieden verabschieden. Und das ist so ein wohliges Gefühl – jetzt gerade wenn ich spreche, denke ich wieder daran – dass ich all das, was ich in mir getragen habe an Mangel und Entbehrungen nicht weiter mit mir herumschleppe. Denn über dieses Vergeben, ist es einfach nicht mehr da. Und dann kann man die Eltern gehen lassen – ohne, dass man noch viele Worte dafür finden muss.

Buchtipp:
„Wir Kinder der Kriegskinder – Die Generationen im Schatten des Zweiten Weltkriegs“ von Anne- Ev Ustorf, Herder-Verlag

Gast:
Armin Rathmann
Heilpraktiker für Psychotherapie
Peiner Str. 13
31319 Sehnde
Tel.: 05138 613386

Informationen zur Sendung vom 2. Dezember 2013

Psychosomatik und Körpersprache

Psychosomatische Erkrankungen steigen seit Jahren dramatisch an. Immer häufiger sind sie Ursache für das vorzeitige Ausscheiden aus dem Erwerbsleben. Leidet die Seele, bleiben viele Menschen stumm, doch der Körper spricht. Ist der Körper des Menschen schlicht die „Summe seiner Teile“? Oder ist er lediglich die „Bühne für das Schauspiel von Psyche und Seele“? Oder besitzt der Körper ein „eigenes Bewusstsein“, das sich auf die Psyche auswirkt? Spannende Fragen, die mir Dr. Werner Weishaupt, Heilpraktiker für Psychotherapie aus Salzgitter-Bad und Präsident des Verbandes Freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologischer Berater e.V.  (Hannover) beantwortet hat. Her(t)zlichen Dank!

Herr Dr. Weishaupt, psychosomatische Erkrankungen nehmen seit Jahren immer mehr zu. Warum?

Weishaupt:
Ob sie wirklich zunehmen ist schon eine spannende Frage. Oder, ob nur die Bereitschaft,die Zusammenhänge zwischen Körper und Seele wirklich wahrzunehmen, gewachsen ist – und zwar sowohl in der Bevölkerung einerseits – wie auch in der Medizin andererseits.
Ich denke, das ganzheitliche Verständnis, dass Körper, Geist und Seele immer zusammen gehören und untrennbar im Menschen miteinander verbunden sind, ist eigentlich schon uralt, nur unsere Sichtweise hat sich verändert, dass wir eben die Einflüsse der Seele auf den Körper viel bewusster wahrnehmen.

Kann man den Körper als „Sprachrohr der Seele“ bezeichnen?

Weishaupt:
Das ist eine zutreffende Formulierung, auf jeden Fall. Das was uns an Konflikten selber nicht bewusst ist, was wir erleben aber nicht mit Willen und Verstand verarbeiten können, wo wir uns überfordert fühlen, das findet seinen Weg über das Nervensystem, über das Hormonsystem und drückt sich in vielfältigen körperlichen Beschwerden aus.

Hängt Gesundheit von einer gesunden Kommunikation zwischen Körper und Seele, beziehungsweise der Psyche, ab?

Weishaupt:
Das kann man auf jeden Fall so sagen, wobei die Schwierigkeit darin besteht, dass wir selber Zugang finden zu den unbewussten Ebenen unserer Psyche. Unbewusst heißt ja „außerhalb“ unseres Bewusstseins, unterhalb der Bewusstseinsschwelle und viele Menschen zerbrechen sich selber den Kopf – zum Beispiel: Was will ihr Körper ihnen sagen? Was wollen ihre Beschwerden ihnen sagen? – kommen aber nicht alleine dahinter, weil die Gefühle erstmal aus dem Unbewussten heraus entstehen und viel Konflikte sich dort abspielen.

Und dann bräuchte man quasi jemanden, der das für einen übersetzt...

Weishaupt:
Da braucht man einen „Übersetzungshelfer“. Das kann ein Therapeut sein. Das können auch verschiedene Bücher sein, die einem Anregungen geben. Es gibt auch viele Redensarten, die Hinweise geben können auf diese Wechselwirkungen zwischen Psyche und Körper.

Ist es so wie man sagt, die „Entscheidung ist eigentlich schon lange im Bauch getroffen ...“?

Weishaupt:
Das kann man so sagen. Es gibt dieses berühmte „Eisbergmodell“. Ein Achtel vom Eisberg schwimmt über dem Wasser, das wäre so das Bewusste, die Verstandesebene, sieben Achtel befinden sich aber unter der Wasseroberfläche und das sind die Bereiche unserer körperlichen Wahrnehmung, unserer Empfindungen, unserer Sinneswahrnehmung und Gefühle, und auch, wenn wir sagen, wir treffen eine Entscheidung aus dem Bauch heraus, dann ist das diese Ebene, die dem Verstand manchmal erst hinterher bewusst wird.

Gefühle entstehen also im Bauch. Ich habe schon mal von dem sogenannten „Bauchhirn“ gehört. Was ist das?

Weishaupt:
Ja, die Forschung hat sich in den letzten Jahren auf die Untersuchung dieser Zusammenhänge ja auch konzentriert und hat diesen Begriff neu geprägt, weil man festgestellt hat, im Bereich unserer Gedärme haben wir mindestens soviel Nervenzellen, wie unter der Schädeldecke. Es gibt also tatsächlich zwei Gehirne, einmal das im Kopf und einmal das im Bauch - und insbesondere unsere Emotionen nehmen wir dort wahr, verarbeiten wir zum größten Teil auch dort. Kleine Kinder bringen das zum Ausdruck, wenn sie irgendeinen Kummer haben, wenn sie irgendeine Sache haben, mit der sie alleine nicht klar kommen, dann melden sie eben: „Mein Bauch tut weh! Ich hab´ Bauchweh!“ – und uns Erwachsenen geht es nicht viel anders.
Die Erforschung dieser Zusammenhänge, wird wissenschaftlich untersucht von einer Disziplin mit einem komplizierten Namen „Psychoneuroimmunologie“, also zusammengesetzt aus drei Bestandteilen: einmal die „Psyche“ – unsere Gefühle, unsere Konflikte, Wünsche, Bedürfnisse, dann unser Nervensystem, „Neuro“ und dann unser „Immunsystem“, also unsere Abgrenzungs- und Abwehrkräfte, die wir nicht nur brauchen gegenüber Bakterien, Viren, anderen Erregern – auf der körperlichen Ebene -, sondern genauso im sozialen Miteinander, um in unserer Mitte sein zu können, uns als Persönlichkeiten auch abgrenzen zu können, gegenüber anderen Mitmenschen, mit denen wir im Austausch sind.

Das heißt, wir haben da ein ganz feines Zusammenspiel zwischen Botenstoffen und Hormonen und Nervenimpulsen...

Weishaupt:
Ja.

... die da für Aktivität sorgen.

Steht ein „gesunder Körper“ immer in Zusammenhang mit einem „gesunden Geist“, beziehungsweise ein „kranker Körper“ mit einem „kranken Geist“?

Weishaupt:
Diese Zusammenhänge gibt es sicherlich und jeder kann die, mehr oder weniger, aus eigener Beobachtung bei sich ja auch wahrnehmen. Wenn ich negativ denke, wenn ich Zukunftsängste kultiviere, dann wird es schwer sein, mich körperlich auch gleichzeitig wohl zu fühlen. Angst und Entspannung schließen sich gegenseitig, mehr oder weniger, aus. Das ist einfach physiologisch so. Und insofern kommt es schon darauf an, was ich denke, dementsprechend werde ich fühlen – und mich auch wohlfühlen in meinem Körper. Nur, wenn wir diese Zusammenhänge beschreiben, dann ist mir ganz wichtig, dass wir daraus jetzt keine Schuldzuweisungen ableiten, weder bei anderen, nach dem Motto: „Du denkst falsch, also deshalb bist Du krank geworden.“, noch bezogen, auf uns selber, dann vergrößern wir die Probleme, anstatt auf einen gesunden Weg zu kommen.

Woran erkennen Sie, dass die Psyche sich über den Körper ausdrückt?

Weishaupt:
Das können ganz viele unterschiedliche Beschwerden sein, die sich letztlich an allen Organen und Organsystemen auch manifestieren können. Meistens kommen zu mir Patienten, die selber schon den Verdacht haben, oder von ihrem Arzt oder aus dem Bekanntenkreis/ Freundeskreis den Hinweis bekommen haben, insbesondere dann, wenn bestimmte Beschwerden immer wieder kommen, wenn sie chronisch geworden sind, wenn sie mit der reinen Organmedizin sich einfach nicht in den Griff kriegen lassen, dann liegt natürlich die Frage nahe, dass es hier seelische Ursachen gibt, Wechselwirkungen zu bestimmten Erlebnissen, die der Betreffende hatte oder ständig hat, in seinem Leben.

Was sind denn die klassischen Symptome von psychosomatischen Erkrankungen?

Weishaupt:
Das geht sozusagen von „A bis Z“. Also, von „Asthma bis Zahnweh“. Alles kann sich im Körper ausdrücken, über Schmerz, über unterschiedliche Beschwerden: Atemnot, Herzrasen Herzrhythmusstörungen... . Manchmal ist es auch ein bisschen familiär bedingt: Die eine Familie reagiert mit Magen- und Verdauungsbeschwerden, vornehmlich auf Konflikte, die andere reagiert mit chronischen Verspannungen muskulärer Art, dementsprechend: Muskelschmerzen, Spannungskopfschmerzen oder Spannungsrückenschmerzen, wieder jemand anderes reagiert mit „Niere/ Blase“: chronische wiederkehrende Entzündungen in diesem Bereich und, und, und.

Hat der Körper nun ein eigenes Bewusstsein?

Weishaupt:
Ich würde sagen: Ja. Wenn wir noch mal an dieses Bild vom Eisberg denken und wir aus der Forschung auch wissen, dass ein großer Teil unserer Gedächtnisleistungen, nicht nur im Gehirn passiert, im Kopf speichern wir nicht nur Erinnerungen, Bilder, Gefühle, Situationen, sondern letztendlich in jeder Nervenzelle, in jeder Körperzelle aus denen der Organismus besteht.

Wie kann sich die Psyche negativ und positiv auf den Körper, auf die Gesundheit auswirken?

Weishaupt:
Wenn wir „gut drauf“ sind, wenn wir positiv gestimmt sind, spiegelt sich das positiv auch in unserem Wohlbefinden, in unserem Körper wider. Wenn wir Stress erleben, wenn wir Konflikte nicht lösen können, spiegelt sich auch das wider, durch entsprechende „Verknotungen“/ „Blockaden“ in den normalen Funktionsabläufen der Organen.

Ist es so, dass ich mit meinen Gedanken meine Realität erschaffe?

Weishaupt:
Streng genommen: Ja. Aber ich bin natürlich auch Teil meiner Umwelt. Und wir sollten die Psyche und die mentale Ebene, die Gedankenebene, auch nicht überbewerten. Ich bin auch jemand, der sich ernährt. Ich bin bestimmten Umweltfaktoren/ Umweltgiften ausgesetzt. Ich habe bestimmte Erbanlagen. All das spielt für die Gesundheit letztendlich auch eine Rolle.

Herr Weishaupt, Ihr Name steht hier in Deutschland für „Psychosomatische Kinesiologie“. Was ist das?

Weishaupt:
Ich habe meine Praxis in Salzgitter vor 20 Jahren begründet. Zunächst mit psychologischer Beratung und Hypnosetherapie und im Laufe der Jahre ist dann die „Kinesiologie“, also das „Austesten über den Muskeltest als Kommunikationsbrücke zum Körper und zum Unbewussten“ mein Hauptarbeitsinstrument geworden. Und mehr und mehr haben sich in meiner Praxis Patienten eingefunden mit diesen typischen psychosomatischen Beschwerden, wo also die Schulmedizin an Grenzen kam und die Offenheit dafür vorhanden war, sich selber einmal „hinter den Vorhang zu schauen“ und die Zusammenhänge zu verstehen, die letztendlich zu Krankheit oder zu den Beschwerden geführt haben. Und die „Psychosomatische Kinesiologie“ ist einfach ein Bündel von Werkzeugen, was wir nutzen können, diagnostisch, um diese Wechselwirkungen zwischen Körper und Seele recht präzise nachbuchstabieren zu können, der bewussten Verarbeitung, dem Verstand wieder zuarbeiten zu können, und auch ergänzenden therapeutischen Hilfsmitteln, wie Akupressur, wie Farbtherapie, wie die Nutzung von Bachblüten, von Edelsteinkräften und so weiter, die uns dabei unterstützen,Blockaden zu lösen.

Ist es so, dass man mit dieser „Psychosomatischen Kinesiologie“, mit diesem Muskeltest, genau das findet, was mit schulmedizinischen Apparaten nicht zu finden ist?

Weishaupt:
Die Psyche lässt sich ja sehr schwer messen. Es gibt einige psychologische Tests, die sind zum Teil verlässlich, aber immer standardbezogen. Uns geht es ja aber darum, ganz individuell, ganz persönlich herauszufinden, welche Erlebnisse konnte jemand nicht verarbeiten, welche Muster musste er vielleicht sogar verdrängen, weil ihr Erleben vielleicht zu schmerzhaft im Augenblick gewesen wäre, und welche schlummern sozusagen unterbewusst und dringen trotzdem in Form von Symptomen an die Oberfläche? Und die „Psychosomatische Kinesiologie“ setzt genau hier an, im ständigen Dialog einmal über den Muskeltest und dann aber auch im Gespräch mit den Klienten herauszufinden: Was mussten sie da verdrängen?  Was konnten sie bislang noch nicht verarbeiten? Und in dem Moment, wo sie neu anfangen können, diese Dinge zu erinnern, sie sich bewusst zu machen, sie zu verstehen, dann können sie es auch verarbeiten und dann werden die Symptome letztendlich „überflüssig“.

Buchtipp:
„Mein Körper – Barometer der Seele, Das psychosomatische Lexikon das schon beim Lesen hilft“, Jaques Martel, VAK-Verlag

Gast:
Dr. paed. Werner Weishaupt
Dozent und Heilpraktiker für Psychotherapie
Praxis im Zentrum
Petershagener Str. 50
38259 Salzgitter
Telefon: 05341 -392715
Telefax: 05341 - 811428
E-mail: kinesiologiesz@aol.com
URL:
www.kinesiologie-sz.de
 
Informationen zur Sendung vom 6. Januar 2014

„Zahngeschichten“


Dass unsere Zähne etwas mit Psyche und Seele zu tun haben können, klingt zunächst einmal eher befremdlich. Aber sind auch Sie vielleicht nicht schon mal buchstäblich auf den Zahnfleisch gekrochen? Möglicherweise haben Sie sich auch schon an etwas oder jemanden die Zähne ausgebissen? Oder pressen nachts Ihre Zähne aufeinander?
Jeder Zahn steht in enger Wechselwirkung mit unserem Körper, Geist und Seele und hat seine „eigene Geschichte“. Wie man diese Geschichte „entschlüsseln“ kann und warum es wichtig ist diese zu kennen und gegebenenfalls in die zahnärztliche Behandlung einzubeziehen, das hat mir Ulrich Achilles, Zahnarzt aus Holle, erklärt. Her(t)zlichen Dank!

Herr Achilles, Sie bieten Ihren Patienten ganzheitliche Zahnheilkunde an. Was ist das?

Achilles:
Dieser Begriff ist sicherlich sehr abgegriffen: „Ganzheitliche Sichtweise“. Aber ich meine, dass man, wenn man in einen Mund schaut, den gesamten Menschen vor sich findet und, wenn man das weiß auch lesen kann.

Wann haben Sie bemerkt, dass Zähne für Sie mehr sind als reine „Kauwerkzeuge“?

Achilles:
Ich habe über die Akupunktur- und die Elektroakupunkturausbildung verstanden, dass wir miteinander vernetzt sind und so hat sich ein Baustein zum anderen gesellt, so dass ich eben auch über die Psychodontie, die Psychophysiognomik, mehr über den ganzen Menschen erfahren habe und da der Mund und die Zunge und die Lippen uns direkt vor den Augen sind, habe ich versucht daraus eben halt mehr zu lesen.


„Psychodontie“, was ist das?

Achilles:
Das ist ein geschützter Begriff, den Dr. Dr. Edelmann eingeführt hat, der versucht den Zähnen einen Aspekt der Persönlichkeit zuzuordnen, der sich auch in meiner Praxis immer wieder bestätigt und so dass ich da auch relativ sicher bin, dass ich so etwas zuordnen kann.


Und „Pathophysiognomik“, was ist das?

Achilles:
Pathophysiognomik ist noch mal ein Abkömmling von der „Psychophysiognomik“, also die „Körper-Seele-Deutung“ und die Pathophysiognomik  sind Veränderungen, die im Gesicht, am Körper, in der Körperhaltung ablesbar sind, wenn einzelne Organe oder auch die Gemütslage sich verändert im Laufe des Lebens, die sich dann äußerlich zeigen und die man erkennen kann.


Sie sagen: „An jedem Zahn hängt ein ganzer Mensch“. Was ist damit gemeint?

Achilles:
Die Zähne sind eine systemische Anordnung im Mund. Das ist eine Ansammlung von Informationen, die immer mit dem gesamten Menschen verbunden sind. Das ist immer das, was mit Verwunderung zur Kenntnis genommen wird, aber jedes Organ hat eine Zuordnung zum Zahn, Emotionen haben Zuordnung zum Zahn, selbst Gehirnabschnitte sind verändert, wenn sich im Körper etwas ändert am Organ, am Zahn und dann eben auch in der Seele oder auch im Gehirn.

Wie kommt die Verbindung zwischen Zähnen, Körperregionen und Emotionen zustande?


Achilles:
Diese Zusammenhänge hat ein Dr. Voll mit Hilfe der Elektroakupunktur festgestellt. Und dann eine Tabelle erstellt. Die Zähne haben sich dazu gesellt, die hat Dr. Kramer aus Nürnberg dann mit herausgefunden. Es wird dann ein kleiner elektrischer Reiz auf bestimmte Akupunkturpunkte gesetzt und dann schaut man welche Reaktionen, an dem Organsystem zu sehen sind. Entweder eine Überreaktion oder eine Unterreaktion oder gar nichts, also normal. Und daraus hat sich dieses ganze Netzwerk von Zähnen, Organen, Wirbelabschnitten, Nerven und so weiter herausgefunden. Über die Kinesiologie sind diese Zusammenhänge im emotionalen Bereich herausgefunden worden, so dass man auch dort mit dem Muskeltest herausfinden kann, welche Systeme oder welche Emotionen zur Zeit nicht im Lot sind.

Und welche emotionalen Themen hängen so an unseren Zähnen?

Achilles:
Es gibt ein sogenanntes „Verhaltensbarometer“. Da sind 64 Begriffe drauf vermerkt. Und das soll das gesamte Konzept sein, in den emotionalen Zuständen, in denen wir uns immer mal wieder befinden. Wenn man irgendwo „festhängt“ kann es zu Veränderungen in den Organsystemen kommen. Ich möchte das mal an einem Beispiel demonstrieren: Nehmen wir mal den Eckzahn, der bekannt ist, als ein sehr „kriegerischer“ Zahn und den wir brauchen, um „unsere Beute“ festzuhalten und diesem Zahn sind die Leber und die Galle zugeordnet. Und das wissen wir auch, dass wenn uns mal eine „Laus über die Leber“ läuft oder die „Galle überläuft“, dass wir dann wütend sind, also ist da auch Zorn und Wut zugeordnet. Wenn wir diesen Zorn oder diese Wut aber nicht ausleben, dann kommt es zu einem „Stau“.  Das heißt, dann sind wir irgendwo gefangen in einer Emotion, aus der wir nicht heraus kommen. Für mich als Zahnarzt zeigt sich das dann, wenn ein Zahn zum Beispiel Probleme macht, Schmerzen hat, empfindlich ist, aber es kann aus zahnärztlicher Sicht nichts gefunden werden. Dann frage ich natürlich nach und sage: „Gibt es irgendwelche Probleme, die mit Wut und Zorn zu tun haben?“ Das kann also das gesamte Lebensumfeld bedeuten: In der Familie, in der Arbeit, mit sich selber nicht zufrieden ... Und so kann man das Zahn für Zahn erläutern oder feststellen. Der Patient kommt ja mit Beschwerden, das heißt also, man kommt also ziemlich schnell auch auf den Zahn, der die Probleme macht. Und dann habe ich so meine Schubladen, die ich dann aufmachen kann, um den Patienten auf die richtige Spur zu bringen. Dann ist die Aufgabe des Zahnarztes eigentlich schon zuende. Denn der hat ja dann nur den Bohrer, den ich dann aber nicht gerne ansetze, sondern dem Patienten helfen möchte, ihn auf diese Lebenssituation, ich sag mal: aufmerksam zu machen, zu dem Thema hinzulenken und einfach mal dorthin zu schauen.

Mit welchen Themen kommen die Patienten hauptsächlich in ihre Praxis?

Achilles:
In der Regel ist es so, dass Patienten mit Zahnbeschwerden kommen und ich dann mir die Zähne anschaue. Wenn dort eine dicke Karies ist, dann ist klar, was zu tun ist, aber ich habe auch immer das Bedürfnis den Patienten dann darauf aufmerksam zu machen, dass eine Geschichte dahinter steht. Das ist relativ selten, dass Patienten sagen: „Gucken Sie mal in meinen Mund und erzählen Sie mir mal meine Zahngeschichte.“  Das kommt auch vor, aber das ist aber nicht die Regel. In der Regel ist es so, dass Patienten mit Beschwerden kommen und ich dann derjenige bin der versucht den Menschen dahin zu bringen, dass er das Thema was dahinter ist auch versteht – und auch bemüht ist, sich darum zu kümmern. Daraus ergibt sich dann eine Geschichte. Je nachdem, welcher Zahn das ist – ich sage mal: Das ist ein unterer Frontzahn und dann ist das der „Niere“ und der „Blase“ zugeordnet und der „Angst“ und „Unsicherheit“ und dann frage ich so etwas ab – und die Sexualorgane sind dabei – da ergeben sich eigentlich immer Themen.

Angenommen, ich sitze mit weit geöffneten Mund auf Ihrem Zahnarztstuhl. Wie erzählen Ihnen meine Zähne ihre Geschichte?

Achilles:
Wenn ich in einen weit geöffneten Mund schaue, dann frage ich allerdings vorher nach Erlaubnis, ob ich das auch darf. Dann gucke ich, ob alle Zähne in der Reihe stehen oder, ob welche „aus der Reihe“ tanzen und dann ist das immer der Aufhänger, dass ich nachhake und frage, ob zum Beispiel Beschwerden in der Wirbelsäule sind oder im Becken oder, wenn die Mitte nicht übereinstimmt oder, ob jemand „Plattfüße“ hat. Und dann werde ich immer ungläubig angeschaut, aber ich kann das im Mund an der Zahn- und der Kieferstellung, kann ich das ablesen. Und so kommen wir also ziemlich schnell auch auf andere Beschwerden, die ich zwar nicht behandeln kann, aber wo ich aufmerksam machen kann oder wo der Patient die Möglichkeit hat in seinem Leben darauf aufzupassen, dass er sich in bestimmten Körperbereichen oder in der Wirbelsäule nicht überbelastet. Wenn zum Beispiel der Eckzahn aus der Reihe tanzt, den wir ja schon hatten, dann kommt man ziemlich schnell auch auf die Themen, die dahinter stehen. Natürlich gilt das für die anderen Zähne auch. Wenn zum Beispiel ein oberer sechster Backenzahn nicht richtig steht, der ist dem Magen und der Milz und der Bauchspeicheldrüse zugeordnet, dann eben auch den Emotionen wie: Sorgen, sich Sorgen machen um andere oder das man gerne Süßes ist, dann ergibt sich daraus natürlich dann auch eine Belastung der Bauchspeicheldrüse und den anderen Organen. Dem Weisheitszahn, zum Beispiel, ist die Freude zugeordnet. Wenn jemand also freudlos durchs Leben geht, wird sich irgendwann auch so ein Weisheitszahn melden, der ja nun immer eher im Mülleimer gesehen wird, als im Mund, was mir gar nicht behakt.

Warum ist es wichtig, die „Geschichte“ unserer Zähne in die zahnärztliche Behandlung mit einzubeziehen?

Achilles:
Leider muss ich sagen, dass in der Ausbildung über die Zahnheilkunde wir eigentlich ausgebildet werden, um „zu spät“ zu kommen. Wir fangen erst an zu bohren, wenn ein Loch da ist. Ich würde mir wünschen, dass die Psychodontie etwas mehr Verbreitung findet, auch die Vernetzung der Zähne mit den Organsystemen, wäre schon ein guter Schritt in die richtige Richtung, Patienten bei ihrer Gesunderhaltung zu dienen. Und das ist eigentlich meine Hauptaufgabe, jemand zu begleiten, durchs Leben zu begleiten, ohne, dass er ernstlich erkrankt. An den Zähnen kann man es relativ früh erkennen, es hat nicht immer was mit der Zahnbürste zu tun, sondern es hat etwas mit der Seele zu tun. Und so kann man einen Menschen schon mal auf die Idee bringen, wo er sich um sich selber bemühen muss – und das kann er nur alleine tun.

Sind Zähne besser behandelbar oder kann ich gar einen Zahn „retten“, der eigentlich gezogen werden müsste?


Achilles:
Ja, auch da gibt es Möglichkeiten aus der Naturheilkunde. Ich sage mal ein Beispiel: Wer morgens die Möglichkeit hat mit kalt gepressten Sonnenblumenöl 10 - 20 Minuten, die Zähne zu Umspülen und „Ölziehen“ macht, der wird sicherlich kaum Probleme mit dem Zahnfleisch und Entzündungen bekommen. Leider schaffen das viele Leute nicht. Aber ich sage mal, ich hätte deutlich weniger zu tun, wenn sie es alle machten.

DVD-Tipp:
„An jedem Zahn hängt ein ganzer Mensch“, Traute Boll, Foitzick-Verlag

Gast:
Ulrich Achilles
Zahnarzt
Bahnhofsstr. 2a

31188 Holle

Tel.: 05062 - 9082 0
Fax: 05062 - 9082 99

Informationen zur Sendung vom 3. Februar 2014

„Homöopathie bei Schulstress“

Immer mehr Kinder und Jugendliche finden sich in psychologisch oder psychosomatisch arbeitenden Praxen. Diagnose: Schulstress! Kranken unsere Kinder oder krankt unser System? Was hilft, wenn man das System nicht ändern kann? Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Ängste, Müdigkeit und Erschöpfung. Schulstress raubt unseren Kindern ihre Energie. Linderung verschaffen die kleinen weißen Perlchen aus der Homöopathie. Wie das funktioniert, das hat mir Bettina Hubrich, homöopathisch arbeitende Heilpraktikerin, aus Emmerthal bei Hameln erklärt. Her(t)zlichen Dank!


Frau Hubrich: Was ist klassische Homöopathie?

Hubrich:
Klassische Homöopathie ist eine sanfte Heilmethode, die im letzten Jahrhundert von dem deutschen Arzt Dr. Samuel Hahnemann entwickelt wurde. Das Wort „Homöopathie“ leitet sich ab aus dem Griechischen Wort, einmal „homoin“, heißt ähnlich, „pathos“ ist Leiden und wird mit „Schmerz“ übersetzt und es heißt soviel wie „ähnliches Leiden“. Dr. Samuel Hahnemann hat so seine Methode beschrieben und stellte eine Ähnlichkeitsregel auf, die heißt: „Similia similibus currentur“ und heißt auf deutsch übersetzt: „Ähnliches möge mit Ähnlichem geheilt werden“. Das ist so unser Grundprinzip mit dem wir arbeiten in der klassischen Homöopathie. Wir schauen, dass in den Arzneimitteln, die wir aus dem Tier-, Pflanzen- oder Mineralbereich bekommen, dass das Arzneimittelbild ähnlich ist mit dem Persönlichkeitsbild, das der Patient in die Anamnese mitbringt und da setzt im Grunde die Behandlung an, da schauen wir, dass wir ein möglichst sehr ähnliches Mittel finden, um die Beschwerden zu mildern. Das heißt also, zum Beispiel, wenn ich einen Patienten bei mir habe, der nicht schlafen kann, der viel Herzklopfen hat, der unruhig ist, dann kann es sein, dass das Mittel „Coffea“, also potenzierter Kaffee, ihm hilft, weil man aus der Wirkung von Kaffee weiß, wenn man zuviel Kaffee trinkt bekommt man irgendwann Herzklopfen, man wird unruhig, man muss häufig zur Toilette, der Geist wird nicht ruhig, man kann nicht zur Ruhe kommen und, das ist jetzt ein ganz einfaches Beispiel, aber so ähnlich wirkt es in der Homöopathie. Ich sammele in einer Anamnese die Beschwerden des Patienten und suche in meiner Arzneimittellehre ein Mittel, was in seiner Beschreibung ähnliche Probleme hervorruft.

Immer wieder wird in Frage gestellt, dass homöopathische Arzneien überhaupt wirksam seien, weil biochemisch nichts mehr von dem Ausgangsstoff enthalten ist. Was ist das Prinzip? Das Wirkprinzip?

Hubrich:
Es ist erst einmal im Grunde eine ganz wissenschaftliche Herangehensweise. Es gibt da richtig Vorschriften, wie homöopathische Mittel entstehen, wie sie verarbeitet werden. Also, es ist immer dasselbe Prinzip: Man nimmt eine Ursubstanz. Es wird mit einem vorgeschriebenen Anteil Milchzucker gemischt, verrührt und weiter potenziert. Wie es ganz genau letztendlich durch diese ganzen Verdünnungen weitergegeben wird an den Patienten kann man gar nicht sagen. Sicherlich ist es vielleicht der Trägerstoff, der die Information weitergibt. Ganz genau gibt es da leider immer noch keine Forschungen.

Was stresst unsere Kinder? Mit welchen Problemen kommen Jugendliche und Kinder in die homöopathische Praxis?

Hubrich:
Die Leistungsanforderungen in der Schule nehmen stetig zu. Kinder kommen zu mir, weil sie Prüfungsangst haben, Angst in die Schule zu gehen. Häufig kommen Konzentrationsstörungen hinzu und einfach das Gefühl, den ganzen Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein und dadurch habe ich immer mehr Patienten, oder kleine Patienten, in der Praxis, die gerade dieses Thema mitbringen.

Kann sich der schulische Stress auch körperlich auswirken?

Hubrich:
Ja, auf jeden Fall. Es gibt viele Kinder, die über Bauchschmerzen klagen und auch Kopfschmerzen, höre ich immer wieder: „Ich habe Kopfschmerzen.“ „ Ich kann mich nicht konzentrieren.“  Wenn es richtig schlimm ist, wenn es wirklich konkret an Arbeiten oder Prüfungen geht, kommen viele mit Durchfall, richtig Magen-Darm-Störungen und das ist eine große Belastung für die.

Können die homöopathischen Mittel auch hier greifen? Auf der körperlichen Ebene?


Hubrich:
Ja, auf jeden Fall.

Gibt es für die homöopathische Therapie hier Grenzen? Wann muss das Kind oder der Jugendliche zum Psychotherapeuten?
Hubrich:
Das ist eine schwierige Frage. Also, auf jeden Fall, wenn Kinder zu mir in die Praxis kommen und ich mit denen eine Anamnese mache und wir suchen ein wirklich gutes und passendes Mittel aus, dann schauen wir natürlich immer erst einmal: Wie weit kommen wir damit? Kommt das Kind, sagt: „Ja, ich werde ruhiger“/ „Es geht mir besser“, schauen wir: Wiederholen wir das Mittel? Oder brauchen wir doch noch mal ein anderes Mittel? Und natürlich arbeite ich mit den Kindern nicht immer nur mit der Homöopathie, sondern auch Entspannungsübungen sind da sehr, sehr sinnvoll und das ganze Umfeld muss auch mitmachen, dass man da möglichst auf das Kind eingeht und schaut: Was ist jetzt wirklich gut? Und dann kann das gesamte Paket gut helfen – und, wenn da nun gar nichts von helfen sollte, was ich so noch nicht erlebt habe, dann muss man natürlich weitersehen, ob man da irgendwo psychotherapeutisch unterstützen muss.

Welche Mittelbilder kommen am häufigsten in ihrer Praxis zum Einsatz?


Hubrich:
Erst einmal das Wichtigste: Was „oben dran steht“ ist die Aufregung, die Prüfungsangst richtig. Da gibt es zwei sehr, sehr wichtige Mittel, die ich häufig verordne. Das ist einmal das Mittel „Argentum nitricum“ und zum anderen das Mittel „Gelsenium“.

„Argentum nitricum“: Was ist das und wie wirkt das?

Hubrich:
„Argentum nitricum“, das ist „Silbernitrat“ . Wenn jemand Argentum nitricum braucht, der ist häufig sehr nervös, der hat ein schwaches Nervenkostüm, der ist zwar eigentlich gerne in Gesellschaft von anderen, ist auch recht lebhaft, aber auch oft sehr, sehr hektisch und der hat vor der Prüfung: Bauschschmerzen, Durchfall, Herzklopfen, Herzrasen. Das ist so das grobe, was ein Patient hat, der Argentum nitricum braucht.

Und das andere Mittel war „Gelsenium“... Was ist Gelsenium?

Hubrich:
Das ist der gelbe Jasmin: Gelsenium: Der hat auch große Angst vor Auftritten, vor öffentlichen Auftritten. Eventuell kann man das sich überlegen, wenn die ein Referat halten sollen in der Schule, oder so ähnliches. Da sind die sehr, sehr aufgeregt. Die Beschwerden sind ähnlich. Auch da gibt es natürlich Angst, Herzklopfen, Durchfall und häufig „zittrige Knie“. Also, das ist so, dass die wirklich sagen: „Ich zittere auch.“  Die entwickeln so eine „lähmungsartige“ Schwäche. Die kommen so gar nicht so richtig vorwärts und ... diese ganze Angst. Von ihrem Umfeld überlastet, ich sage mal Stichwort: PC, Fernseher, Handy, Smartphone. Die sind überall mit ihren Gedanken, aber können sich teilweise wirklich nicht auf das Wesentliche konzentrieren. Können nicht lange bei einer Sache bleiben. Die Reizüberflutung ist da sehr, sehr hoch. Die sind auch häufig sehr empfindlich. Also, wenn man dann die erinnert: „Du musst jetzt aber lernen...“, dann werden die häufig sehr zornig. Gehen an die Decke. Ja, das fällt schwer, da zu sitzen und wirklich konzentriert zu arbeiten.

Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher jetzt besonders langsam beim Lernen ist ...Was hilft da?

Hubrich:
Auch da haben wir, wie bei den anderen Fragestellungen, natürlich einige Mittel, die in Frage kommen. Aber ein Mittel möchte ich mal vorstellen: Das ist „Calcium carbonicum“. Häufig beobachtet man bei diesen Kindern, dass die bei allem, was sie bis jetzt in ihrem Leben gemacht haben, immer ein bisschen länger gebraucht haben. Es kann sein, dass sie ein bisschen später angefangen haben zu laufen, dass die vielleicht auch ein bisschen später angefangen haben zu sprechen. Das muss nicht alles sein. Aber, das sind Kinder, die sich in der Schule schwer tun wirklich mit dem Tempo. Die kommen nicht mit. Die fühlen sich dann schlecht, weil sie das Gefühl haben: „Ich bin nicht so gut.“  /  „Die anderen können das einfach alles viel schneller.“  und, ist teilweise auch wirklich so. Da liegt es nicht unbedingt am Intellekt. Das liegt einfach daran, dass sie nicht so gut mitkommen.

Wie läuft eine homöopathische Erstanamnese in Ihrer Praxis ab?

Hubrich:
Ja, der Patient kommt mit einer Fragestellung zu mir. Ich gehe jetzt mal in diesem Fall davon aus, ich habe Lernstörung, dann frage ich erst mal: „Beschreib mal, wie ist denn diese Lernstörung? Wie geht es Dir dabei? Dann schreibe ich mir alles auf, was mit diesem Thema zu tun hat und was der Patient so auf dem Herzen hat. Dann gehe ich zu den ganzen körperlichen Beschwerden. Gucke: „Hat er irgendwo Beschwerden?“ Fange beim Kopf an, gehe über den Verdauungsapparat, über den Bewegungsapparat... Gibt es da irgendwelche Merkmale? Die notiere ich mir. Manchmal ist es für eine Mittelwahl wichtig, wenn ich einfach auch weiß: Was ist da? Was spricht da für ein Mittel an? Dann Frage ich allgemeine Bereiche ab, das Thema Träume, das Thema Schlaf, das Thema „Appetit, auf gewisse Sachen“ und so weiter. So eine Anamnese, die dauert dann schon gute 1,5 Stunden. Da wird eine Menge erfragt. Die Patienten sind hinterher immer selbst erstaunt, was sie alles über sich wissen oder auch nicht wissen. Nach dieser Anamnese repertorisiere ich in einem Repertorium, welche Mittel in Frage kommen und versuche die dann anhand der Arzneimittelbilder zu differenzieren.

Das können die Kinder ganz alleine? Oder wird da Hilfe auch von den Eltern benötigt?


Hubrich:
Nein. Das kommt natürlich darauf an: Wie alt sind die Kinder? In der Regel ist es so, die Eltern begleiten die Kinder. Aber ich versuche schon, die Anamnese ausschließlich mit dem Kind zu machen. Natürlich wissen die nicht alles, da fragen wir natürlich die Mutter. Es gibt auch Kinder, die sagen: „Ich möchte hier alleine sein.“.

Buchtipp:
„Nie mehr Schulstress – Hilfe mit Bachblüten und Homöopathie“, Sigrid Schmidt, Gräfe und Unzer Verlag


Gast:
Bettina Hubrich
Heilpraktikerin
Landert 14

31860 Emmerthal

Tel.: 05155 – 951 666
Fax: 05062 - 9082 99


Informationen zur Sendung vom 3. März 2014

„Kräuter für die Seele“

Husten, Schnupfen, Heiserkeit... gegen alles ist ein Kraut gewachsen. Hat der Volksmund recht, dann gilt das nicht nur für den Leib. Welchen Einfluss können Kräuter auf unsere Seele nehmen? Wirken sie primär aufgrund ihrer Inhaltsstoffe oder weil bestimmte Pflanzenbilder unseren Seelenbildern entsprechen? Ob im Garten, im Tee oder im Salat – Kräuter bereichern unser Leben. So manches Kraut ist ein Trostpflaster für die Seele. Welches Kraut bei welchem Kummer hilft, darüber habe ich mit Ulrike Bauschke, Heilpraktikerin und Phytotherapeutin aus Braunschweig/ Ölper, gesprochen. Her(t)zlichen Dank!

Frau Bauschke, was unterscheidet Heilkräuter von Unkräutern?

Bauschke:
Gar nichts. Heilkräuter sind das Gleiche. Und Unkräuter, das meinen viele, Brennnesseln zum Beispiel müssten aus dem Garten, das ist ein hervorragendes Heilkraut.

Heilkräuter werden im Rahmen der sogenannten „Phytotherapie“ eingesetzt. Was ist das?


Bauschke:
Die Phytotherapie ist die Heilpflanzenkunde. Ganz schlicht und einfach: Eine althergebrachte Heilkunde aus dem letzten Jahrhundert, wieder genutzt.

Kräuter wachsen ja auf der ganzen Welt. Gibt es unterschiedliche Phythotherapiesysteme?

Bauschke:
Ja, auf jeden Fall. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Kraut, was vor unserer Haustür gewachsen ist, das „Kraut für uns“ ist. Natürlich können wir auch die Pflanzen aus China oder aus Japan benutzen und trotzdem ist das Kraut vor meiner Haustür passend zu meinem Lebensstil und zu meiner Konstitution. Deshalb ist es ein Unterschied, wo ich lebe und wie ich es nutzen kann.

Welche heimischen Kräuter werden bei uns denn hier in der Region bevorzugt in der Phytotherapie eingesetzt?

Bauschke:
Natürlich kennen wir alle die typische Kamille, die Brennnessel, die Taiga-Wurzel zum Beispiel, gehört nicht zu den heimischen Kräutern und doch ist es etwas, was viel im Rheumabereich eingesetzt wird. Ganz beliebt ist die Melisse, die ja auch für die Kinder gut genutzt werden kann. Fenchel, Anis, Kümmel kennen wir alle als Stilltee und natürlich auch der Basilikum. Basilikum ist eine wunderbare Heilpflanze, um zum Beispiel auch milchbildend zu wirken, aber eben auch für Kleinkinder, die richtig gut als Tee genutzt werden kann, was wir ja so gar nicht kennen.

Also, das heißt, die Kräuter, die wir teilweise in unserer Küche haben, um unsere Speisen anzureichern, die können wir auch tatsächlich für unsere körperlich-seelisch-geistige Gesundheit einsetzen.

Bauschke:
Genau, diese ganzen Kräuter, Rosmarin ist ja im Moment ganz aktuell wieder in der Küche oder auch Oregano, das sind auch Heilpflanzen und gerade Rosmarin ist ein ganz spezielles Heilkraut, was die Durchblutung fördert, also nicht nur, dass ich das lecker auf der Pizza habe, sondern es tut meinem gesamten Blutdruck gut und meinem Kreislauf.

Aber im Umkehrschluss, wenn ich da ordentlich Rosmarin auf meine Pizza haue, kann es dann sein, dass ich Probleme mit dem Blutdruck bekomme?

Bauschke:
Nein, soviel können wir dann, Gott-sei-Dank, nicht zu uns nehmen, dass der Körper und der Darm das wunderbar aussortiert und soviel kann ich nicht essen als das ich mir Schade. Da müsste ich deutlich vielleicht ein Kilo oder noch mehr nehmen und das ist deutlich zu viel. Das schafft keiner.

Also, ganz klassisch: Die Dosis macht das Gift.


Bauschke:
Ganz klassisch.

Wirken Kräuterpflanzen nun primär aufgrund ihrer Inhaltsstoffe oder, weil das Pflanzenbild ähnlich einem Seelenbild, beziehungsweise einem menschlichem Gemütszustand ist?

Bauschke:
Pflanzen wirken auf beide Weise. Es ist immer so, dass man die Heilpflanze natürlich einmal primär sehen kann als Inhaltsstoff und wird gerne genutzt, und die Tinkturen zum Beispiel werden hergestellt, indem man die Inhaltsstoffe hinausnimmt, aber wenn man sich dann mal die Pflanzen genauer anschaut, gibt es doch eine Art Schwingung aufeinander. Ein Mensch hat immer eine besondere Vorliebe für eine Pflanze und diese Pflanze braucht der auch teilweise – und das ist das, was wir sagen, das ist ein Einklang. Wir sind in Schwingung mit der Natur. Und wenn mir etwas fehlt, in meinem ganzen natürlichem Dasein oder in meiner Unruhe, meiner Krankheit, dann ist es ganz klar, dass ich einen besonderen Bezug zu einer Pflanze suche und die hilft mir. Also, nicht nur der Inhaltsstoff, sondern auch die ganze Pflanze in sich. Und das ist die Seelenpflanze.

Hat jeder Mensch so eine Seelenpflanze?

Bauschke:
Man geht davon aus, dass jeder Mensch eine Seelenpflanze hat. Die meisten möchten das natürlich gar nicht wahrhaben oder verleugnen das auch ganz gern, weil das kann schon passieren, dass auch ein Mann eine Affinität zu einer Lilie hat und das hat der vielleicht nicht so gern, dass das jeder weiß und doch brauch er sie. Und Kinder haben einen absoluten Bezug zu Pflanzen und suchen sich ihre Seelenpflanzen. Man kann es beobachten, sie pflücken sie besonders gern.

Wie finde ich meine persönliche Seelenpflanze?

Bauschke:
Das Beste ist, dass man sozusagen mit geschlossenen Augen über einen ganzen ausgebreiteten Strauß von Blüten greift und man zieht sie automatisch oder sie zieht einen an. Natürlich kann man auch durch Blickkontakt oder den Duft oder irgendetwas was einen dazu bringt, sie finden, indem man bewusst wahrnimmt: Was passiert mit mir, wenn ich diese Pflanze in die Hand nehme?

Und wenn ich dann eine Pflanze für mich ausgewählt habe, wie setze ich die ein? Schmücke ich damit mein Zimmer? Oder trinke ich einen Tee? Oder nehme ich einfach schlichtweg Tabletten bei ....Baldrian?


Bauschke:
Die Tablette ist der letzte Weg der Möglichkeit. Natürlich kann ich die haben, weil ich sie brauche, aber die Pflanze an sich – kann sein, dass mir auch schon ein Bild reicht, oder aber der Duft, ein besonderes Parfum – Baldrian ist nun nicht unbedingt aromatisch, man sagt es zieht die Katzen an, aber doch kann es sein, dass gerade jemand, der eine besondere Affinität zum Baldrian hat, diesen Geruch liebt und dann vielleicht auch gerne ein Aromaöl mit Baldrianduft hat. Also, das sollte man einfach ausprobieren.

Gibt es Kräuter, die bevorzugt auf die Seele wirken? Oder haben alle Kräuter einen Körper-Geist-Seele-Bezug?


Bauschke:
Für den Bereich der Stresssituationen und Unruhezustände gibt es spezielle Kräuter. Aber jedes Kraut, hat einen Bezug zu einem Seelenmenschen, ja.

Bei welchen seelischen Beschwerden können Heilkräuter eingesetzt werden?


Bauschke:
Ganz besonders eben die Unruhezustände. Auch Kinder, die man „Zappelphillipkinder“ nennt, kann man wunderbar mit Heilpflanzen unterstützen. Konzentrationsschwächen kann man mit Heilpflanzen gesondert und gezielt unterstützen. Das ist ja auch gerade für junge Leute, die im Abitur stehen oder im Studium, Prüfungsstress haben, die können sich mit Tinkturen aus den Heilpflanzen helfen. Da bringt es nicht soviel, dass sie sich die Pflanze auf den Studientisch legen, ich glaube, das möchte auch kein Dozent. Dann ist es so, dass man das Burnout-Syndrom, was ja im Moment ganz hochaktuell im Gespräch ist, mit Heilpflanzen wirklich gut unterstützen kann. Aber wir müssen unterscheiden, nicht jedes Mal, wenn jemand sagt, er hätte ein Burnout, hat er wirklich ein Burnout. Also, da muss man ganz klar unterscheiden.
Dann ist es so, dass Schlaflosigkeit durch Heilpflanzen wunderbar unterstützt werden kann.

Welche Seelenkräuter setzen Sie hauptsächlich in Ihrer Praxis ein?


Bauschke:
Die bevorzugte Pflanze ist tatsächlich Lavendel. Das ist meine Lieblingspflanze. Und ich stelle fest, dass fast jeder, da auch tatsächlich drauf anspringt. Das erste Mal, wenn ich dann erwähne, wir setzen eine Lavendeltinktur ein, dann kommt dieses Entsetzen: „Hhhh, das hat meine Oma doch im Bettenschrank gehabt. Aber das mag ich gar nicht...“. Und dann setzen sie sich mit der Pflanze auseinander und der Duft ist doch wunderbar und hat gar nichts mit dem Aroma im Bettenschrank zu tun. Dazu gibt es natürlich noch den Weißdorn, den auch sehr bevorzuge, wenn jemand extrem Herzklopfen hat und immer mal wieder sagt: „Mein Herz stolpert!“, dann setzen wir den Weißdorn ein. Dann ist noch der Baldrian die bevorzugte Pflanze für Unruhezustände und auch wirklich vor Abitur oder Prüfungsstress, kann man Baldrian wunderbar einsetzen. Dazu kommt die Passionsblume, die auch ein wunderschönes Bild hat, also da reicht vielleicht manchmal sogar das Bild der Blüte, danach die Melisse und Hopfen. Hopfen kennt jeder, vom Bier trinken. Da gehört natürlich auch zu, dass der Alkohol vielleicht wirkt, aber der Hopfen an sich hat schon eine sehr beruhigende Wirkung. Und bitte denken Sie daran, wenn Sie sich einen Tee aus Hopfenblüten machen, schütteln Sie ihn ordentlich durch. Denn, wenn er länger liegt, bildet sich dieser gelbe Blütenstaub und da ist eigentlich der Wirkstoff drin. Also, den brauchen wir, um einen schönen Tee zu machen.

Eine ganz spannende Information! Ich habe aber noch mal eine Rückfrage zum Lavendel: Wann wird Lavendel eingesetzt?

Bauschke:
Bei Verspannungen, bei Stress, bei Unruhezuständen und auch bei Traurigkeit.

Wie ist die Resonanz Ihrer Patienten auf die Therapie mit Seelenkräutern?

Bauschke:
Ganz toll! Seitdem ich das mit in die Praxis aufgenommen habe, ist es tatsächlich so, dass ich angerufen werde, weil ich mit Heilpflanzen arbeite. Es ist für viele viel einfacher, sich vorzustellen, ich kann tatsächlich mal in meinen Garten gehen und gucken: Was wächst denn da? Ich muss das nicht aus der Apotheke teuer kaufen, sondern ich kann es selber sammeln und man beschäftigt sich intensiv dann auch mit seinen Beschwerden und dadurch, dass ich das Kraut sammeln muss, beschäftige ich mich damit, dass ich mir etwas Gutes tue und das hat gleich eine Heilwirkung dazu.

Wann hat die Selbstbehandlung mit Heilkräutern ihre Grenzen?

Bauschke:
Es gibt Krankheitsbereiche, wo man deutlich sagt, da reicht es nicht mehr, dass ich in den Garten gehe und mir den Johanniskraut sammle und einen Tee mache. Es gibt Stresssituationen und oder auch Depressionen, die in eine Form gehen, wo ich wirklich dann auch therapeutische Hilfe brauche. Und auch da habe ich manchmal meine Grenzen und muss einfach weiterleiten, dass da jemand dann mit ganz großem Fachwissen noch mal unterstützt.

Angenommen ich komme mit Seelenleid in Ihre Praxis: Wie finden Sie für mich das „richtige“ Kraut heraus?

Bauschke:
Natürlich nehme ich mir erst mal Zeit zuzuhören. Also, eine „Aufnahme“ nennen wir das ja immer, dauert mindestens anderthalb bis zwei Stunden. Ich muss ja hören, was drum herum, das Seelenleid ausgelöst hat und wenn ich dann durch diese ganzen Befragungen und Erzählungen und eventuell auch Laboruntersuchungen festgestellt habe, um was es wirklich geht, dann kann ich auch die passende Pflanze, das Präparat für Sie finden oder aber auch eine andere Therapie. Das man vielleicht Entspannungstechniken oder ähnliches erst einmal einsetzen muss.

Eines Ihrer besonderen Projekte ist die „Kräuterschmiede“. Was ist das?

Bauschke:
Ja, unsere Kräuterschmiede ist die Heilpflanzenschule, die ich mit einer Kollegin zusammen, mit Petra Nadolny, habe. Wir sind beide Heilpflanzenexperten, die das alte Wissen wieder aktualisieren möchten. Wir unterrichten dort nicht nur direkt vor Ort, sondern eben auch per Online-Seminare und möchten einfach allen Menschen wieder ermöglichen, das alte Wissen der Heilpflanzen zu Erlernen oder wieder Aufzubereiten. Da geht es darum, dass man lernt, wie man Salben anwendet oder selber mischt und Tees mischt. Und: Wofür muss ich das Kraut einsetzen? Wofür kann ich es – wann darf ich es nicht – benutzen?  Das ist ja auch ganz, ganz wichtig. Und ja, wir haben auch sehr viel Spaß dabei, weil wir natürlich auch mit allen Sinnen manchmal kochen und das gehört auch zur Heilpflanzenkunde, dass wir die Kräuter in der Nahrung einsetzen können.

Buchtipp:
„Kräuter bei Stress und Nervosität “, Jaap Huibers, Aurum-Verlag

Gast:
Ulrike Bauschke
Heilpraktikerin
Hinter dem Turme 24 b

38144 Braunschweig/ Ölper

Tel.: 0531 – 5807803


Informationen zur Sendung vom 7. April 2014

„Hypnotherapie bei Schlafstörungen“

Wenn die Gedanken kreisen, bleibt der Körper wach. Ein Phänomen, das viele von uns kennen. Schlafstörungen können einen schier wahnsinnig machen. Gerädert geht es in den nächsten Tag. Die Ursachen und Folgen von Schlafstörungen sind vielfältig. 15 – 35 % der Bevölkerung leiden unter leichten bis schwer ausgeprägten Schlafstörungen. Seelische Ursachen sind häufig. Was tun, wenn Schwermut, Angst oder das Gedankenkarussell mit im Bett liegen? Wer auf bittere Pillen verzichten möchte, dem hilft vielleicht die Hypnotherapie. Das hat mir Dr. Heinz-Wilhelm Gößling – Neurologe, Psychiater, Psycho- und Hypnotherapeut, sowie leitender Oberarzt an der Psychiatrie Langenhagen des Klinikum Region Hannover – erklärt. Her(t)zlichen Dank!

Herr Gößling, es klingt zwar simpel, aber was ist der Unterschied zwischen Schlaf und Hypnose?


Gößling:
Der Unterschied ist gar nicht so simpel, sondern es gibt gewisse Überschneidungen. Die Überschneidung besteht darin, dass wir kurz bevor wir einschlafen uns in einem Zustand befinden, der dem der Hypnose ähnlich ist. Das heißt, wir sehen vielleicht noch innere Bilder, sind so kurz vor dem Einschlafen, vor dem Eindösen, sind ganz entspannt und genau das entspricht dem Zustand der Hypnose. Diesen Zustand bezeichnet man ja im Deutschen auch als Wachschlaf, das heißt man ist noch wach, aber hat schon eine schlafähnliche Erfahrung.

Wann bezeichnen wir unseren Schlaf als physiologisch, sprich normal?

Gößling:
Dafür gibt es heute eigentlich eine ganz einfache Definition und zwar, wenn wir morgens aufwachen und uns erholt fühlen, ausgeschlafen fühlen, dann ist der Schlaf normal. Dann haben wir einen erholsamen Schlaf und so wird heute ein normaler, gesunder Schlaf definiert.

Wie viele Menschen haben heute noch einen erholsamen Schlaf?

Gößling:
Schlafstörungen sind sehr häufig, um das vorweg zu sagen. Es ist tatsächlich – mit – die häufigste psychische Störung überhaupt. Also, in Deutschland ist es zum Beispiel so, dass jeder dritte Mensch, der zu seinem Hausarzt geht, kommt zum Hausarzt wegen Schlafstörungen. Andererseits bedeutet das aber auch, dass es durchaus noch viele Menschen gibt, die in der Regel morgens gut ausgeschlafen aufwachen. Wichtig ist vielleicht an dieser Stelle zu sagen, dass ab und an mal eine schlechte Nacht völlig normal ist, also das damit dazu gehört und die meisten Menschen mal sagen: „Heute habe ich schlecht geschlafen.“ „Heute bin ich unausgeschlafen, zu früh aufgewacht.“ Das ist also ein Phänomen, was tatsächlich völlig normal ist. Nur, wenn es sich sozusagen über eine Reihe von Nächten wiederholt und wir beginnen darunter zu leiden, dass wir uns beeinträchtigt fühlen, zum Beispiel bei der Arbeit, bei der Bewältigung unseres Alltags, dann wird aus einem normalen Schlaf, möglicherweise eine Schlafstörung. 

Wie wichtig sind äußere Taktgeber, zum Beispiel das Sonnenlicht, für gesunden Schlaf?

Gößling:
Äußere Taktgeber sind sehr wichtig. Das hängt damit zusammen, das letztendlich ja der Schlaf entstanden ist als Antwort des Lebens auf den Wechsel zwischen hell und dunkel auf der Erde – und damit kommen wir schon auf den wichtigsten äußeren Taktgeber: Das ist das Licht. Und das zu Wissen, kann einem helfen, dafür zu sorgen, dass unser innerer Rhythmus, also der Biorhytmus, eben intakt bleibt.

Was sind die häufigsten Ursachen für Schlafstörungen?

Gößling:
Eine sehr häufige Ursache sind Depressionen, sind depressive Verstimmungen. Depressionen sind in der Regel verknüpft mit doch erheblichen Schlafstörungen und das ist mit die häufigste Ursache für Schlafstörungen. In diesem Zusammenhang ist aber wichtig zu wissen, dass Schlafstörungen auch als eigenständige Störung auftreten, dass heißt, es gibt Schlafstörungen ohne, dass wir in irgendeiner Weise an einer anderen Erkrankung leiden.


Was gibt es noch?

Gößling:
Eine weitere wichtige Ursache, auch eine häufige Ursache für Schlafstörungen, sind Angsterkrankungen, also Menschen, die unter Ängsten leiden. Bei diesen Menschen spielt es eine Rolle, dass sie sich sehr schnell Sorgen machen. Angst haben vor dem nächsten Tag, vor bestimmten Herausforderungen und bei diesen Menschen spielen Schlafstörungen auch eine große Rolle. Die legen sich dann abends ins Bett und beginnen sich Sorgen zu machen und ins Grübeln zu kommen.

In der Komplementärmedizin gehen wir häufig davon aus, dass ein Symptom, in diesem Fall also die Schlafstörung, uns etwas sagen will. Kann ich mit Hypnose eine Brücke zum Symptom schlagen?


Gößling:
Auf jeden Fall. Gerade bei dem zentralen Symptom einer Schlafstörung und das ist das Grübeln, also das Kreisen von Gedanken, das Rattern im Kopf, wenn man sich abends im Bett hinlegt, nicht einschlafen kann oder wieder aufwacht und dann geht es los mit dem Grübeln. Genau das ist der Einstieg. Grübeln ist letztendlich auch eine Form von Trance. Es ist eine Negativ-Trance, eine Problem-Trance und in der modernen Hypnotherapie werden solche gewöhnliche Trancen aus dem Alltag heraus genutzt, um gemeinsam mit dem Patienten dort herein zu gehen und dann sich mit seinen Grübelinhalten zu beschäftigen. Worüber grübelt der eigentlich? In welcher Form? Welche Gedanken gehen ihm durch den Kopf? Für viele Menschen ist es überhaupt das erste Mal, dass sie sich mit jemand anderem darüber unterhalten, mit was sie sich eigentlich nachts beschäftigen. Genau das gibt dem Therapeuten und auch dem Patienten einen Einblick darin, was eigentlich dahinter steckt, was sozusagen die Themen sind, die sich in diesen Grübelinhalten erkennen lassen. Manchmal sind sie verschlüsselt. Grübeln ist manchmal wie eine Computerdatei, die man erst mal öffnen muss, die komprimiert ist und die man öffnen muss. Und das ist mit Hilfe von Hypnose möglich. Mit Hilfe von Hypnose können die Patienten sozusagen in aller Ruhe, in einer bestimmten Form von Gelassenheit, das betrachten. Diese Gedanken betrachten, die durch den Kopf gehen und sie kommen dann zu interessanten Erkenntnissen darüber.

Wenn ich dann diese Bilder von außen betrachte, aus einem anderen Blickwinkel, kann es dann sein, dass sich das Grübeln von alleine löst?


Gößling:
Ja, es kann nicht nur sein, es ist sogar wahrscheinlich. Es ist nicht so, dass das gleich nach einer ersten Sitzung passiert. Manchmal passiert es gleich nach einer ersten Sitzung. Das hängt damit zusammen, dass das für viele Menschen, eine sehr beeindruckende Erfahrung ist, sich in einen Zustand von Hypnose zu begeben und dann in dieser Form von Entspanntheit, von Gelassenheit, über Dinge zu reden, Bilder zu betrachten. Das es wirklich eine Erfahrung ist, die sehr tief geht und die auch tiefe Prozesse auslöst, letztendlich. So, dass es gar nicht so selten ist, dass jetzt tatsächlich die Patienten berichten beim nächsten Mal, sie hätten in der Nacht darauf wunderbar geschlafen. Aber Hypnose ist keine Magie, das heißt es Bedarf einer längeren Arbeit, eines längeren therapeutischen Prozesses. In der Regel führt aber diese Form des Arbeitens dazu, dass das Grübeln weniger wird und vor allem, dass die Patienten auch lernen, damit besser umzugehen, dass heißt, wenn Grübelgedanken auftauchen, diese kurz wahr zu nehmen, zu betrachten und dann aber überzugehen in bestimmte Formen von Selbsthypnose, um abzuschalten und wieder einschlafen zu können.

Nicht jeder ist sofort hypnotisierbar. Wie lernen Patienten sich auf Hypnose einzustimmen?

Gößling:

Man weiß heute, dass 10 Prozent aller Menschen nicht in die Hypnose gehen. Das heißt aber auch, 90 Prozent aller Menschen sind in der Lage, durch Hypnose in eine Trance, so nennen wir diesen Zustand unter Hypnose, zu gehen. Das Vertrauen, um in Trance zu gehen entsteht dadurch, dass man sich vorher mit dem Patienten unterhält, ihn fragt, was er unter Hypnose versteht und, was er denkt, was für ihn eine gute Möglichkeit sein könnte, sich zu entspannen, ein wenig abzuschalten, schöne Bilder vor den inneren Augen zu sehen, dass man also den Patienten einlädt, es einfach auszuprobieren und dann funktioniert es.


Wie wichtig ist die Fähigkeit der Imagination, der bildlichen Vorstellungskraft, in der Hypnose?

Gößling:
Die spielt schon eine wichtige Rolle, weil innere Bilder, also das Sehen innerer Bilder, also Imagination, in der Hypnose häufig praktiziert wird, um bestimmte Einsichten zu bekommen, um dem Patienten zu einer bestimmten Erfahrung zu verhelfen. Andererseits ist es so, dass es Menschen gibt, die gar nicht so sehr in innere Bilder hereinkommen, sondern eher, zum Beispiel, etwas hören, die also eigentlich „Hörmenschen“ sind, also, wo der auditive Kanal im Vordergrund steht, auch dann ist es möglich in Hypnose zu gehen, dass muss der Hypnotiseur nur wissen, weil dann wird er sich vor allem auf Geräusche, auf Melodien, auf Töne konzentrieren.

Angenommen ich befinde mich wegen ausgeprägter Schlafstörungen zum Erstgespräch in Ihrer Praxis: Geht es dann gleich auf die Couch?

Gößling:
Nein, auf keinen Fall. Meine Standardfrage, die ich häufig stelle, auch bei Patienten, die ich zum Beispiel in der Tagesklinik behandele – ich bin oberärztlich zuständig für unsere Tagesklinik, die befindet sich ja im Zentrum Hannovers in der Königsstraße und wir haben dort sehr viele Patienten, die unter Schlafstörungen leiden. Eine Standardfrage, die ich habe, vielleicht schon gefürchtet ist, ist die: Was machen Sie in den letzten 2 Stunden vor dem Schlafen gehen? Und da können Sie vielleicht sich schon denken, welche Antworten häufig kommen. Die meisten Menschen sagen tatsächlich, dass sie vor dem Fernseher sitzen oder vor dem Computer. Es ist häufig eine Abendbeschäftigung geworden. Das ist ein wichtiger Aspekt. Ein anderer Aspekt ist der, dass zum Beispiel Menschen abends häufig anfangen, über Probleme zu reden oder überhaupt sich Gedanken zu machen über ihre Probleme, dass ist auch ein wichtiger Aspekt, dass man 2 Stunden vor dem Schlafengehen in eine „problemfreie Zone“ geht. Das bedeutet, dass man sich eher mit Dingen beschäftigt, die einem Spaß machen, die einen entspannen können. Darum geht es.

Buchtipp:
„Hypnose für Aufgeweckte – Hypnotherapie bei Schlafstörungen “, Heinz-Wilhelm Gößling, Carl-Auer Verlag

Gast:
Dr. med. Heinz-Wilhelm Gößling
Seelhorster Str. 61

30175 Hannover

Tel.: 0160 / 65 366 57

E-mail: kontakt@dr-hw-goessling.de

Informationen zur Sendung vom 5. Mai 2014:

„Liebevolle Zwiesprache“

Wir denken, empfinden und fühlen. Das macht uns als Menschen aus. Wenn wir lachen, weinen oder zornig sind, drücken sich unsere Gefühle über den Körper aus. Manche Menschen drängen ungute Gefühle einfach weg. Andere schneiden sie sogar von sich ab. Folge ist auch, gute Gefühle sind kaum spürbar – und wir verlieren an Lebendigkeit.

Nicht gelebte Gefühle speichern sich im Körper als bleibende Spannungen ab. Entweder reagieren wir irgendwann über oder wir konservieren unser Leid und erstarren letztendlich auch emotional. Wie wir adäquat mit ungeliebten Emotionen umgehen können und welche Lösungsmöglichkeiten die „Liebevolle Zwiesprache“ bietet, das hat mir Peggy Paquet, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Logotherapeuten aus Germering bei München erklärt. Her(t)zlichen Dank!

Frau Paquet: „Liebevolle Zwiesprache“, was ist das?

Paquet:
„Liebevolle Zwiesprache“ ist eine Form der Traumagesprächstherapie, die sich primär darauf ausrichtet in unserem Körper, in unserem Nervensystem, gespeicherte „emotionale Ladungen“ auf körperlicher, emotionaler und auf seelischer Ebene zu lösen. Es ist ein Prozess, der primär darauf ausgerichtet ist, dass Menschen ihn selber anwenden können und er zeigt ganz, ganz praktisch, schlicht und schnörkellos, wie ich durch ein Gefühl, was gerade aktiv in mir ist, selbständig hindurch kommen kann. Auf der anderen Seite, wenn die Emotion sich gelöst hat und es mir eigentlich wieder ganz neutral geht, kann ich diesen Schwung der Emotion – der  Schmerzemotion – nutzen, um zu schauen, was darunter liegt und das sind sehr lebensfördernde Qualitäten wie Kraft, Liebe, Mitgefühl oder auch eine tiefe Gelassenheit. Diese Qualitäten werden auch durch ein tiefes Spüren und Fühlen im Nervensystem integriert und wirken in unser Erleben, in unsere neue Wahrnehmung und schließlich bis in ein neues Verhalten hinein.

Wie gehen Menschen im Alltag in der Regel mit ihren Emotionen um?

Paquet:
Emotionen sind – also wir gehen jetzt von schmerzhaften, unangenehmen Emotionen aus – die sind tatsächlich unangenehm. Es schnürt uns die Kehle, den Bauch zusammen und da wir das ungern spüren, wird es aus der Wahrnehmung verdrängt und, um das nicht wahrzunehmen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit vom Körper weglenken. Also, wir gehen oft in den Kopf, ins Denken, um eine Emotion nicht wahrzunehmen.

„Im Kopf bleiben...“. Welche Kompensationsmuster gibt es noch?

Paquet:
Also, alles, was wir im Alltag tun, kann zum Kompensationsmuster werden, muss nicht, aber vieles wird dazu benutzt, um nicht zu fühlen. Allem voran natürlich die bekannten Süchte, Alkohol und Medikamente, Drogen usw. .Aber auch Fernsehen, Computer, Arbeiten, Sexualität, Essen... kann ein Muster sein, um nicht zu fühlen. Häufig ist ein Muster auch das Analysieren, das den anderen Beschuldigen, Projezieren... das sind alles Dynamiken, die für uns geieignet erscheinen, um etwas Unangenehmes nicht wahrzunehmen.

Was passiert, wenn wir unsere Gefühle nicht vollständig ausleben?

Paquet:
Gefühle können wir als „Energie“ verstehen und wenn zum Beispiel Wut hochkocht, im wahrsten Sinne des Wortes, oder auch Angst, wird im Körper sehr, sehr viel Energie aktiviert. Der Sympathicus, der Teil des Nervensystems, der für Aktivierung, Flucht- und Angriff zuständig ist, fährt hoch. Cortisol, Adrenalin wird in Mengen ausgeschüttet und wenn sich das nicht wieder herunterreguliert, indem es zum Beispiel entladen wird durch Bewegung oder auch durch Spüren, Zittern, Weinen, dann bleibt das als Energie im Nervensystem und wenn es ganz ungünstig läuft, dann bleibt der Symphaticus erhöht und auch diese Stresshormone werden weiterhin ausgeschüttet. Und man kann sich vorstellen, dass das körperlich und psychisch langfristig Auswirkungen hat.

Wie reagiert das Nervensystem,wenn solche Spannungen im Körper gehalten werden?

Paquet:
Also, wie gesagt, das bleibt so hochgefahren und unser Körper hat weiterhin diese Mechanismen aktiviert, die für Flucht und Angriff notwendig sind. Also, erhöhten Blutdruck, der Muskeltonus ist erhöht und die Wahrnehmung ist ein Stück verengt und wenn das ganz massiv passiert, dann haben wir es schon mit Traumasymptomen zu tun.

Welche Stressreaktionen zeigen der Körper und die Psyche?

Paquet:
Der Körper kann anhaltend angespannt sein und psychisch kann es wirklich zu Ängsten, zu Unruhe führen, zu einem latenten Gefühl „irgendwas ist nicht in Ordnung“. Auch depressive Reaktionen können auftreten oder emotionale Instabilitäten. Man wird sehr, sehr schnell wütend und all das ist ja in unserem Alltag sehr anstrengend für uns selbst und für unsere Mitmenschen.

Frau Paquet, wie kann ich nun ungute Gefühle hinter mir lassen?

Paquet:
Die „Liebevolle Zwiesprache“ schafft einen präsenten Raum auf körperlicher, emotionaler und geistiger Ebene. Am Beispiel: Zum Beispiel die Wut. Wenn wir wütend sind, drückt sich das im Körper aus. Wir haben zum Beispiel einen Druck im Solarplexus und diese Wutenergie können wir sehr gut fühlen. Und wenn wir unsere Aufmerksamkeit wirklich ausschließlich auf den Körper richten und seine Reaktionen, dann spüren wir den Druck im Körper. Wir fühlen diese Wutenergie und wir beobachten dies, ohne irgendetwas daran zu ändern. Wir schaffen einen „Raum von Aufmerksamkeit“, um – ich sage mal – dieses „Ereignis“ in unserem Nervensystem. Wir unterstützen diesen Prozess mit der Ausatemunterstützung. Wir unterstützen unseren Ausatem und da bleiben wir beobachtend, spürend, fühlend und ausatmend solange dabei, bis sich diese Wutenergie in irgendeiner Form verändert. Erfahrungsgemäß reguliert sich unser Körper selbst, wenn wir „anwesend“ sind. Also, die Wut löst sich oder die Angst oder die Trauer und dann, wenn sich das „neutral“ anfühlt, sinken wir mit der Aufmerksamkeit weiter und tiefer. Dann beginnen wir auf dieser Ebene der „lebensfördernden Qualitäten“ zum Beispiel Kraft zu spüren, eine tiefe Gelassenheit oder sogar Liebe. Auch das spüren wir noch ganz, ganz tief, so dass unser Körper das – im wahrsten Sinne – unser Nervensystem das speichern kann, als Erfahrung. Letztendlich schauen wir nochmal auf die auslösende Situation und in der Regel haben wir ganz andere Gefühle und ein ganz anderes Erleben dazu. Das in aller Kürze zu dem Prozess.


Kann jeder „Liebevolle Zwiesprache“ anwenden?

Paquet:
Prinzipiell: Ja. Wo ich einfach sehr vorsichtig bin, sind akute psychiatrische Erkrankungen oder sehr, sehr schwere Persönlichkeitsstörungen. Also da, wo diese Instanz, diese geistige Instanz, des auf meine „Gefühle drauf- schauens“ nicht mehr in diesem Maße wieder wirklich handhabbar und gegeben ist. Da sehe ich eine Kontraindikation für die „Liebevolle Zwiesprache“. Ansonsten, für Kinder ab 7 Jahre, die auch schon wieder auf ihre Gefühle „drauf schauen“ können, bis – meine älteste Klientin war knapp 90 – weil jeder Mensch mit seinen Emotionen zu tun hat, in jeder Situation. Für jeden Zeitpunkt ist die „Liebevolle Zwiesprache“ geignet.

Sie bilden „Liebevolle Zwiesprache“ aus. Für wen ist die Ausbildung geeignet?

Prinzipiell für alle Menschen, die mit anderen Menschen arbeiten. Das beginnt beim therapeutischen Bereich, bis hin über den pädagogischen Bereich und hinein ins Ehrenamt. Also da, wo uns Menschen anvertraut sind, wir auf sie eingehen und wir auch die Möglichkeit haben, sie in ihren emotionalen Turbulenzen zu unterstützen.

Was ist das Potenzial der „Liebevollen Zwiesprache“?

Paquet:
Das Potenzial der „Liebevollen Zwiesprache“ ist primär, dass es Leid lindern und auch verhindern kann, dass diese „emotionale und auch taumatische Leidkette“ – wo  es über Generationen und von Person zu Person weitergegeben wird – dass es diese Leidkette unterbrechen kann. Das ist auf globaler Ebene das Potenzial. Auf der persönlichen Ebene gibt es da mehrere Stufen, die ich erlebe. Es beginnt da, dass wir persönlich weniger leiden, indem wir weniger emotionale und körperliche Anspannung haben. Es geht weiter, dass wir grundsätzlich gelassener, mitfühlender werden und sich auch eine sehr große innere Stärke entwickelt. Und was auch hervortritt ist oft eine ganz neue Art von Kreativität. Auf einer noch tieferen Ebene gehen wir in einen Raum, wo wir unsere Spiritualität sehr authentisch und als sehr tragend erleben und das wirkt natürlich in unser ganzes Sein hinein.


CD-Tipp:
„Liebevolle Zwiesprache – Heilsamer Umgang mit belastenden und schmerzhaften Emotionen“, Peggy Paquet, Herausgeberin

Gast:
Peggy Paquet
Nimrodstraße 55 a

82110 Germering


Tel.: 089/ 80 99 16 61

Informationen zur Sendung vom 2. Juni 2014
P.E.R.G. = „Psychosomatische Energetische Reflexzonentherapie am Gesicht“ 

 „Über Gesichtsreflexzonen auch die Seele berühren...“

P.E.R.G. – Das steht für „Psychosomatische Energetische Reflexzonentherapie am Gesicht“. Eine Methode, die ihren Ursprung in der vietnamesichen Medizin hat und die moderne westliche Psychosomatik mit der Lehre Buddahs verbindet.  

Das Gesicht ist ein Spiegel unsere Seele, aber auch unser Körper drückt sich in bestimmten Zonen des Gesichtes aus. Mein Gast sagt: „Achtzig Prozent aller unserer Beschwerden sind psychosomatisch!“, also seelisch mitbedingt. Welches Potential die Reflexzonenarbeit am Gesicht in sich birgt, darüber habe ich mit Ngoc-Diep Ngo, Heilpraktiker Teilbereich Psychotherapie, aus Hannover Mittelfeld, gesprochen. Her(t)zlichen Dank! 

Herr Ngo, „P.E.R.G“, das ist eine von Ihnen entwickelte Methode. Was steckt dahinter? 

Ngo:
„P“ ist die Abkürzung für „Psychosomatisch“, „E“ ist „Energetisch“, „R“ gleich „Reflexzonentherapie“ und „G“ steht für am „Gesicht“. Diese Methode ist eine Behandlungsmethode, die sich bestimmter Reflexzonen und Reflexpunkte im Gesicht bedient, um psychosomatisch bedingte Blockaden, Schmerzen und Funktionseinschränkungen im Organismus der behandelten Person aufzulösen und die Selbstheilungskräfte zu stärken. Diese Methode ist eine echte, neue Entwicklung und hat nichts mit der üblichen Reflexzonentechnik oder Akupressur oder Meridianbehandlung zu tun. Aus Erkenntnissen der vietnamesischen und der westlichen Psychologie und Kinesiologie wurde eine neue Synthese geschaffen. Das heißt: P.E.R.G. .

Worin unterscheidet sich Ihre Methode von den alten Wurzeln der Gesichtsreflexzonentherapie aus Vietnam?

Ngo:
Die Gesichtsreflexzonentherapie steht nicht nur allein mit somatischen (körperlichen) Beschwerden in Verbindung, sondern auch mit sogenannten „psychischen Blockaden“. Beispiel: Wir haben draußen an unserem Haus eine Lampe angebracht und von dieser Lampe führt eine Leitung zu unserer „Energiequelle“. Und wir stellen jetzt fest: Die Lampe geht nicht an. Was tun? Eine kluge Person wird diese Lampe erst einmal auswechseln. Doch nachdem sie die Lampe gewechselt hat, stellt sie erneut fest: Kein Licht! Ob das kann an der Leitung liegen kann? Als nächstes überprüft die Person die Leitung und, obwohl die Leitung eigentlich in Ordnung ist, geht das Licht nicht an. Deshalb schaut sich die Person schließlich die Energiequelle an. Also: Die Lampe symbolisiert unseren Körper. Die Leitung steht für unsere Psyche und die Energiequelle für unsere „energetischen Kräfte“.

Und dazu gehören auch die Psyche und unsere Seele...

Ngo:
Genau. Man kann sagen, dass diese Methode eine ganzheitliche Methode für Körper, Geist und Seele ist. 

Was ist das Besondere an der P.E.R.G.? 

Ngo:
Da kann ich Ihnen eine Geschichte erzählen: Ich bin eigentlich ein „TCM- Anwender“. Aber im Kloster kann ich die Leute nicht mit „Traditioneller Chinesischer Medizin“ behandeln, weil ich sie dafür ausziehen müsste. In einem Kloster ist das Tabu. 2003 habe ich von einem vietnamesischen Meister die Gesichtreflexzonentherapie gelernt und diese ist insofern für mich praktisch, weil ich die Leute nicht ausziehen brauche, sondern nur am Gesicht arbeite. Am Gesicht kann man auch erkennen, was die Auslöser sind, sei es somatisch oder psychisch. Diese Merkmale erscheinen alle am Gesicht. 

Reflexzonen auf der Haut stehen in Verbindung mit unseren inneren Organen. Wie sind nun unsere Organe im Gesicht angeordnet? Gibt es eine Art „Gesichtslandkarte“?

Ngo:
Ja. Diese Technik wurde in Vietnam von einem vietnamesischen Meister entwickelt.  Alle unsere inneren Organe werden im Gesicht reflektiert und am Gesicht kann man zum Beispiel folgendes erkennen: Auf den Wangen, auf der rechten Seite befinden sich die Zonen „Leber“ und „Gallenblase“. Die linke Wange repräsentiert die Zonen „Milz“ und „Magen“. An der Spitze der beiden Augenbrauen ist unsere „Herzzone“. 

Wie überprüfen Sie, ob eine Gesichtsreflexzone „aktiv“ , bzw. „unauffällig“ ist?

Ngo:
An unserem Gesicht können wir auf diesen Körper- oder Organreflexzonen, bestimmte Merkmale erkennen. Zum Beispiel bilden sich Leberflecke dort, „wo schon einmal etwas gewesen ist“ oder rote Punkte da, „wo etwas noch kommt“. Narbige Veränderungen lassen erkennen, dass das zugehörige Organ schon einmal verletzt oder operiert worden ist. 

Ich war ja bei Ihnen im Vorgespräch in der Pagode und dann haben Sie bei mir einige Punkte im Gesicht gedrückt und auch etwas gefunden...

Ngo:
Die Punkte sind keine „Akupunkturpunkte“, wie in der TCM, der chinesischen Medizin, sondern diese Punkte sind „Reflexpunkte“ unseres Körpers, welche am Gesicht reflektiert werden. Man kann mit bloßen Fingern diese Zonen „antippen“ und wenn ein Punkt schmerzhaft ist, sagt mir das, das hat mit dem Körper oder mit unserer Psyche zu tun, die in Verbindung zu unseren inneren Organen steht.

Angenommen Sie finden eine aktive Zone, die jetzt druckschmerzhaft ist, wie grenzen Sie ab, ob die Beschwerden Ihres Klienten körperlich oder seelisch bedingt sind?

Ngo:
Das ist ganz einfach. Zum Beispiel: Ein Hilfesuchender kommt zu mir und hat Schulterschmerzen. Die Reflexzone der Schulter ist am Anfang der Augenbrauen repräsentiert. Wenn ich dort drücke und der Schmerz sofort weg ist, dann sagt mir das, dass eine somatische (körperliche) Blockade vorliegt. Wenn der Schmerz nicht ganz weg ist, dann überprüfe ich mit Hilfe von weiteren Punkten, den sogenannten „Nervenpunkten“ an der Stirn, ob diese somatische Blockade mit der Psyche zu tun hat. Zeigen die Punkte an, handelt sich um eine psychisch bedingte Blockade. 

Und wenn ein Schmerz psychisch mitbedingt ist, dann gibt es für Sie als Heilpraktiker für Psychotherapie etwas zu tun. 

Ngo:
Genau, ich bin Heilpraktiker für Psychotherapie. Dann sage ich zu dem Hilfesuchenden: „Ihre Beschwerden haben mit der Psyche zu tun.“ und „Darf ich in die zweite Ebene der P.E.R.G. gehen?“ 

Wie gehen Sie weiter vor?

Ngo:
Wir erarbeiten alles am Gesicht. Am Gesicht kann man erkennen, welches Organ für die Beschwerden zuständig ist. Mit der „Kinesiologie-Technik“, der sogenannten „Angewandten Kinesiologie“, in Verbindung mit den „Fünf Wandlungselementen“ aus der asiatischen Medizin, überprüfe ich am Gesicht, welches Organ für diese Beschwerden oder Blockade zuständig ist.


Was bedeutet „Fünf Elemente“?

Ngo:
Aus der asiatischen oder chinesischen Medizin kennen wir die „Fünf Wandlungs-elemente“. Das sind „Feuer“, „Metall, „Wasser“, „Holz“ und „Erde“. Diese fünf Elemente stehen für eine grundlegende Lebensweise der Asiaten und stehen in  Zusammenhang mit unserem Geist und unserem Körper. Die Fünf Elemente sind im Gesicht wie folgt angeordnet: Rechte Wange gleich „Holzelement“. Das umfasst Leber und Gallenblase. Das „Wasserelement“ befindet sich auf unserem Kinn, die inneren Organe für das Wasserelement, das sind die Niere und die Blase und zwischen den Augenbrauen liegt das „Feuerelement“, dahinter verbergen sich die Organe Herz und Dünndarm. Die Kinesiologie-Technik hilft, das angeschlagene Organ herauszufinden. Ich teste zum Beispiel bei einem Patienten oder Hilfesuchenden, dass das „Wasserelement“ für seine Beschwerden ausschlaggebend ist und die Blase dahinter steckt. Die Blase speichert u.a. 16 Emotionen ab, die für die Beschwerden verantwortlich sein können. Zum Beispiel: Ein Patient oder Hilfesuchender hat Schulterschmerzen und nach der Untersuchung haben wir festgestellt, das „Wasserelement“ oder die Blase ist „in Panik“ – das heißt, wenn diese Person in Panik gerät, dann kommen die Schulterschmerzen.

Ist es möglich, diese Angst noch weiter zu differenzieren?

Ngo:
Ja. Wir können anhand einer Liste aus der Psychosomatischen Kinesiologie nach Dr. Werner Weishaupt feststellen, welche Angst die Ursache für die Beschwerden ist.

Gibt es noch weitere Behandlungsebenen?

Ngo:
Ja, wenn der Hilfesuchende mit der P.E.R.G.-Selbsthilfetechnik zu Hause weitergearbeitet hat und seine Beschwerden sich nach einer bestimmten Zeit, einigen Tagen oder Wochen, noch nicht aufgelöst haben, dann gehen wir auf die „Dritte Ebene“, das bedeutet: Eine karmische Anlage hat diese Blockade ausgelöst. Auf der Dritten Ebene der Reflexzonentherapie wirken also „karmische Gesetze“.

Ist es wichtig an diese karmischen Gesetze, bzw. die buddhistische Lehre zu glauben, damit die Reflexzonentherapie am Gesicht wirksam ist?

Ngo:
Ja, das ist sehr wichtig, damit wir Stress oder Leiden abbauen können. Der Begriff „Karma“ kommt aus dem Sanskrit und bedeutet „Handlung“. Eine Handlung entsteht durch unseren Willen. Wenn etwas gegen meinen Willen geschieht, ist das für mich unangenehm, wenn etwas in Einklang mit meinem Willen geschieht, dann fühle ich mich wohl. Schmerzen, körperliche und psychische Blockaden entstehen in der Regel „gegen unseren Willen“. Nach der Lehre Buddahs, werden diese Leiden durch unsere karmischen Anlagen verursacht. Als karmische Anlagen bezeichnen wir alles, was unser Gehirn abgespeichert hat. Das umfasst all unser Wissen, alle unsere Erfahrungen, unsere Lebenserfahrung... Alles, was uns angeboren wurde und was wir in dieses Leben mitgebracht haben oder, was wir in diesem Leben an Erfahrungen erworben haben. Um die Beschwerden oder Blockaden ganz aufzulösen, ob somatisch oder psychisch bedingt, greifen wir tief in dieser Ebene ein.

Ich muss aber kein Buddhist sein, um zu Ihnen zu kommen...

Ngo:
Um zu kommen, brauchen Sie kein Buddhist zu sein... alles, was in unserem Leben geschieht, ob gut oder schlecht oder positiv oder negativ: „Von Nichts, kommt nichts.“ 

Für wen ist Ihre Methode geeignet?

Ngo:
Diese Methode ist sozusagen für jeden geeignet: Von kleinen Kindern, über Erwachsene, bis hin zu alten Leuten – und sie kann auch zur Gesundheitsprävention angewendet werden, um einfach gesund zu bleiben. 

Jeder kann P.E.R.G. lernen?

Ngo:
Ja, jeder kann P.E.R.G. lernen. Das ist eine ganz einfache Methode mit deren Hilfe man versuchen kann, schulmedizinische Medikamente einzusparen und auch von schulmedizinischen „Instrumenten“ abzusehen. 


Veranstaltungshinweis:

Seminare von und mit Ngoc-Diep Ngo finden regelmäßig statt im:

Verbund Kompetenzzentrum Mitte
Am Koppelberg 38
31634 Steimbke


Gast:

Ngo-Diep Ngo
C/o VienGiac Pagode
Heilpraktiker Teilbereich Psychotherapie
Karlsruher Str. 6
30519 Hannover
Tel.: 0511 – 9824316


Moderatorin:
Sonja Kohn
Heilpraktikerin/Dozentin/Freie Redakteurin/Ein Mitglied der AG Haut.
Peiner Str. 29, 31319 Sehnde, Tel.: 05138 – 61 57 52

Jeden 1. Montag im Monat auf Radio Leinehertz 106.5, 17:05 Uhr.

Radio Leinehertz 106.5: http://www.leinehertz.net/

Informationen zur Sendung vom 7. Juli 2014

Psychoneuroimmunologie 

„Starke Selbstheilungskräfte durch Psychotherapie...“
Die “Psychoneuroimmunologie” befasst sich mit dem feinen Wechselspiel zwischen Nerven-, Hormon- und Immunsystem. Sind wir gestresst, gerät das sensible Gleichgewicht durcheinander. In der Folge werden wir anfällig für Infektionen, Entzündungen und Allergien. Emotionale Belastung und Stress drücken nicht nur auf die Seele, sondern auch auf das Immunsystem. Und chronisch entzündliche Erkrankungen, Allergien und Autoimmunerkrankungen nehmen dramatisch zu. Wie der Teufelskreis durchbrochen werden kann, darüber habe ich mit Prof. Dr. Dr. Christian Schubert, Arzt, Psychologe und Psychotherapeut an der Klinik für Medizinische Psychologie der Medizinischen Universität Innsbruck gesprochen. Her(t)zlichen Dank!

Herr Prof. Schubert, die Psychoneuroimmunologie beschäftigt sich damit, wie unsere Psyche, über das Immunsystem Einfluss auf den Körper nimmt. Wie kommt dieser Einfluss zustande?

Schubert:
Wir haben in unserem Organismus eine Reihe von Verarbeitungsmechanismen, mit denen psychische Belastungen, Stress, aber auch positive Erfahrungen, Erlebnisse im Leben zunächst einmal im Gehirn verarbeitet und dann über gewisse „Stressachsen“ in unsere Körperperepherie übersetzt werden. Wir sind verschaltet, mehr oder weniger, vom Gehirn in die Körperperepherie, bis ins Immunsystem und diese beiden Stressachsen, das sind die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrindenachse auf der einen Seite und auf der anderen Seite das sogenannte Symphato-Adrenomedulläre-System, das SAM-System, das den Sympathikus mehr oder weniger repräsentiert, also das „Autonome Nervensystem“. Und über diese beiden Stressachsen, werden nun Belastungen, die wir erleben, in die Außenbereiche unseres Organismus übersetzt und damit eben auch ins Immunsystem und haben hier wesentlichen Einfluss auf die Immunaktivität und auf die Möglichkeit wie wir mit Erregern, zum Beispiel, umgehen.

Kann ich mir das so vorstellen: Ich bin gestresst und bekomme deswegen auch einen Schnupfen?

Schubert:
Genauso ist es. Also, das heißt man ist gestresst und bekommt einen Schnupfen, weil über diese beiden Stressachsen es zu einer Ausschüttung auf der einen Seite von Katecholaminen kommt, das wäre die "Sympathikusachse" und auf der anderen Seite zur Ausschüttung von Cortisol, also dem wesentlichen Stresshormon unseres Organismus und diese Hormone oder Neurotransmitter, die haben einen wesentlichen Effekt auf unsere Immunaktivität, in dem Sinne, dass hier die Immunaktivität verändert wird in Richtung vermehrter Empfindlich- und Empfänglichkeit einen Schnupfen zu bekommen, das heißt, an einer viralen Erkrankung zu erkranken.

Kann unser Immunsystem auch unseren Geist, unsere Psyche beeinflussen?

Schubert:
Ja, das kann es. Wir nennen das „sickness behavior“ oder auch Krankheitserleben und Krankheitsverhalten. Und das ist etwas, das noch gar nicht so lang klar ist. Dieses Gefühl, das wir haben, wenn wir eine Erkrankung durchmachen, also, dieses Schwächegefühl, Krankheitsgefühl -  wir schlafen mehr, wir haben nicht recht Appetit, möchten uns auch nicht körperlich betätigen, sind schnell erschöpft, ziehen uns auch aus sozialen Beziehungen zurück, möchten mit Menschen eigentlich gar nicht so gern Kontakt haben, ja, wir fühlen uns krank - das hat man vor gar nicht langer Zeit als eine Reaktion des Organismus gesehen, die relativ unspezifisch ist. Die Schwäche, weil wir infiziert sind, weil wir krank sind und deswegen passt das gut dazu, dass wir auch entsprechend wenig Gesundheitserleben haben.
Wir wissen aber heute, dass das Immunsystem der "Vermittler" dieser Gefühle ist, das heißt, wenn das Immunsystem entsprechend aktiviert wurde, durch eine zum Beispiel virale Erkrankung, eine Infektion, dann sind es kleine Botenmoleküle, die während der Immunaktivität freigesetzt werden und über den Blutweg vorallem in das Gehirn gelangen und dort die Blut-Hirn-Schranke überqueren, also die Grenze zwischen Blut und Gehirn, und im Gehirn an entsprechenden Strukturen dieses Verhalten hervorrufen, dieses Erleben und Verhalten im Krankheitsfall, hervorrufen. Das heißt, wenn wir uns nicht gut fühlen, wenn wir krank sind, dann ist das immunologisch vermittelt. Das ist nicht einfach eine unspezifische Schwäche, sondern, das ist eine „Strategie des Immunsystems“, damit wir uns um uns besser kümmern, damit wir wieder gesund werden können. Das heißt, wir schlafen mehr, weil das Immunsystem das mehr oder weniger möchte. Denn im Schlaf regenerieren wir, im Schlaf schützen wir uns, im Schlaf konservieren wir, bewahren wir unsere Energie, die wir benötigen, um mit dem Erreger besser umzugehen. Letzlich ist dieses Krankheitserleben und –verhalten darauf ausgerichtet Energie bereitzustellen, die wir normalerweise für unsere Alltagsaktivitäten verpuffen würden, jetzt bereitzustellen, um die Infektion zu besiegen. Dazu passt all das, was wir während einer Krankheit erleben. Es ist alles darauf ausgerichtet, mehr oder weniger, Energie zu konservieren. Es ist wie ein eigener Sinn, den wir einsetzen und der uns rettet, schützt, überleben lässt.

Stress kann direkt zu entzündlichen Prozessen im Körper führen. Was passiert da?

Schubert:
Es ist so, dass wir grundsätzlich zunächst einmal, wenn wir unter Stress stehen, eine Entzündungsreaktion im Organismus haben. Das ist, man kann fast sagen, „überlebensnotwendig“. Das ist so eine „Abwehr“ und wir haben nicht nur im Körperlichen eine Abwehr, nämlich die Immunreaktion, sondern wir haben die im Prinzip auch im Psychischen. Das heißt, wenn wir in eine Stresssituation gelangen, in eine Situation, die uns fordert, droht zu überfordern, dann machen wir zunächst mal eine Grenze auf und fast eine Abwehrhaltung: „Vorsicht jetzt hier“, „Ich muss mich zunächst mal wappnen“, „Ich muss mich jetzt auf den Punkt bringen“, dass ich mit diesem Stressor, der mir im Psychischen widerfährt, gut umgehen kann. Und genauso macht das auch der Organismus, dass heißt, er fährt zunächst einmal physiologisch ganz normal, ganz gesund Entzündungen hinauf. Das heißt, es werden Entzündungsparameter, Entzündungsfaktoren im Organismus freigesetzt, die den Organismus in eine Situation bringen, dass er mit dem drohenden Stressor auf jeden Fall so gut wie möglich umgehen kann. Das heißt, es werden Immunzellen aus dem Knochenmark in den Blutkreislauf geschwemmt, die signalisieren, dass der Organismus jetzt auf „Alarmstufe“ läuft. Ähnlich werden entsprechende sogenannte „pro-inflammatorische“ Zytokine freigesetzt. Die werden nun im Organismus erhöht auftreten, wenn ein Mensch gestresst ist. Und wir reden hier von einer gesunden Reaktion. Es ist aber so, dass diese Stoffe, diese pro-inflammatorischen Zytokine, eine Reihe von Wirkungen haben im Organismus, die zwar kurzfristig gut sind, das heißt, sie aktivieren das Immunsystem, sie führen auch ein bißchen zu einer Körpertemperaturerhöhung, die uns auch schützen soll mit potentiellen Errreger so umzugehen, dass sie nicht mit in unserem Organismus leben können. Es gibt ein bißchen „sickness behavior“, so wie ich es vorhin genannt habe, also dieses Gefühl von Krankheit, von Belastung. Das alles ist gut, kurzfristig, ist aber schädlich, wenn eine Entzündung zu lange im Organismus ist, denn dann beginnen diese Entzündungsparameter Körperzellen zu schädigen, beginnen die bösartige Veränderung von Zellen zu aktivieren. Das heißt, letztlich, langfristig gesehen könnte es zu einer Krebserkrankung kommen und paradoxerweise hemmen diese Entzündungsparameter auch unsere schützende Immunaktivität. Also, das heißt: Kurzfristig brauchen wir diese Abwehr, diese Entzündungen im Organismus, um potentiell schädigende Substanzen abzuwehren. Diese Entzündungsproteine dürfen nicht zulange im Organismus erhöht sein, denn dann beginnen sie den Organismus zu schädigen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen traumatischen Erfahrungen in der Kindheit und einer späteren Krankheitsentwicklung?


Schubert:
Ja, das ist ein ganz heißer Bereich der Psychoneuroimmunologie. Es wird immer deutlicher, dass frühe Belastungen, also Belastungen, die aus dem familiären Kontext stammen, zum Beispiel: mißbräuchliche Erfahrungen, die ja nicht nur im sexuellen Bereich sein können, sondern wir sprechen von Missbrauch auch dort, wo körperlich gezüchtigt wird. Wir sprechen von Mißbrauch dort, wo emotional belastet wird, wo aggressiv umgegangen wird mit Kindern, wo geschimpft wird, wo mit entsprechenden bösen Wörtern um sich geschlagen wird, im psychischen Sinn. Also, das ist alles mißbräuchlich, wenn man Kinder dafür hernimmt, um die eigenen Aggressionen zu bewältigen, in Anführungszeichen. Und das ist etwas was enorm ungesund ist für die weitere Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Das ist gar keine Frage. Wir wissen auch heute, dass selbst in der Schwangerschaft, also während des werdenden Kindes, Stress der Mutter einen massiven Einfluss hat auf die Entwicklung des Kindes, nicht nur im Psychischen, sondern natürlich auch im Körperlichen. Das heißt, hier werden die Störungen des Stresssystems, des Immunsystems gebahnt, bereits im fetalen Leben nach der Geburt. Da sind ja oftmals die Belastungen nicht „weg“, das heißt, dann wird das Ganze auch noch in Richtung weiterer Verstärkung, Verschlechterung des werdenden Stresssystems gebahnt und langfristig treten dann entsprechend auch Entzündungserkrankungen frühzeitig auf und selbst die Lebenserwartung von traumatisierten Menschen ist klar verringert. Das haben viele Studien gezeigt. Das heißt, Menschen, die aus schwer belastenden Umständen, Waisenhausaufenthalt zum Beispiel, kommen, oder die schwere Gewalt, psychische und körperliche Gewalt in der Kindheit erlebt haben, leben kürzer.

Welchen Stellenwert nimmt die moderne Psychotherapie in der Behandlung von stressbedingten Erkrankungen des Immunsystems ein?

Schubert:
Leider noch zu wenig. Wir wissen aber, aus einer Reihe von Untersuchungen, dass psychologische Interventionen einen deutlichen Einfluss auf die Immunaktivität haben und zwar im gerichteten Sinn. Also, das heißt, dass wir heute wissen, dass zum Beispiel Hypnose, Autosuggestion also, willentliche mentale Veränderungen von körperlichen Aktivitäten, unter anderem eben auch das Immunsystem in bestimmte vorab definierte Richtungen leiten kann.

Buchtipp:
Psychoneuroimmunolgie und Psychotherapie, Christian Schubert, Schattauer-Verlag

Gast:
Univ.-Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Christian Schubert
Labor für Psychoneuroimmunologie
Universitätsklinik für Medizinische Psychologie
und Psychotherapie Innsbruck
Medizinische Universität Innsbruck
Schöpfstrasse 23A
A-6020 Innsbruck
Tel.:+43-512-504-25982 (Büro)
+43-512-504-28795 (Labor)
Fax:+43-512-504-28797
E-mail: Christian.Schubert@uibk.ac.at

Informationen zur Sendung vom 4. August 2015 
„Aufklärung statt Verklärung und Abgeklärtheit...“

Brauchen wir Aufklärung in einer Zeit in der alles erlaubt und fast nichts mehr Tabu ist? In einer Zeit in der wir medial überflutet werden von nackter Haut, Transsexualität, Homosexualität oder paarungswilligen Bachelors? Sind wir sexuell nicht bereits abgeklärt?

Aufklärung für Erwachsene. Welche Rolle spielt der Kopf, unsere Psyche, in unseren Betten? Gibt es ein „Richtig“ oder „Falsch“ beim Sex? Klischees gibt es jedenfalls viele! „Aufgeklärt“ hat mich mein Gast Thomas Schnura, Heilpraktiker und Psychotherapeut, aus Hannover. Her(t)zlichen Dank!

Jetzt mal ehrlich, müssen wir in der heutigen Zeit wirklich noch aufgeklärt werden?

Schnura:
Naja, definiere Aufklärung. Wie das mit den Bienen und den Blumen funktioniert, das weiß inzwischen jedes Kind. Aber, wenn wir Aufklärung verstehen als den Versuch Sexualität lustvoll und zu gegenseitiger Zufriedenheit zu gestalten, dann muss man sagen, da könnte noch viel, viel Aufklärung erfolgen – weil, wir wissen zwar, wie man Kinder macht, aber nicht, wie man miteinander Spaß am Sex hat.

Sind wir nicht eigentlich eher abgeklärt? Oder verklären die Medien unsere Vorstellung von Sexualität?

Schnura:
Beides. Abgeklärt in dem Sinne, dass wir über Sex alles zu wissen glauben. Das, was uns die Medien präsentieren ist eine Informationsflut, aber es ist keine einzige Information dabei, die uns sagt, wie ich, wie ich konkret mit meinen Wünschen, Fantasien, Träumen und Hoffnungen und auch meinen Ängsten mit dem großen Thema Sexualität umgehen soll. Insofern: Abgeklärt im Sinne von „überinformiert“ – objektiv – und verklärt, auch in dem Sinne, dass man hört: Ja, Sex. Das ist eine großartige Sache. Und: Man könnte da die Erfüllung seines Lebens drin finden. Aber wie eigentlich? Wie macht man das? Also, ich weiß ja nicht mal, wer ist für den eigenen und den Orgasmus des Partners zuständig?

Und „Unaufgeklärtheit“, was ist das?

Schnura:
Unaufgeklärtheit ist heutzutage der Mangel an Information darüber, was bei der Sexualität wichtig ist. Also, es geht natürlich nicht mehr darum, wie man Kinder macht, sondern es geht im Wesentlichen darum, wie man als Paar, egal welcher sexueller Provenienz, ob schwul, hetero oder bi – ist völlig egal – wie man als Paar eine gemeinsame zufriedenstellende Sexualität entdeckt, entwickelt, wie man darauf eingeht, dass man es am Anfang noch nicht so genau weiß und erstmal ausprobieren muss und später dann letztenendes auch lebt, mit all den Höhen und Tiefen die Sexualität ja auch mit sich bringt.

Sprechen wir über Grundlagen: „Normale“ Sexualität, falls es diese gibt, wie sieht die aus?

Schnura:
So, wie die Mehrheit der Sexualteilnehmer sie praktiziert. Es ist an sich ein vollkommen nutzloses Kriterium, ob Sexualität normal ist. Wir leben heute in einer Gesellschaft, die Weniges wirklich nur verbietet. Das ist Sexualität mit Abhängigen natürlich, mit Kindern und hilflosen Personen. Ansonsten, ob einer schwul, bi, hetero, lesbisch, ob er SM oder Fetischist ist, das kann uns ja eigentlich vollkommen egal sein. Solange ein anderer Erwachsener dabei ist, der die Sache freiwillig mitmacht, ist es weder pervers noch verboten, sondern es ist im Rahmen dessen, was möglich ist. Normalität definieren wir an sich darüber, dass es ein unter vielen möglichen Gruppenteilnehmern größerer Teil praktiziert. Also, alles, was über dem Durchschnitt liegt. Wenn nur zwei Gruppenteilnehmer dabei sind, dann ist alles normal, was über fünfzig Prozent ist. Also, es ist ein vollkommen irrartionales und vollkommen unwichtiges Kriterium. Ist meine Sexualität noch normal? Nein! Ist das wichtig? Nein! Es ist egal, ob sie normal ist, sie ist, wie sie ist.
Sollten sich vor allen Dingen junge Menschen, die ihre Sexualität auch entdecken und feststellen, dass das ja doch ein ziemliches Wunderland sein kann, nicht von leiten lassen. Fragt nicht danach, was normal ist, sondern fragt danach, was Dir und Deinem oder Deiner Liebsten Spaß macht und dann macht davon mehr.

Kann ein Mangel an Aufklärung zu sexuellen Schwierigkeiten führen?

Schnura:
Oh, ja. Das auf jeden Fall. Und wenn wir, wie Eingangs gesagt, Aufklärung nicht verstehen, als die Antwort auf die Frage - Wie  macht man Kinder?- sondern: Was ist das eigentlich, dieses große Gebiet der Sexualität? Wenn man zum Beispiel glaubt, der weibliche Orgasmus habe zu hängen am Skalpgürtel des Mannes. Ja?! Dass sie einen Orgasmus kriegt ist die Beute des Mannes. Er ist sooo gut im Bett. Boah, bei mir kommt jede Frau! Das ist Unaufgeklärtheit. Quatsch! Es ist nicht so. Es gibt Menschen, die haben Schwierigkeiten beim Orgasmus und dann muss man halt eine Lösung finden. Und das heißt aber auch, dass man damit aufgeklärt umgeht, dass man sich überlegt: Was liegt vor? Habe ich vielleicht Angst davor? Habe ich Angst zu versagen? Habe ich Angst zu spät zu kommen? Habe ich Angst schon wieder Erster zu sein? Dann braucht es Aufklärung in dem Sinne, dass man den Menschen, die betroffen sind sagt: Hört mal zu, das ist erstes einmal Normvariante, also nicht unnormal. Und zweitens, und das ist viel wichtiger: Es gibt Lösungen für die Schwierigkeiten, die Ihr jetzt, vielleicht auch nur jetzt gerade, habt. Vielleicht weil Ihr noch nicht alles über die Sexualität wisst. Oder weil Ihr noch nicht wisst, wie die gemeinsame Sexualität mit dem Partner funktioniert. Das muss man ja auch ersteinmal erarbeiten. Und weil das alles noch nicht da ist, bedarf es der Aufklärung im Sinne von auch: Wie stelle ich meinem Partner, wie stelle ich meiner Partnerin die „richtigen“ Fragen? Und warte auf die richtige Art und Weise auf eine Antwort. Wie bringe ich Geduld auf? Wie bin ich geduldig mit mir? Und sage nicht: Hu, das muss jetzt aber ganz schnell klappen! Nein, muss es nicht! Aufklärungsregel Nummer 1: Man versucht erstmal. Erstmal gucken, was geht und: Hey, die Sache kann Spass machen!

Welche Rolle spielt der Kopf in unseren Betten?

Schnura:
Eine sehr große. Es gibt da so eine Scherzfrage, die ich meinen Studenten manchmal stelle: Welches ist die größte erogene Zone des Menschen? Nein, es ist nicht die Haut. Nein, es sind nicht die Geschlechtsorgane, sondern es ist der Kopf. Ein und dieselbe Berührung, einmal von irgend so einem schmierigen, alten Kerl und einmal vom schönen, jungen Geliebten. Das macht einen riesen Unterschied. Und, wenn sie in dieser erotischen Berührung die Augen schließt, dann ist ihr Kopf hellwach. Das ist die eine Seite. Das heißt also, insofern kann man sagen, der Kopf ist die Quelle unserer erotischen Vorstellungen und auch des erotischen Empfindens im Moment. Andererseits hat der Kopf aber auch noch eine ganz andere Möglichkeit und das ist, permanet „quer zu schießen“: Mit Sätzen, Aufforderungen, Herausforderungen, mit Versuchung, mit Klischees – also, Sachen wie: Du musst das jetzt „so“ bringen! Du musst jetzt drei Mal tief und dann drei Mal oberflächlich stoßen. Und dann musst Du 10 Sekunden warten... Und die ganze Zeit zählt der: Eins, Zwei, Drei ... Ja, viel Spaß beim Sex noch! Das heißt also, der Kopf kann uns da ganz schön in die Quere fahren und kann uns den Spaß an der Sexualität auch ganz schön vermiesen. Und das ist die Stelle, an dieser Stelle sage ich, da braucht es die Aufklärung. Nimm bitte in Deinem Kopf auf: Finde heraus, wie Du und Dein Liebster es am Liebsten habt. Macht es so! Und wenn ein erwachsener Anderer dabei ist: Spass dabei! Pervers ist es erst, wenn keiner mehr mitmacht.

Was sind gängige Klischees, wie Sex zu funktionieren hat?

Schnura:
Gängige Klischees, wie Sex zu funktionieren hat werden typischerweise transportiert aus dem Popleben. Also, Leute, die – ich weiß nicht – drei, vier gut laufende „Chicken“ im Hintergrund haben oder, die „Frau, die immer Lust hat“ oder, was aus Pornos transportiert wird. Also, wenn ich mir Filme von modernen Rappern angucke, dann denke ich immer: Mensch, haben die da irgendwo einen Stall, wo die all die jungen Frauen herholen? Wie kriegen die das hin? Und befriedigen die die alle selber? Oder lassen die die von ihren Handlangern befriedigen? Das erzeugt natürlich einen Erwartungsdruck, der „hausgemacht“ ist, das kann man schon sagen. Also, das kann ich ja sehen und übernehmen oder es sein lassen. Ich rate zum Sein-lassen. Aber, die Klischees, die da entstehen, die sind dennoch, das erfahre ich auch von Patienten, immer wieder zerstörerisch, weil sie orientieren sich, sogar wider besseren Wissens – sie wissen, dass das alles Quatsch ist und dass das alles industriell erzeugt ist und trotzdem orientieren sie sich daran und kommen nicht daran vorbei zu sagen: Hey, das, was wir hier haben, meine Liebste und ich, das ist eine ganz andere Geschichte und hat weder mit dem Radio, noch dem Fernsehen , noch sonst irgend etwas anderem zu tun, sondern unsere ganz private Angelegenheit. So kommen Klischees in die Köpfe, die mit dem wahren Leben des Einzelnen nichts zu tun, aber dennoch, wie ich es vorhin gerade sagte, „Querschießen“  und einem am Ende den Spaß an der Sexualität sogar vermasseln können.


Wenn nun mit diesen Klischees aufgeräumt wird, bedeutet das sexuelle Erfüllung?

Schnura:
Nein, leider nicht. Klischees aus dem Kopf herauszuschaffen heißt erst einmal nur: „Hindernisse beiseite schaffen“. Sexuelle Erfüllung erfordert noch mehr. Also, Vorurteile wegräumen ist schön und ist wichtig, das ist die Voraussetzung, aber, wenn es um sexuelle Erfüllung mit einer Partnerin, einem Partner geht, dann braucht es noch mindestens eine Sache mehr. Nämlich, dass wir aus der Vielzahl möglicher sexueller Vorstellungen und Wünsche ungefähr die Gleichen teilen. Und, wenn das übereinstimmt: Glück gehabt! Aber, dass es Menschen gibt, die ganz unterschiedliche Vorstellungen von gemeinsamer Sexualität haben bedeutet natürlich dann auch: Dann gibt es Schwierigkeiten. Und jetzt ist die Frage: Können wir die aus dem Weg schaffen oder nicht? Also, es ist so eine Frage, die ich gestern mal einem Freund gestellt habe. Nämlich: Wie wird man eigentlich homosexuell? Und die Antwort lautet natürlich: Gar nicht! Das wird man nicht, weil man irgendwie – ich weiß nicht – Schwule gesehen hat, sondern das ist... naja, das „findet man in sich vor“. Und so gibt es also auch Menschen, die mögen Sexualität ein bißchen softer, andere mögen sie ein bißchen bestimmter. Und in diesem Bereich von Unterschieden kann man eben auch feststellen, dass es auch ganz individuelle Hindernisse gibt, die dann aber auch – und das ist leider schlimmer als mit diesen Vorurteilen – die dann nicht ohne Weiteres aus dem Weg geräumt werden können. Das heißt also: Wenn ich eine bestimmte Vorstellung davon habe, wie unsere  Sexualität funktionieren soll und Deine Vorstellungen sind anders, dann wird es für uns beide schwierig. Und ich frage mich, ich bin mir nicht sicher, wie die Antwort lautet: Können wir diese Schwierigkeiten aus dem Weg räumen? Aber darum geht es letzten Endes. Das heißt seine eigene und unsere gemeinsame Sexualität zu entdecken. Und dann: Dann können wir den Weg zu Erfüllung als plan, als eben, uns vorstellen und sagen: Ja, den können wir jetzt gehen.

Aufklärung und Psychotherapie sind das zwei Themengebiete, die zusammen passen?

Schnura:
Ja, sie passen zusammen. Ich glaube schon, dass es eine Sache ist, die ich auch als Therapeut leisten muss, dass ich meinen Klienten, die Schwierigkeiten damit haben auch sage: Es kursieren eine ganze Menge Vorurteile, denen Sie vielleicht aufgesessen sind, die Sie noch nicht aus dem Kopf herausgekriegt haben -  und einfach ist das weiß Gott nicht – und solange Sie sich mit diesen Vorurteilen noch herumschlagen, können wir noch gar nicht über Ihre eigene Sexualität sprechen. Wenn diese Vorurteile aus dem Kopf heraus sind, wenn ich diesen ganzen Leistungsquatsch aus dem Kopf herausgekriegt habe, dann kann ich lernen, zu meiner eigenen Sexualität zu stehen, und an dieser Stelle da braucht es dann manches Mal noch wirklich Therapie.

DVD-Tipp:
„Sexualstörungen“ von Thomas Schnura, erschienen bei der Video-Commerz GmbH.

Gast:
Thomas Schnura, Heilpraktiker + Psychologe M.A.
Lister Straße 7
30163 Hannover
Termine erhalten Sie unter der Rufnummer:
0171 – 317 86 63
http://www.naturheilpraxis-schnura.de/

Informationen zur Sendung vom 1. September 2014
„Gut aufgestellt in der Familie...“


Freunde kann man sich aussuchen, die Familie nicht – und Blut ist bekanntermaßen dicker als Wasser. Nicht immer sind die Familienbande intakt. Gestörte Beziehungen können den Einzelnen, als auch das gesamte Familiensystem, belasten. Es gibt ungeschriebene Gesetze, Regeln und Rangfolgen. Was tun, wenn man sich „fehl am Platz“ fühlt? Oder das gesamte System so verstrickt scheint, dass es scheinbar keinen Ausweg gibt? Welche Lösungsmöglichkeiten das „Familienstellen“ bietet, darüber habe ich mit Sylvia Lampe, Psychologische Beraterin und Familienstellerin aus Hannover/Langenhagen gesprochen. Her(t)zlichen Dank!

„Familienaufstellung nach Hellinger“, was ist das?


Lampe:

Es ist eine Therapieform. Hellinger ist am bekanntesten, aber die Ursprünge liegen bei dem Arzt Jakob Moreno. Also, es kommt jemand mit einem Problem und versucht eine Lösung zu finden und dieses Problem kann sein: In der Partnerschaft oder auch bei der Arbeit, im sozialen Bereich, egal wo. Und der kommt einfach und versucht in dem Sinne eine Lösung zu finden und man versucht aufzustellen: Menschen als Stellvertreter. Er sucht sich sozusagen einen Stellvertreter für sich und für den mit dem er ein Problem hat, also seinem Partner oder seinem Chef und der wird einfach mal gegenübergestellt. Dann entwickelt sich das, dass der Stellvertreter Gefühle entwickelt von dem, der aufgestellt wurde. Das sind einfach Gefühle, die fließen. Alle sind sehr erstaunt, weil es wie ein kleines Wunder ist.


Wie sieht die „Modellfamilie“ nach Hellinger aus? Das heißt: Wie ordnet sich ein gesundes Familiensystem?

Lampe:

Also, nach Hellinger ist es so, dass der Mann als erstes steht – es gibt aber auch immer Ausnahmen bei ihm – dann kommt die Frau und dann kommt das erste Kind, das zweite Kind und dann manchmal, je nachdem, auch abgetriebene Kinder oder verlorene Kinder. Es sind immer alle dabei. Und das ist das Wichtigste, dass das auch aufgenommen wird, dass alle dabei sind, darum geht es in dem System.

Nun sieht die deutsche klassische Familie so aus: Vater, Mutter, 1,5 Kinder. Kann man diese Regeln Hellingers eigentlich da noch anwenden? Gibt es das noch?

Lampe:

Ja, die Patchworkfamilien müssen anders aufgestellt werden. Es ist wichtig, dass jeder im System akzeptiert und anerkannt wird.

Was kann die Ordnung in einem Familiensystem stören, beziehungsweise aus dem Gleichgewicht bringen?

Lampe:

Wie ich vorher schon mal erwähnt habe, es geht darum alle zu sehen und wenn jemand zum Beispiel ausgeschlossen ist aus dem System, wie ein Zwilling, ein verlorenes Kind, was vorher abgegangen ist, nicht anerkannt wird, dann kann das Kind, das noch da ist, schon Schwierigkeiten haben. Er nimmt zum Beispiel sehr viele Berufe an, weil er unterbewusst denkt, er muss das für das andere Kind mitmachen.

Was gibt es noch für Beispiele?

Lampe:

Ja, es ist zum Beispiel so, dass, wenn Scheidungen stattgefunden haben, dass das Kind auch immer versucht, den, der gegegangen ist zu vertreten, dass er immer aufzeigt: Oh – wenn es die Mutter war – Mama ist nicht mehr da. Ich muss jetzt hier mal zeigen, dass Mama noch da ist! Und wird zum Beispiel schlechter in der Schule oder fängt an ein bißchen aufzudrehen, wo man ja manchmal auch denkt: Oh, ADHS? Aber manches ist einfach auch in der Richtung, dass das Kind versucht, das auszugleichen.

Und in der Partnerschaft ist es so, dass man immer wieder in die gleichen Muster verfällt und sich zum Beispiel immer den falschen Typus aussucht, aus dem Grund, weil vielleicht die Oma oder der Opa meinten irgendwie: Alle Frauen sind schlecht. Oder: Alle Männer sind schlecht. Das sind Gefühle, die weitergegeben werden und das wirkt sich dann in dem System auch weiterhin aus und, das kann man auch in Familienaufstellungen auflösen, dass man davon befreit ist und, dass man sich dann eine glückliche Partnerschaft suchen darf und sich dann selbst die Erlaubnis geben darf.

Bestimmte Glaubenssätze, die einem die Eltern/ Großeltern usw. vermittelt haben oder bestimmte Lebensereignisse, meinetwegen wie: Verlust eines geliebten Angehörigen, können das System stören und vielleicht aus dem Gleichgewicht bringen. Welche Auswirkungen können solche Störungen haben, auf den Einzelnen? Gibt es da psychische Symptome, oder kann sich das auch auf den Körper auswirken?

Lampe:

Ja, alles. Ich habe letztens auch eine Aufstellung gehabt, wo eine Frau ihre Mutter noch gehen lassen musste. Es war sehr tränenreich. Es war ein Loslassen. Es war ein Akzeptieren von Sterben und gab eine unheimliche Kraft. Die Frau, die aufgestellt hatte, für sich, merkte einfach hinterher, dass sie ein Gefühl von Kraft bekam, dass die Mutter immer bei ihr ist und sie sie dadurch loslassen konnte, aber im Herzen, wie man so schön sagt, weiterträgt. Und die Trauerarbeit war dadurch viel einfacher. Und die Auswirkungen waren halt vorher, dass sie im Berufsleben eher kein Selbstvertrauen hatte, auch viel Süßigkeiten aß, auch körperliche Auswirkungen, dass sie immer müde war und das hat sich danach gelegt.

Wie kann ich mir so eine Familienaufstellung nun konkret vorstellen, wenn jemand mit einem Problem zu Ihnen kommt?

Lampe:

Ja, also: Ich brauche einen Raum. Möglichst mit viel Platz und dann noch Menschen, die bereit sind, sich für jemanden aufstellen zu lassen. Und dann kommt derjenige mit einem Problem, sagen wir jetzt mal, in der Partnerschaft. Dann weiß ich schon mal, dass derjenige sich selbst aufstellen möchte und auf jeden Fall, dass er den Partner braucht. Und den sucht er sich aus den Leuten, die da sind, geht zu denen hin, schaut denen in die Augen und dann sucht er sich nach einem Impuls jemanden aus und den stellt er dann mit in den Raum auf. Und das geht dann halt nacheinander: Er sich selbst, als Stellvertreter und dann, in dem Falle, der Partner. Dann setzt er sich hin und schaut sich das Ganze von außen an. Und alleine wie die beiden schon mal zueinander stehen, kann man viel ablesen. Dann geht es so weiter, dass die Menschen, die jetzt da stehen auf dem Feld, ihre Gefühle erklären. Das sind Körperwahrnehmungen oder Gefühle, zum Beispiel: Ich fühle mich hingezogen. Oder: Ich habe das Gefühl ich möchte mich umdrehen. Oder: Meine Beine sind ganz schwer. Solche Wahrnehmungen. Die höre ich mir an und dann entsteht etwas daraus, dass man vielleicht etwas braucht. Das kann manchmal ein Gefühl sein, was man noch dazu stellt. Das muss nicht nur eine Person sein. Oder man stellt noch ein Kind auf, weil das vielleicht da mit Auslöser war, an dem Partnerschaftsproblem. Und dann sucht sich derjenige, den nächsten Stellvertreter aus. Das entwickelt sich bis zum Schluss, wo man ein, ich sage jetzt mal nicht unbedingt immer angenehmes Bild hat, aber ein Bild, was sich zum Guten wendet, dass es demjenigen, der aufstellt besser geht. Also, eigentlich geht es allen in dem System besser, dass man sagen kann, das Endbild ist das, was sich einprägen soll, was in nächster Zeit wirken soll, nachwirken.

Das erinnert ja jetzt ein bißchen an „Theater spielen“. Die Gefühle, die in einer solchen Aufstellung aufkommen, zu wem gehören die?

Lampe:

Die Gefühle gehören zu den Personen, die wirklich aufgestellt werden. Man bekommt das immer wieder mit, weil – ich sage mal –  Spitznamen auf einmal fallen, die keiner wissen konnte oder Gefühle von Unfällen, wo auf einmal Narben schmerzen, die derjenige ja gar nicht hat oder es ganz stark auf der Schulter irgendwie brennt, weil derjenige Verbrennungen hatte. Es sind Sachen, die derjenige (der Stellvertreter) nicht wissen kann. Also, es kommt schon von dem, der da auch aufgestellt wurde.

Ich kann mir vorstellen, dass so eine Arbeit in der Gruppe nicht für jeden geeignet ist. Also, ich persönlich möchte nicht vor jedem meine Probleme vortragen und austragen. Braucht man für die Familienaufstellung wirklich immer eine Gruppe?

Lampe:

Braucht man nicht. Man kann das auch alleine machen, indem man Zettel aufschreibt, dann die Personen da namentlich niederschreibt und sich dann selbst hineinversetzt. Oder es gibt auch Aufstellungen mit Gegenständen, zum Beispiel, man kann alles nehmen, was man in dem Raum hat.

Was ist eigentlich das Wirkprinzip einer Aufstellung? Warum  funktioniert das? Gibt es Erklärungsmodelle?

Lampe:

Also, ich habe über wissenschaftliche Studien gelesen, in denen man festgestellt hat, dass man Personen rausgenommen hat und sie ausgetauscht hat, mit anderen Personen und es sich immer wieder, die gleichen Emotionen und die gleichen Körpergefühle, sich entwickelt haben.

Man hat da sozusagen die „Probe auf Exempel“ gemacht.

Für wen ist Familienaufstellung, das Familienstellen geeignet?

Lampe:
Für jedermann und jedefrau. Die jüngste war sechzehn und die älteste ist achtzig.

Was ist das Potential einer Aufstellung? Was kann ich mit einer Aufstellungsarbeit erreichen?

Lampe:

Man kann sich selbst besser verstehen. Man kann die Beziehungen, in denen man steckt, besser verstehen. Und man kann sich selbst ändern. Man kann etwas auflösen, was vielleicht in der Vergangenheit noch bis ins Heute nachwirkt und dadurch kann man einfach ein entspannteres, glücklicheres Leben führen.

Sie sagten im Vorgespräch, die Leute gehen mit einem „Bild“ nach Hause, mit einem bestimmten Bild, was sich einprägt. Was bedeutet das?


Lampe:

Ja, dieses Bild, zum Beispiel, bei der Dame, die ihre Mutter losgelassen hat, die gestorben war, die hat das sehr lange mit sich herumgetragen und in dieser Trauer steckte sie einfach fest. Und es war für sie hinterher einfach dieses Bild, dass die Mutter hinter ihr steht und ihr Kraft gibt, war für sie etwas Befreiendes und Kraftspendendes. Also, dass sie in ihrem Leben, wenn sie jetzt weiter durch das Leben geht, einfach die Kraft von ihrer Mutter auch nutzen kann. Vorher hat sie sich einfach nur allein gefühlt. 

Buchtipp:

„Lexikon des Familienstellens und der systemischen Aufstellungsarbeit“, Pierre Frot, Schirner Verlag

Gast:

Sylvia Lampe

Psychologische Beraterin

Familienaufstellung & Kinesiologie

Sollingweg18

30851 Langenhagen

Tel: 0170 – 41 77 996



Informationen zur Sendung vom 6. Oktober 2014
Gewaltfreie Kommunikation

„Verstehen und Verstanden werden....“

„GFK“. Das steht für „Gewaltfreie Kommunikation“, eine Konfliktlösungs- und Kommunikationsmethode, die Anfang der 60er/70er Jahre von dem Psychologen „Marshall Rosenberg“ entwickelt wurde. Genutzt wird die GFK dort, wo sprechen wichtig ist: In der Familie, am Arbeitsplatz, in der Therapie und in der Mediation. Aber können wir, mit dem was wir sagen, wirklich Gewalt ausüben? Und mit welchen Folgen?
Wie Sie lernen können, in konfliktreichen Situationen die richtigen Worte zu finden, darüber habe ich mit Annette Böttger, Mediatorin und Rechtsanwältin, aus Hannover gesprochen. Her(t)zlichen Dank!

Frau Böttger, für die, die nicht viel mit Mediation anfangen können: Was ist das?

Böttger:
Die Mediation ist ein strukturiertes und freiwilliges Verfahren zur Konfliktlösung und bietet eine gute Chance zur außergerichtlichen Beilegung von Konflikten. Die Mediatorin als neutrale Person unterstützt beide Konfliktparteien in eigener Verantwortung, eine für beide Seiten vorteilhafte Lösung zu finden.

Was ist Gewaltfreie Kommunikation?

Böttger:
Unter der Gewaltfreien Kommunikation versteht man eine einfühlsame, eine achtsame Kommunikation. Und das bedeutet, eine innere Haltung, die sich auf gegenseitigem Respekt und Vertrauen gründet und mit deren Hilfe sich Konflikte deeskalieren lassen und somit einen Dialog ermöglichen. Es geht darum zu lernen sich ehrlich und klar auszudrücken und sich über seine Gefühle und Bedürfnisse, aber auch über die Gefühle und Bedürfnisse des anderen klar zu werden. Wird das Bedürfnis, zum Beispiel, erkannt und formuliert und von meinem Gegenüber verstanden, dann führt das zur Deeskalation und Beziehungen gewinnen so an Tragkraft und Tiefe – und Konflikte lassen sich zum Wohle aller lösen.

Was brauchen wir in der heutigen Zeit mehr? Rechtsanwälte oder Mediatoren?

Böttger:
Die Mediation und zwar deswegen, weil die Kommunikation eine der komplexesten und wichtigsten Fähigkeiten des Menschen ist und besteht eben nicht nur in der Weitergabe sachbezogener Informationen, sondern diese laufen zu zwei Drittel des Austausches in einem Gespräch über den visuellen und akustischen Kanal in Form von Gesten, Körperhaltung, Mimik, Beobachtung oder Sprachmelodie.

Welchen Stellenwert nimmt die Gewaltfreie Kommunikation in Ihrer Arbeit als Mediatorin ein?

Böttger:
Die Gewaltfreie Kommunikation ist von daher wichtig, weil man durch die Gewaltfreie Kommunikation seine innere Haltung verändert. Diese innere Haltung mit seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen in Berührung zu kommen. Das ist der Dreh- und Angelpunkt der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg, denn Marshall Rosenberg sagt: „Alles, was wir tun, tun wir nur deswegen, um uns ein Bedürnis zu erfüllen.“

Können wir, mit dem was wir sagen, wirklich Gewalt auf andere ausüben?

Böttger:
Ja! Marshall Rosenberg unterscheidet in die sogenannte Wolfs- und Giraffensprache. Die Wolfssprache spiegelt die Gewalt in der Sprache wider. Eine Sprache, die verletzt, die droht, die beleidigt, die mit Rückzug und Angriff zu tun hat und die Sprache der Giraffe, ist die Sprache mit dem Herzen. Und, wenn wir mit dem Herzen sprechen, dann sprechen wir eine ganz andere Sprache, auf einer ganz anderen Ebene und wir verletzen auch nicht, weil, wir bewerten ja nicht.

Wie wirkt sich die Wolfssprache, diese Form der Gewalt, auf unsere Mitmenschen aus?

Böttger:
Ich fühle mich angegriffen, ich gehe in Rückzug, ich mache sozusagen die „Schotten zu“, weil sie geprägt ist von Schuldzuweisungen, während die Giraffe aus dem Herzen, aus dem Bauch heraus, basierend auf Gefühlen und Bedürfnissen spricht. Die Giraffe ist mehr in der Gegenwart, im Hier und im Jetzt, und die Wolfssprache, die liegt mehr in der Vergangenheit, in Erwartungshaltungen und das führt alles dazu, dass eine Kommunikation, eine echte Kommunikation, nicht statt finden kann.

Wie kann ich lernen, die Gewaltfreie Kommunikation in meinem Alltag einzusetzen?

Böttger:
Die Gewaltfreie Kommunikation ist eine innere Haltung, die ich gegenüber mir selbst und auch gegenüber dem anderen habe. Und durch Lernen, durch Selbsterfahrung und dadurch, dass ich dann bei mir bin, mich selber besser kennenlerne, gebe ich meinem Gegenüber auch die Chance, dass er mich auch kennenlernt.

Nutzen Sie die Gewaltfreie Kommunikation auch für sich selbst? Hat die GFK Ihr Leben verändert?

Böttger:
Ja, auf jeden Fall. Man wird sensibler gegenüber sich selbst. Ich bin dankbar, dass ich das erfahren durfte. Das ist wie eine Ideologie, die sich mit der Zeit dann manifestiert, die man bei sich selbst erlebt, weil man einfach sensibler gegenüber sich selbst ist und Momente schneller erfasst, wo man sagt: „Halt jetzt bist Du schon wieder in einer sogennanten Wolfssprache! Du bewertest.“

Worauf muss ich in meinem Wortschatz achten, wenn ich ihn in Richtung Gewaltfreie Kommunikation verändern will?

Böttger:
Bei der Kommunikation muss ich darauf achten, dass ich bei mir bin, dass ich keine verletzenden Worte von mir gebe, weil dadurch mein Gegenüber gleich auf Distanz geht und eine Kommunikation damit nicht mehr möglich ist. Uns ist anerzogen worden, dass wir oft die Gründe für unsere Gefühle bei anderen suchen. Wir nehmen also damit Schuldzuweisungen vor, die uns eine Kommunikation miteinander zu sprechen erschweren. Das nennt man eine sogenannte Wolfssprache, die geprägt ist von Worten, die verletzen, von Urteilen, die wir uns bilden, die, wenn wir diese Worte anwenden, den anderen zum Rückzug bewegt. Und dem gegenüber steht die Giraffensprache, die als liebevoll gesehen wird, von Herzen kommt, nicht verletzend, den anderen in seinem Dasein eigentlich so annimmt. Und damit schaffen wir eine Verbindung zu unserem Gegenüber, die es ermöglicht, dass er sich öffnet zu einem Gespräch und dazu bereit ist und damit kann man Konflikte lösen.

Ist das das Potential der Gewaltfreien Kommunikation?

Böttger:
Ja. Das ist das Potential der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Das ist das, was mich so daran fasziniert, mehr Mitgefühl gegenüber dem anderen zu entwickeln. Einfach „Ja“ zum dem zu sagen, wofür er steht, mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen. Oftmals wissen die Menschen ja selbst nicht mit den eigenen Gefühlen zurecht zu kommen. Sie, wie ich eben schon gesagt habe, geben oft die Schuld dem anderen, weshalb sie so fühlen. Aber, der Grund dafür ist, für deren Gefühl, dieses negative Gefühl, dass sie unerfüllte Bedürnisse haben. Und dieses zu erkennen, dass ist ein ganz, ganz weitreichender Schritt in der Kommunikation und in dem Umgang miteinader, vor allen Dingen wichtig für den Umgang mit Menschen, der auch weiterhin bestehen bleiben soll.

Wie kann ich mir den Ablauf der Gewaltfreien Kommunikation nun in der Praxis vorstellen?

Böttger:
Ja, die GFK verwendet die vier Schritte, der „Beobachtung“, das „Gefühl“, das „Bedürnis“ und die „Bitte“. Und man fängt zunächst mit der Beobachtung an und man bittet die Parteien den Sachverhalt zu schildern, möglichst ohne diesen zu bewerten. Dann geht man auf das Gefühl und fragt: „Bitte sagen Sie mir, wie Sie sich gefühlt haben in dieser Situation.“ Oder: „...in der beschriebenen Situation und teilen mir das bitte mit.“ Da werden Emotionen abgefragt, die natürlich einfach da sind, die auch nicht angreifbar sind. Die lässt man erstmal so im Raume stehen. Und dann geht man weiter auf das Bedürfnis und fragt: „Überlegen Sie bitte, was es war, das Sie in dieser Situation gebraucht hätten. Was war Ihr Bedürfnis? Ihr Interesse?“ Und, das Bedürfnis kann Anerkennung sein, Wertschätzung, Akzeptanz. Da gibt es ja ganz, ganz viele menschliche Bedürfnisse, die da eine Rolle spielen. Und dann versucht man abschließend die Bedürfnisse in einer konkreten und positiv formulierten Bitte auszudrücken. Dabei soll es sich natürlich nicht um eine Forderung handeln, sondern um eine Bitte. Eine Bitte kann man auch mit „Nein“ beantworten. Während eine Forderung ja irgendwelche Sanktionen nach sich ziehen würde. Also, das ist ein ganz, ganz wichtiger Faktor. Immer positiv formulieren.

Es geht also um Verstehen und Verstanden werden?!

Böttger:
So, ist es!

Buchtipp:
Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens, Marshall Rosenberg, Junfermann Verlag

Gast:
Annette Böttger
Mediatorin & Rechtsanwältin
Gewaltfreie Kommunikation
Freihorstfeld 54 a
30559 Hannover
Tel.: 0511 52489692


Moderatorin:

Sonja Kohn

Heilpraktikerin/Dozentin/Freie Redakteurin/Ein Mitglied der AG Haut.

Peiner Str. 29, 31319 Sehnde, Tel.: 05138 – 61 57 52




Jeden 1. Montag im Monat auf Radio Leinehertz 106.5, 17:05 Uhr.

Radio Leinehertz 106.5: http://www.leinehertz.net/


Ein rechtlich wichtiger Hinweis: Die Tipps der Sendung „Psyche kompakt“ dienen Ihrer Information und sind zur Selbsthilfe gedacht! Sie ersetzen keine Psycho- oder psychosomatische Therapie durch speziell ausgebildete Fachleute - und sind nicht oder nur teilweise wissenschaftlich durch Studien belegt.


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