Sendung vom 5.10.2015 - Rituelle Gewalt



Informationen zur Sendung vom 5. Oktober 2015



„Den Schritt wagen und aussteigen...“




Satanismus in Deutschland. Eine Gefahr, die viele Menschen nicht erkennen, da das, was sie sehen könnten, so unglaubwürdig und grausam ist, dass es die Vorstellungskraft Außenstehender sprengt. Ein Grund mehr, Bewusstsein für dieses Thema zu schaffen, um ritualisierter Gewalt gegen Kinder, Jugendliche und Erwachsene den Garaus zu machen. 

Wie diese Leidkette durchbrochen und den Betroffenen geholfen werden kann, darüber habe ich mit Sofie Dreßler, Psychologische Beraterin, aus dem bayrischen Pressath gesprochen. Her(t)zlichen Dank!



Frau Dreßler, was ist ritualisierte Gewalt?



Dreßler:

Zunächst ist es erstmal so, wenn man den Begriff „rituelle Gewalt“ versucht zu definieren, dann könnte man jetzt ganz weit gefasst sagen, dass rituelle Gewalt eine Gewalt ist, die sich auf eine bestimmte Art und Weise in einem bestimmten Schema immer gleich wiederholt oder ähnlich wiederholt. Und in der Definition in der wir den Begriff aber heute verwenden, ist er sozusagen nochmal etwas weiter gefasst, da geht es noch um etwas ganz spezielles, nämlich um eine sehr, sehr schwere Form der Misshandlung, um: physische, psychische und sexuelle Gewalt, die ganz planmäßig und zielgerichtet, im Rahmen von Zeremonien in Gruppierungen oder bei anderen ideologisch ausgerichteten Gruppierungen statt findet. Und diese Zeremonien können entweder eben einen ideologischen Hintergrund haben, oder auch einfach zur Täuschung oder Einschüchterung der Opfer inszeniert sein und diese Ereignisse werden über einen längeren Zeitraum wiederholt. Oftmals ist es dann auch so, dass die Opfer während der Rituale gleichzeitig gezwungen werden, selber auch zu mißbrauchen, auch Gewalt auszuüben, um an den Kult, an die Gruppe, an die Sekte zu binden. Also, rituelle Gewalt ist eine schwere Form der Mißhandlung in Gruppierungen im organisierten Verbrechen mit ideologischen Hintergrund.



Welche Ideologie steckt hinter diesen Gewalttaten?



Dreßler:

Da gibt es unterschiedliche Ideologien. Teilweise stecken hinter diesen Gewalttaten Teile des organisierten Verbrechens. Da geht es um Menschenhandel, Prostitution, Kinderhandel, Verbreitung von Kinderpornographischen Inhalten und dergleichen. Dann hat man es mit satanistischen Gruppierungen oder mit Gruppierungen zu tun, wo ähnliche Glaubensideologien dahinter stehen. Wo man sagt: Dieses Ritual, diese Zeremonien, diese Gewalttaten passieren im Auftrag von Satan. Im Auftrag von einem Gott. Als Opfer für einen Gott, das als Glaubensinhalt oder als Ritual zur Glaubensauslebung gehört.



Warum schließen sich Menschen so offensichtlich gewaltbereiten satanischen Sekten an?



Dreßler:

Aus meiner Praxiserfahrung ist es so, dass die überwiegende Anzahl der Menschen, die ich betreue, sich nicht freiwillig dieser Gruppierung oder einer Organisation angeschlossen haben, sondern, dass sie schlichtweg in diese Gruppierung über Generationen hineingeboren werden und von Geburt an in dieser Gruppierung nach diesen Ideologien aufwachsen. Es gibt auch Einsteiger, die von außen kommen, die sich erst in späteren Lebensjahren dieser Gruppierung anschließen. Dazu muss man sagen, dass es da eigentlich zwei Varianten gibt. Das eine sind oft Menschen, die einfach Kontakt suchen. Denen es vielleicht sozial oder psychisch gerade nicht so gut geht. Die erstmal einen gewissen Halt finden. Jemanden der sie auffängt. Der für sie da ist. Ein soziales Gefüge, das unterstützend wirkt. Und wo diese Menschen eigentlich peux à peux in diese Gruppierungen reinrutschen. Ohne das zu merken. Die andere Variante ist, dass es natürlich Menschen gibt die sagen: Ich suche mir gezielt diese Lobby aus, weil ich in dieser Lobby Gewalttaten ausüben kann und relativ sicher bin, dass mich keiner dabei erwischt. Und weil ich auch relativ sicher bin, dass die Opfer schweigen werden. Also, ich habe selber zum Beispiel diesen Drang, diesen Hang, möchte Kinder mißbrauchen, bin selber ein Gewalttäter und möchte das in einem relativ sicheren Umfeld tun. Und suche mir deshalb den Kontakt ganz gezielt aus und versuche aus diesem Grund in diese Gruppierungen hereinzukommen.



Welche Auswirkungen hat die systematische Anwendung von ritueller Gewalt auf die Opfer?



Dreßler:

Bei den Menschen – bei den Kindern, bei den jungen Frauen und Männern – die dort hineingeboren werden ist es so, dass sie augrund der massiven Gewalttaten häufig eine multiple Persönlichkeitsstörung entwickeln. Das heißt: Sie werden „viele“. Ihre Seele spaltet sich aufgrund der Gewalttaten auf. Die Folgeschäden durch die Gewalt sind auch massive körperliche Beeinträchtigungen: Schmerzen, Schäden, die durch Knochenbrüche, Frakturen, Verletzungen während der Gewalthandlungen zurück bleiben, Angststörungen, Entwicklung von posttraumatischen Belastungsstörungen. In diesen Gruppen wird häufig auch mit Mind-Control-Techniken oder sogenannten Programmierungstechniken gearbeitet, um die Opfer auch auf die Bedürfnisse der Gruppe gezielt abzurichten und so weiter.



Was sind Anzeichen von ritueller Gewalt? Woran erkenne ich als Außenstehender, ob einem Kind, Jugendlichen oder Erwachsenen Gewalt angetan wird?



Dreßler:

Also, zunächst einmal ist das nicht immer so ganz einfach zu erkennen. Was wichtig ist, wenn man jetzt den Verdacht hat, dass jemand davon betroffen ist, dass man einfach gut zuhört und auch aufmerksam beobachtet: Was steckt jetzt dahinter? Ansonsten kann man gucken: Ist eine Person öfter verletzt? Gibt es Verbrennungen, Verrenkungen, Frakturen? Gibt es irgendwelche äußerliche Anzeichen, dass eben Gewalt stattgefunden hat? Dann kann ich gucken: Ist eine Person sehr dissoziativ? Also, habe ich das Gefühl, die rutscht immer wieder weg. Oder, die kann mir gar nicht folgen. Die hat Probleme sich zu konzentrieren. Die wirkt bei manchen Themen sehr apathisch oder abwesend. Oder bekommt sie gar nicht so mit. Oder: Wird jemand um bestimmte Feiertage instabil? Gibt es da Auffälligkeiten? Hat jemand zum Beispiel immer Klinikeinweisungen?Oder totale Einbrüche an Weihnachten, Ostern, an den Sonnenwendtagen? An Daten, die einfach von diesen Kulten genutzt werden? Dann kann ich natürlich nachfragen: Gibt es sowas wie Zeitlücken? Das ist etwas, was Menschen, die „viele“ sind, die Multiple sind, oftmals einfach haben. Auch, dass sie Amnesien im Alltag haben, größere Zeitlücken, die sie nicht erinnern. Oder: Hat jemand Stimmen im Kopf? Von kleinen Kindern? Oder auch von Jugendlichen? Das hat nichts damit zu tun schizophren oder psychotisch zu sein. Das ist ganz wichtig. Das ist einfach ein Anzeichen von diesen kleinen, kindlichen Innenpersonen, die sich durch die Gewalt von der Seele einfach abtrennen mussten. Gibt es Zwangsgedanken? Gibt es Lieder? Gibt es Gesänge, die einfach immer wieder im Kopf auftauchen? Gibt es Erinnerungen an den Geschmack von Kot, Urin oder Blut? Hat jemand schockartige Muskelkontraktionen? Was eine Folge von Elektroschocks sein kann. Erinnert sich jemand an Masken, Kutten, an Altäre, an Opfertische? Schlafstörungen, vor allen Dingen, wenn Menschen aus dem Schlaf hochschnellen, können darauf hin deuten. Gibt es Träume, die darauf hinweisen? Oder auch Hinweise auf stattgefundene Geburten oder Abtreibungen – ohne, dass man dafür eine Akte hat? Das wären so Anzeichen dafür.



Wie kann betroffenen Menschen der Ausstieg aus satanischen Sekten ermöglicht werden?



Dreßler:

Das wichtigste ist eigentlich, wenn sich jemand entscheidet: Ich möchte da nicht mehr dabei sein. Da braucht derjenige ein gutes und sicheres Helfernetz. Und auch eine gute Anbindung nach außen. Das ist häufig gleich zu Anfang der tatsächlich schwierigste Punkt, diese überhaupt herzustellen, weil es immernoch viel zu wenig Menschen gibt, die sich damit auskennen. Wo das, was sie erzählen auf einen Boden fällt, wo sie sagen können: Der versteht mich. Der hat schon mal etwas darüber gehört. Der hat darüber gelesen. Der kennt sich aus. Der glaubt mir. Der ist bei mir. Also, es braucht diese gute, sichere Bindung ins Helfernetzwerk. Zusätzlich, wenn das möglich ist, natürlich auch gesunde private Beziehungen. Soviele wie möglich. Beziehungen, die nichts mehr mit der Gruppe und mit dem Kult zu tun haben. Was dann dazu kommt ist, dass es einfach auch den ernsten Ausstiegsversuch brauch. Gleichzeitig, parallel zur äußeren Arbeit, sollte auch eine innere Arbeit begonnen werden, um die innere Kommunikation herzustellen, zwischen den inneren Persönlichkeiten, die da durch die Gewalt entstanden sind. Sich selber innen zuzuhören: Was ist mir denn passiert? Was ist mir zugefügt worden? Was ist meine Geschichte? Um auch langsam eine Art Kooperation zwischen den Anteilen herzustellen. Ganz wichtig parallel ist, dass in der Therapie dann, eine Befreiung von diesen Zwängen und Mind-Control-Techniken, die in der Gruppe angewandt wurden entsteht. Das ist ein Prozess, der oft Jahre dauert. Aber das kann funktionieren. Das funktioniert auch. Es gibt viele, die mittlerweile draußen sind und sich gut fühlen.  Und ich kann da nur Mut machen, den Weg, so schwer er ist, trotzdem zu gehen.



Und Sie helfen Betroffenen dabei?



Dreßler:

Ja, genau. Ich unterstütze das einfach. Ich berate, was wichtig ist. Ich schaue mit hin, wo es eventuell Fallstricke gibt. Oder, wo Gefahren entstehen. Und begleite durch den Prozess, der ja immer sehr individuell ist. Je nachdem, was für die betroffene Person dann wichtig ist.

 

Buchtipp:

„Vater unser in der Hölle – Inzest und Missbrauch eines jungen Mädchens in den Abgründen einer satanischen Sekte“, Ulla Fröhling, mvgverlag



Gast:

Sofie Dreßler

Psychologische Beraterin (VFP)

Lettenstraße 20

92690 Pressath
Tel.: 09644 - 6898193





Moderatorin:

Sonja Kohn

Heilpraktikerin/Dozentin/Freie Redakteurin/Ein Mitglied der AG Haut.

Peiner Str. 29, 31319 Sehnde, Tel.: 05138 – 61 57 52






Jeden 1. Montag im Monat auf Radio Leinehertz 106.5, 17:05 Uhr.



Radio Leinehertz 106.5: http://www.leinehertz.net/

 

Ein rechtlich wichtiger Hinweis: Die Tipps der Sendung „Psyche kompakt“ dienen Ihrer Information und sind zur Selbsthilfe gedacht! Sie ersetzen keine Psycho- oder psychosomatische Therapie durch speziell ausgebildete Fachleute - und sind nicht oder nur teilweise wissenschaftlich durch Studien belegt.






















































































1 Kommentar:

  1. Sehr sachgerechte und nuancierte Darstellung der Situation von Überlebenden!

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